In dieser Ausgabe

Editorial

Editorial

Festivals. Es werden ihrer immer mehr. Sie ziehen die Massen an. Sie verbreiten gute Laune. Für den skeptischen Geist Gründe genug, sich zu fragen, ob unsere Hochkultur unter solchen Bedingungen nicht zu leiden beginne. Doch scheint das nicht der Fall zu sein, folgt man dem Tenor der für unseren Schwerpunkt eingeladenen Fachleute. Lesen Sie mehr […]

Dossier «Hingehen? Die Festivalisierung der Kultur»

(0) Auftakt

Wandern in Heidiland und Skifahren in St. Moritz. Dass dies sommers wie winters Touristen anzieht, weiss jedes Kind. Doch vergessen wir nicht die Festivals! «Die Zahl der Veranstaltungen ist erstaunlich, die Vielfalt verblüffend», wirbt (darob offenbar selbst überrascht) Schweiz Tourismus, die nationale Marketing- und Verkaufsorganisation für das Reise-, Ferien- und Kongressland Schweiz. Festivals als Standortmarketing. […]

(1) Wer braucht sie, wer will sie, wer bezahlt sie?

Der Blick in den sommerlichen Veranstaltungskalender zeigt statt der erwarteten Flaute ein verlockendes Angebot an Festivals. Was für die traditionellen Institutionen, die Opern- und Theaterhäuser Sommerpause bedeutet, ist für die Festivals Hochsaison. Festivals sind aus dem sommerlichen Kulturkalender nicht mehr wegzudenken. Das Publikum geniesst die lauen Sommerabende an Festivals, von den Zürcher Festspielen zum Theaterspektakel, […]

(2) Als Fachperson sehe ich Schwächen, als Privatperson bin ich gerührt

Der Konsument will umschmeichelt, der Citoyen herausgefordert werden. Und die Filmbranche will international reüssieren. Das Filmfestival Vision du Réel möchte allen etwas bieten. Stichworte für die Zutaten zum Erfolg sind: Rituale, Verführung, Fachkompetenz und croissance zéro.

Blogs, Rede & Widerrede

von zwei Lesern Juni 2009 Andreas Fagetti, St. Gallen, Leserbrief zu «Aufgewacht? Die Folgen der Finanzkrise» Nr. 969 «Schweizer Monatshefte», S. 19 ff. Wenn alle schuldig sind, ist niemand verantwortlich «Alles löst sich derzeit im Wir auf. Wir alle waren doch gierig und sind daher mitschuldig an der Finanz- und Wirtschaftskrise. Wir alle rannten doch […]

Dimitri im Gespräch

Dimitri gilt nicht nur als einer der grossen Clowns. Er hat auch ein eigenes Theater, eine eigene Truppe, eine eigene Schule und ein eigenes Komik-Museum gegründet. Und er hat noch viel vor. Suzann-Viola Renninger hat ihn, an einem Nachmittag vor einer Aufführung, in Basel getroffen.

Urs Faes 1/2 Gespräch
Urs Faes 1/2 Gespräch

Werkgespräche // Eine Stafette Wie entsteht ein Buch? Meist wissen wir Leser wenig über seine Entstehungsgeschichte, über das, was den Autor während des Schreibens antreibt, worüber er sich freut und woran er leidet.
In den «Werkgesprächen» erzählen Schriftsteller über ihr Schreiben und stellen anschliessend einen Auszug aus einem Text vor, an dem sie gerade arbeiten.
Die «Werkgespräche» werden in dieser Ausgabe mit Urs Faes eröffnet. In der kommenden Ausgabe spricht er, das Staffelholz weitergebend, mit Klaus Merz über dessen schriftstellerische Arbeit.

Aktuelle Debatten

Der unhintergehbare Körper

Der Körper als Mass aller Dinge: das ist Biometrie. Was anfangs als Identifikations-methode gedacht war, entwickelte sich bald zur Überwachungstechnologie. Wissen das jene, die in der Volksabstimmung für die Einführung biometrischer Pässe votiert haben?*

Kultur

Bewegung ist eben alles

Man könnte neidisch werden. Er steigt in den besten europäischen Hotels ab, ob in Weimar oder Porto, Grenchen oder Zürich. Er besucht die berühmten europäischen Bäder, ob in Budapest oder Baden-Baden. Etwa das Friedrichsbad, diesen klassizistischen Badetempel von altkaiserlicher Pracht. Dort wurde auch an nichts, ob Marmor oder Messing, gespart, allenfalls an Kleidung, denn man […]

Nie wird Frau Blum den Milchmann kennenlernen

Diese Sammlung von Kolumnen kann als privates Buch gelesen werden. Dann ist man verführt, den Autor zu umarmen und wünscht sich, ihm regelmässig in der Beiz zu begegnen, um die sich nicht wenige seiner Geschichten drehen. Die Sammlung kann aber auch als öffentliches Buch gelesen werden, in dem ein früher politisch Engagierter die Gegenwart bespiegelt. […]

Lust auf Holzschnitte?

Freunde besonderer Bücher schätzen ihn als kongenialen Gotthelf-Illustrator, Kennern gilt er als der bedeutendste Holzstecher nach Felix Valloton: Emil Zbinden, der 1991 im Alter von 83 Jahren in Bern verstarb. Als «werktätiger Künstler» verstand er sich und verband konsequent sein soziales und politisches Engagement mit seiner künstlerischen Arbeit. Dies machte ihn vielen in der Schweiz […]

Hier geht’s um Sex!

Liebesbeziehungen sind auch Machtbeziehungen. Unter diesem Aspekt betrachtet, verdient der Sadomasochismus keineswegs den unfrohen Platz irgendwo zwischen Talkshowsensation und Pornoschmuddelecke, der ihm immer noch in der Öffentlichkeit zugewiesen wird. Er kann das vergröberte Besondere eines Allgemeinen sein; oder das bewusstere Besondere, ein Spiel von Leuten, die immerhin wissen, was sie tun. Liberale Akzeptanz, wie sie […]

…und hier um matchmaking

Texten aus dem Umfeld der Literaturwissenschaft haftet meist ein gewisser akademischer Stallgeruch an. Nicht so bei Peter von Matt. Schon in seinen grossen Studien über den «Liebesverrat» und «Die Intrige» hat der inzwischen emeritierte Zürcher Germanist gezeigt, dass man über gewichtige literarische Themen spannend und unterhaltsam schreiben kann. Sein neues Buch «Wörterleuchten», eine Sammlung von […]

UN-Beobachter in der Wüste

Die neuesten Zahlen belegen, dass die Rüstungsausgaben weltweit ebenso zunehmen wie die Zahl der Friedensoperationen. Was jene anrichten, sollen diese glätten. Dafür allerdings braucht es Ausdauer, insbesondere wenn Konflikte nur beruhigt, nicht gelöst werden. In der südalgerischen Sahara beispielsweise hausen Flüchtlinge seit Jahrzehnten in Lagern, ohne Aussicht auf Heimkehr; der West-Sahara-Konflikt schwelt auf kleinstem Feuer […]

Viel mehr Meer als wir wollten!

Merkwürdig ist das schon: da schreibt ein nicht ganz unbekannter Autor einen pünktlich zur globalen Finanzkrise erscheinenden Roman, in dem es zentral um deren Ursachen geht und der ganz konsequent auf ein Weltuntergangsszenario hinausläuft – und fast niemand beachtet ihn. Da verfasst, ein halbes Jahr später, kein Geringerer als der Feuilletonchef der renommierten deutschen Wochenzeitung […]

Wb. – Von Thomas Mann bis Hürlimann

All dies war Werner Weber mit Sicherheit nicht: ein Lautsprecher, ein Selbstdarsteller, eine medienkonforme Persönlichkeit. Wer dem bescheidenen, stets liebenswürdigen Mann im Alter begegnete, mochte ihn vielleicht sogar unterschätzen. Dabei hatte man jemanden vor sich, der über die Schweiz hinaus dem literarischen Leben mindestes ein Vierteljahrhundert lang seinen Stempel aufdrückte. Nichts Geringeres als einen Einblick […]

12 Morde, auch für Krimifreunde

«Zufällige Begegnung» heisst eine der zwölf kriminalistischen Kurzgeschichten, die der Bielefelder Pendragon Verlag zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Peter Zeindler in einem hübschen Band versammelt hat. Eine Unterhaltung zwischen zwei Fremden am Rande eines Trauerzugs gewährt gerade soviel Einblick in die Psyche einer verzweifelten Frau, wie notwendig ist, die Spekulationen ihres Gesprächspartners zu erahnen. Doch […]

Diego? Diego!

Es ist ein schönes Buch, dessen Lektüre Freude macht – angenehme, freundlich formulierte persönliche Äusserungen zu Diego Giacometti, Photos, die ihn und seine Arbeiten zeigen, Abbildungen von Skizzen und Entwürfen, Tierskulpturen und Einrichtungsgegenständen, und von seiner Ausstattung des Picasso-Museums im Hôtel Salé in Paris, die als der Höhepunkt seiner persönlichen künstlerischen Selbstverwirklichung gelten kann. Daneben […]

Konjunktiv, verzettelt

Vortreffliche Literatur lässt sich definieren als das Zusammentreffen von guter Idee und gelungener Ausführung. Egal, welches Genre ein Schriftsteller wählt, der Einfall muss taugen und die Umsetzung halten, was das Konzept verspricht. Auf den konkreten Einzelfall angewandt heisst das, dass Ralf Schlatter für sein neues Buch «Verzettelt» eine aussergewöhnlich gute Idee hatte. Über Jahre sammelte […]

Theophanu Imperatrix

Kein Wort Latein oder Deutsch spricht die 12jährige Theophanu, Nichte des oströmischen Kaisers Johannes, als sie im Januar 972 das Schiff gen Westen besteigt. Ein letzter Blick zurück auf die prächtigen Kuppeln des Bukoleon-Palasts und die rot-weiss gestreifte Stadtmauer, dann liegt Konstantinopel auch schon hinter ihr. «Kaiserin der Franken» schreibt das Mädchen in griechischen Buchstaben […]