Schweizer Autoren in Kurzkritik XVII

14 Bücher, vorgestellt in der siebzehnten Folge der «Schweizer Autoren in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

1 Nie wird Frau Blum den Milchmann kennenlernen

Diese Sammlung von Kolumnen kann als privates Buch gelesen werden. Dann ist man verführt, den Autor zu umarmen und wünscht sich, ihm regelmässig in der Beiz zu begegnen, um die sich nicht wenige seiner Geschichten drehen. Die Sammlung kann aber auch als öffentliches Buch gelesen werden, in dem ein früher politisch Engagierter die Gegenwart bespiegelt. So genommen, bieten die meisten Beobachtungen und Reflexionen eine erschreckende Diagnose der Resignation. Wie Mehltau liegt sie auf den Kinder- und Jugendlichenepisoden, in denen die erste Rolltreppe gefahren oder die erste Elvisplatte gehört wird. Der Gegenwart wird mit grösster Skepsis begegnet.

Peter Bichsel ist ein Modernisierungskritiker der alten Schule. Wie die Kritik von Weber oder Adorno, richtet sich auch die seine gegen die technologische und bürokratische Effizienz und Planbarkeit. Der zweckrationalen Welt gegenüber preist er das Warten an, sogar das Warten auf nichts, sowie die Fluchten aus dem Geplanten. Schreiben kann er nur im fahrenden Zug ohne Ziel. Rentner und Obdachlose sind für ihn die Vertreter der Menschlichkeit, weil sie ihre Existenz in die endlos fahrenden Züge verlegt haben. Anderseits will Bichsel niemanden wirklich beissen, er ist ein netter Kritiker. Schematisiertes Verhalten kommt, mit der fast liebevollen Ausnahme der sich allzu früh aufreihenden Fahrgäste beim einfahrenden Zug, so gut wie nicht vor. Technologen und Bürokraten treten nicht auf. Leider bleibt die Kritik dadurch selbst nostalgisch. Kann man heute noch ernsthaft über Kartenautomaten oder Bankomaten wehklagen?

Was aus diesen Beobachtungen führt in die Zukunft? Da gibt es Bewunderung für die zunehmend durch Ausländer praktizierte Vielsprachigkeit in der Schweiz, ein Bewusstsein für den falschen Nationalstolz über die Alinghi, eine mindestens halbe Akzeptanz des Fussball- statt Nationalpatriotismus und einen schüchternen Kommunikationsversuch mit einem abweisenden Turbanträger. Bichsels Humanismus äussert sich in der Identifikation mit dem zum Schlachthaus geführten Stier und mit den geistig Behinderten, die im Bus laut grüssend die soziale Isolation der Fahrgäste durchbrechen. Wiederum sind diese Szenen freilich mit Nostalgie verbunden, mit dem Wunsch, die von der grossen Maschine Verdrängten zu retten. Als blinde Maschine kann die Gesellschaft nicht eigentlich humanisiert werden.

Schwermütig im Unmöglichen zu verharren mag eine persönliche Eigenart Bichsels sein. Vor vielen Jahren hat in den ersten Geschichten Bichsels Frau Blums Unvermögen berührt, den allzufrüh am Morgen liefernden Milchmann kennenzulernen. Damals bestand zumindest die Hoffnung, dass aus einer verkrusteten Gesellschaft etwas Neues, Niedagewesenes entstehen könnte. An diese Hoffnung wird jetzt nicht einmal mehr erinnert. Bichsel produziert nur noch Rührung aus dem Verlorengegangenen und Verklärten, ein ungeschönter Blick in die Vergangenheit ist sowenig möglich wie einer in die Zukunft. Soweit sich ein Bekenntnis zur sozialen Demokratie andeutet, bleibt es lustlos und ebenso abstrakt wie die Modernisierungskritik. Das Leben konkretisiert sich in dem, was sich ungewollt angesammelt hat: der verrosteten Bratengabel, von der man sich nicht mehr trennen kann, weil man sie schon zu lange hat. Johnson kommt heute nicht mehr. Aber warum sollte er – bei solchen Aussichten – auch kommen?

vorgestellt von Anton Leist, Zürich

Peter Bichsel: «Heute kommt Johnson nicht». Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2008

2 / 3 / 4 Lust auf Holzschnitte?

Freunde besonderer Bücher schätzen ihn als kongenialen Gotthelf-Illustrator, Kennern gilt er als der bedeutendste Holzstecher nach Felix Valloton: Emil Zbinden, der 1991 im Alter von 83 Jahren in Bern verstarb. Als «werktätiger Künstler» verstand er sich und verband konsequent sein soziales und politisches Engagement mit seiner künstlerischen Arbeit. Dies machte ihn vielen in der Schweiz suspekt, zumal ihn die DDR als proletarischen Arbeiterkünstler vereinnahmte. Kunstströmungen versagte er sich, Persönliches kam hinzu – in der Schweizer Kunstszene war er spätestens seit den 1970er Jahren nicht mehr präsent. Daran änderten auch Publikationen nichts, so etwa ein Band mit seinen Holzschnitten zu J. Gotthelf und C.A. Loosli, den der Limmat Verlag anlässlich seines 80. Geburtstages herausgab.

Sein 100. Geburtstag 2008 bot nun endlich den Anlass, Emil Zbinden wiederzuentdecken. So erschien nicht nur der erste Limmat-Band in einer Neuauflage, sondern auch ein zweiter, der in gewohnt sorgfältiger Manier einen Einblick in Zbindens Werkstatt gibt, seine Lebensumstände und Arbeitsbedingungen dokumentiert – eine Künstlermonographie vom Feinsten: reich an unbekanntem Material aus dem Nachlass, Facetten seiner Persönlichkeit und seiner künstlerischen Arbeit ausleuchtend.

Eine Retrospektive – gezeigt in Bern und Leipzig, wo er prägende Jahre verbrachte – bot eine Gesamtschau auf sein Werk, das ein prächtiger Ausstellungskatalog in den zeitgeschichtlichen und kunsthistorischen Kontext stellt. Jeder, ob ein Kenner oder nicht, wird gebannt sein: Emil Zbindens Menschen haben Gesichter, die unsentimental Geschichten erzählen vom Leben als Tagelöhner, Grossbauer, Magd, dörflicher Amtsträger, Verdingkind, Arbeitsloser, Fabrik- oder Bauarbeiter. Seine kleinformatigen Holzschnitte liefern ungeschönte Reportagen aus der dörflichen und städtischen Arbeitswelt; seine Landschaftsbilder sind keine Idyllen. Mit Respekt vor den kleinen Leuten hat er nach der Natur gezeichnet, gemalt, getuscht, aquarelliert und seine Holzschnitte geschaffen: ein vielfältiges, weitgehend unbekanntes Werk, das hoffentlich über diesen Anlass hinaus präsent bleiben wird. Was so oft auf die Nerven geht, ist in diesem Fall positiv zu sehen: dass unser Kulturbetrieb von Jahrestagen und anderen Anlässen bestimmt ist.

vorgestellt von Ute Kröger, Kilchberg

Emil Zbinden: «Landschaften und Menschenbilder». Zürich: Limmat, Neuauflage 2008

Emil Zbinden: «Selbstzeugnisse und Bilddokumente». Hrsg. von W. Wüthrich und K. Zbinden-Bärtschi. Zürich: Limmat, 2008

Emil Zbinden: «Für und wider die Zeit». Ausstellungskatalog. Hrsg. von A. M. Schafroth. Sulgen: Benteli, 2008

5 Hier geht’s um Sex!

Liebesbeziehungen sind auch Machtbeziehungen. Unter diesem Aspekt betrachtet, verdient der Sadomasochismus keineswegs den unfrohen Platz irgendwo zwischen Talkshowsensation und Pornoschmuddelecke, der ihm immer noch in der Öffentlichkeit zugewiesen wird. Er kann das vergröberte Besondere eines Allgemeinen sein; oder das bewusstere Besondere, ein Spiel von Leuten, die immerhin wissen, was sie tun.

Liberale Akzeptanz, wie sie in diesem Punkt immerhin erreicht ist, löst jedoch nicht das Problem literarischer Gestaltung. Man kann den Sex in den Mittelpunkt stellen – dann gerät man wieder in die Nähe der Schmuddelecke. Man kann sozialpä-dagogisch zeigen, dass auch Sadomasochisten nette Leute sein können – das ergäbe ein unerträglich gutgemeintes Buch. Man kann aber auch, wie Chantal Wicki in ihrem Prosadébut «Gleissen», das Ausserordentliche als fast selbstverständlich darstellen.

Die äussere Handlung des in 160 kurze Abschnitte unterteilten Buchs ist kaum der Rede wert. Eine Frau entdeckt in der Beziehung zu einem dominanten Mann ihre Neigung zu masochistischer Unterwerfung. Im Wechselspiel von Angst und Glück nimmt sie immer härtere Proben auf sich, unterschreibt sie einen Vertrag, der ihre bedingungslose Auslieferung an den Mann besiegelt und kann sie schliesslich hoffen, dass ihre Liebe erwidert wird.

Ein paar dieser Abschnitte enthalten das, was als «Praktiken» allzu technizistisch bezeichnet wäre. Schlaginstrumente, Klammern, Nadeln kommen vor, doch als Sensation allenfalls in dem Sinne, dass sie Gefühle auslösen – und zwar sowohl körperlich als auch seelisch. Wicki weiss die Lust an der Auslieferung zu beschreiben, die Angst vor dem Schmerz und ihre Überwindung, wie auch das Glück, sich fallen zu lassen und vertrauen zu können.

Die Erotik der Unterwerfung und des Unterwerfens wird in «Gleissen» sinnlich erfahrbar, weil sie knapp skizziert ist und so Raum für die eigene Vorstellungskraft bleibt. Im Verzicht auf das Detail liegt die Möglichkeit zur Überhöhung; aber diese Überhöhung ist auch die Gefahr des Buchs.

Die Frau – die in der Fiktion von «Gleissen» von ihrem Herrn den Auftrag bekommen hat, die Geschichte seiner Unterwerfung zu schreiben – gibt nicht allein die Ereignisse, sondern auch eine Deutung, die die knappe Handlung zu überwuchern droht. Das fasziniert anfangs, wo die Überlegungen eng am Geschehen bleiben. Macht, Gewalt, Krieg erscheinen als durch den Sadomasochismus sublimiert, der so geradezu als das Gegenteil einer plumpen Vergewaltigung erscheint. Zentral ist die Auffassung des Geschehens als Ritual: «Das Ritual der Gewalt, der erlittenen wie der ausgeübten, steht an Stelle der Demonstration realer Bedrohung, ersetzt diese und wird damit in einem wahren Sinne friedfertig.»

Abstrakt und schwach wird Wicki hingegen da, wo sie dem Anspruch erliegt, etwas über den Mann und die Frau schlechthin zu sagen. Das beginnt schon damit, dass der Herr die Erzählerin so makellos dominiert wie sonst allenfalls Chefärzte in Heftchenromanen; man wäre fast erleichtert, müss-te er nur ein einziges Mal eine verbaselte Peitsche im Schrank suchen. Dem überirdischen Mann entspricht eine Verklärung des demütigen Frauseins, bis hin zum mystischen Einklang von Mond und Blut und zu einer Ahninnenreihe, die Eva, Maria und Salome einschliesst. Mit dem Körper lässt sich befreiend spielen – doch mit solchen Ideal- und Schreckbildern männlicher Ideologie kaum. Das Buch ist, auch sprachlich, da stark, wo es eine individuelle Geschichte erzählt. Es ist schwach da, wo der gegenwärtige Versuch, Glück zu spüren, von überhistorischer Bedeutsamkeit erdrückt wird.

vorgestellt von Kai Köhler, Berlin

Chantal Wicki: «Gleissen». Zürich: Salis, 2009

6 …und hier um matchmaking

Texten aus dem Umfeld der Literaturwissenschaft haftet meist ein gewisser akademischer Stallgeruch an. Nicht so bei Peter von Matt. Schon in seinen grossen Studien über den «Liebesverrat» und «Die Intrige» hat der inzwischen emeritierte Zürcher Germanist gezeigt, dass man über gewichtige literarische Themen spannend und unterhaltsam schreiben kann. Sein neues Buch «Wörterleuchten», eine Sammlung von Deutungen sechzig deutscher Gedichte vom Mittelalter bis heute, setzt diese Leichtfüssigkeit fort. Ein Grossteil der Beiträge wurde im Lauf von sechsundzwanzig Jahren für die «Frankfurter Anthologie» in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» geschrieben, die dem Interpreten nicht viel Platz einräumt. Eine Art sportlicher Herausforderung, der Peter von Matt sich gerne stellt, weil sie zur «stilistischen Schussfahrt» zwingt und der Interpret «im Gerangel des Formulierens» aufpassen muss, das Entscheidende eines Gedichts nicht zu verpassen. Dieses Gerangel im Kopf des Autors sieht man den Texten allerdings an keiner Stelle an. Ganz im Gegenteil. So leichthändig, originell und klug ist selten über Gedichte geschrieben worden.

Peter von Matt gelingt das grosse Kunststück, sein immenses akademisches Wissen so für die Deutungen fruchtbar zu machen, dass der Leser sich nie belehrt oder bevormundet fühlt. Seine Texte sind elegant formulierte Fingerzeige, die auf die Klang- und Wortmagie der Gedichte aufmerksam machen, aber nie die Belesenheit des Verfassers herauskehren. Oft sind es fast beiläufig wirkende Beobachtungen, die überraschende Perspektiven eröffnen und mittenhinein in den Sinnzusammenhang eines Textes führen. Bertolt Brechts wenig bekanntes Gedicht «Der Bauch Laughtons» etwa, eine Hommage an die Leibesfülle des englischen Schauspielers, rühmt nicht nur die gelungene Verschmelzung von Arbeit und Genuss, sondern bildet in seiner typographischen Umrisslinie selbst noch einmal Laughtons Silhouette ab. Und wenn in Eduard Mörikes Gedicht «Die schöne Buche» vom «sonnigen Zaubergürtel» die Rede ist, verweist von Matt hintersinnig auf das gestickte Band, das Aphrodite unter den Brüsten trug, und verwandelt das scheinbar so harmlose Naturgedicht in eine höchst erotische Angelegenheit.

Es wäre nun allerdings grundfalsch, solche Deutungen als blosse Spielerei abzutun. Peter von Matt geht es nie um erzwungene Originalität, sondern um die Sensibilisierung des Lesers für das unerschöpfliche Bedeutungspotential von Gedichten. Nicht umsonst bezeichnet sich der Autor als matchmaker, der wie ein klassischer Heiratsvermittler ein Zusammenfinden von Leser und Werk ermöglichen will und sich dazu allerlei Tricks und Finessen bedient. Ob schöne Schmeichelei, faustdickes Lob oder dezenter Hinweis auf versteckte Reize – Peter von Matt beherrscht die gesamte Klaviatur der Verführung, nur steht zu befürchten, dass – bei so vielen verlockenden Angeboten – über das blosse matchmaking hinaus auch das Fremdgehen einen rasanten Aufschwung erlebe. Gewiss nicht der schlechteste Liebesdienst für die Literatur.

vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld

Peter von Matt: «Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte». München: Hanser, 2009

7 UN-Beobachter in der Wüste

Die neuesten Zahlen belegen, dass die Rüstungsausgaben weltweit ebenso zunehmen wie die Zahl der Friedensoperationen. Was jene anrichten, sollen diese glätten. Dafür allerdings braucht es Ausdauer, insbesondere wenn Konflikte nur beruhigt, nicht gelöst werden. In der südalgerischen Sahara beispielsweise hausen Flüchtlinge seit Jahrzehnten in Lagern, ohne Aussicht auf Heimkehr; der West-Sahara-Konflikt schwelt auf kleinstem Feuer weiter.

Hier, in dieser Wüste, wo die Zeit stehenbleibt, lässt Daniel Goetsch seinen neuen, vierten Roman «Herz aus Sand» spielen. «Cafard» hat Friedrich Glauser in seinem Roman «Gourrama» jene Mischung aus Langeweile, Melancholie, Heimweh und Aufruhr genannt, die die Legionäre befällt. In Goetschs Roman kommt bei den UN-Beobachtern noch der Zynismus hinzu, wenn sie tatenlos zusehen müssen, wie die Flüchtlingslager in Dreck und Hoffnungslosigkeit versinken. Zutritt dazu haben sie ohnehin nicht, sie wachen bloss darüber, dass nichts geschieht. In ihrer Containersiedlung gleich daneben vertreiben sie sich die Zeit mit Beobachten, Nichtstun, Drogen und persönlichen Animositäten.

Frank, der Ich-Erzähler, gibt sich nach aussen hart und unerschütterlich. Heimlich aber schreibt er seine wechselvolle Liebesgeschichte in den Computer. Sich erinnernd versucht er Alma zu vergessen; denn die Wüste wirft ihn auf sich selbst zurück.

Was aus europäischer Warte wie ein (zuweilen psychotherapeutisch motiviertes) Engagement für eine bessere Welt aussieht, ist aus Sicht der Flüchtlinge bloss ein politisches Hinhaltemanöver, zu dem die Helfer tatenlos beitragen. Zwischen diesen und den sogenannten «Aidipis» klafft ein Graben der Entfremdung und des Misstrauens. Dennoch versuchen ein paar UN-Beobachter etwas zu unternehmen und – allen Weisungen zum Trotz – zumindest einigen der hier Gestrandeten Hoffnung zu vermitteln. Frank wird nur zögernd in diese Machenschaften eingeweiht, er geniesst zuwenig Vertrauen.

Daniel Goetsch gelingt es vorzüglich, diese Stimmung zwischen Melancholie und Elend einzufangen, die die Beobachter aus aller Welt mit in einen Taumel des Zynismus oder des stillen Aufruhrs zieht. Der Ich-Erzähler beschreibt diese Stimmung mit zuweilen ätzender Gemächlichkeit. Gerade weil nichts passiert, steckt in diesem Roman eine flirrende Intensität. Doch leider greift diese Intensität nicht auch auf jene Kapitel über, die an Alma und die gemeinsame Liebe, Ehe, Lebensgeschichte erinnern. Diese eher summarisch und oberflächlich erzählten Einschübe fallen atmosphärisch ab und erzeugen bei der Lektüre ein Wechselbad der Gefühle. Die launische Beziehung zwischen Alma und Frank wirkt am Ende sprachlich eintönig im Vergleich mit der Monotonie der Wüste, die in vitaler Spannung bebt.

vorgestellt von Beat Mazenauer, Luzern

Daniel Goetsch: «Herz aus Sand». Zürich: Bilger, 2009

8 Viel mehr Meer als wir wollten!

Merkwürdig ist das schon: da schreibt ein nicht ganz unbekannter Autor einen pünktlich zur globalen Finanzkrise erscheinenden Roman, in dem es zentral um deren Ursachen geht und der ganz konsequent auf ein Weltuntergangsszenario hinausläuft – und fast niemand beachtet ihn. Da verfasst, ein halbes Jahr später, kein Geringerer als der Feuilletonchef der renommierten deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» eine diesen Roman über Gebühr lobende Besprechung – und wiederum geschieht nicht viel. Wird man dieses aussergewöhnliche, packende und umwerfend geschriebene Buch erst richtig entdecken und würdigen, wenn seine Prophezeiung eingetroffen ist? «Der Meermacher» ist ohne Zweifel das bisher beste Buch des ungewöhnlich vielseitigen Autors Christoph Braendle. Es sei an der Zeit, schreibt Jens Jessen, endlich zur Kenntnis zu nehmen, was heutige Schriftsteller zu den Krisenszenarien unserer Tage zu sagen haben. «Der Meermacher» beweise nachdrücklich: «Sie haben es sogar schon gesagt, sind aber nicht gelesen worden.»

«In diesem Moment fielen die ersten Tropfen vom Himmel. Das grosse Regnen begann.» Ein recht normales Ehepaar mittleren Alters sitzt, nicht gerade vor Glück strahlend, in seinem Einfamilienhaus mit dem schönen Namen «Zur Augenweide». Es muss doch noch etwas anderes geben als dieses Haus und diese Siedlung, denkt Gustav. Wenn der anvisierte Südseeurlaub an Gerlindes blöder Flugangst scheitert und man die sagenhaften Korallenriffe niemals zu Gesicht bekommen wird, dann muss man seiner «Lust auf Meer» eben im von Aquarien vollgestellten Postwirt nachgehen. Nebenbei malt sich Gustav dort bei mehreren Schoppen im Detail aus, wie das Meer, das er noch nie gesehen hat und wahrscheinlich nie sehen wird, zu ihm nach Hause kommen könnte. Erst einmal ein Aquarium mit Zierfischen! Und schon nimmt die Sache ihren Lauf – Gustav wird, Schritt für Schritt, zum «Meermacher».

Jens Jessen ist völlig zu Recht beeindruckt, mit welch beachtlichem künstlerischen Geschick und Können Christoph Braendle, dieser eher schlichten Ausgangsidee folgend, «das ganze Leichtfertigkeitspanorama unserer Wirtschaftsweise» entfaltet. Denn nun tritt Gustavs Schulfreund André auf, ein erfolgreicher Unternehmer und Projektrealisierer: «Alles sei möglich, sagte er, vor allem schaffe Gustavs Meer Reichtum in eine Gemeinde, die im Moment noch ganz und gar verschlafen sei.» Kurzum, André und seine Assistentin, die attraktive Frau Schneider, übernehmen die Sache, und was nun geschieht, macht alle braven Gedanken des naiven Gustav «mit einem Schlag zunichte». Seine Vision vom Meer vor der Haustür wird gnadenlos umgesetzt. «Mein Traum, dachte er, hat sich in einen Alptraum verwandelt.» Während es permanent weiterregnet, wird die Gemeinde Schritt für Schritt ruiniert, mit ihr das Gasthaus und dessen renitenter Wirt, der seinen Widerstand sogar mit dem Leben bezahlen muss. Doch das Ende aller ist nicht mehr weit. «Die apokalyptischen Reiter sind unterwegs», fasst ein Postwirt-Gast die Lage zusammen. «Ich sage nur Hochmut, ich sage Hybris, ich sage Vermessenheit. Immer wollen wir mehr. Nie haben wir genug. Dafür kriegen wir jetzt unser Meer, aber es ist viel mehr Meer, als wir wollten.»

Kein Weglaufen hilft mehr und auch nicht die Arche, die am Ende ausführlich ins literarische Spiel kommt – diese Katastrophe ist unwiderruflich die letzte. Gustav sieht in der Tat zum erstenmal das Meer, das so ruhig und still zu sein scheint, «dass es wie gefroren wirkte». Aber es ist kein irdisches Meer mehr, «weil über dem Wasser zwei Sonnen hingen». Ob Franz Kafka sich einen Roman wie «Der Meermacher» vorgestellt hat, als er vom Buch als einer Axt für das gefrorene Meer in uns gesprochen hat?

vorgestellt von Klaus Hübner, München

Christoph Braendle: «Der Meermacher. Roman». Weitra: Bibliothek der Provinz, 2008

Bücher Schweizer Autoren in Kurzkritik XVII

9 Wb. – Von Thomas Mann bis Hürlimann

All dies war Werner Weber mit Sicherheit nicht: ein Lautsprecher, ein Selbstdarsteller, eine medienkonforme Persönlichkeit. Wer dem bescheidenen, stets liebenswürdigen Mann im Alter begegnete, mochte ihn vielleicht sogar unterschätzen. Dabei hatte man jemanden vor sich, der über die Schweiz hinaus dem literarischen Leben mindestes ein Vierteljahrhundert lang seinen Stempel aufdrückte. Nichts Geringeres als einen Einblick in dessen neuere Wandlungen eröffnet denn auch die von Thomas Feitknecht herausgegebene Auswahl der Korrespondenz Webers. Mit ihren ältesten Zeugnissen greift sie noch vor die Anfänge des 22jährigen als Mitarbeiter der «Neuen Zürcher Zeitung» seit 1941 zurück. Auf seine Tätigkeit als Redaktor dort, und zumal diejenige als Leiter des Ressorts Literatur, Kunst, Wissenschaft zwischen 1951 und 1973, entfällt der gewichtigste Teil des Buchs. Dokumentiert werden danach noch Webers spätere Jahre als Ordinarius für Literaturkritik an der Universität sowie an der Spitze des Verwaltungsrats des Schauspielhauses Zürich. Der letzte der abgedruckten Briefe datiert aus seinem Todesjahr 2005.

Die Liste der durchaus heterogenen Briefpartner liest sich wie ein Auszug aus dem Who is who? der deutschsprachigen Literatur von Thomas Mann («dankbar ergriffen von der tiefen Betrachtung») bis Thomas Hürlimann («gerade zum richtigen Zeitpunkt, ein Zeichen, das mir sagte: Mach weiter»). Dankbarkeit Weber gegenüber ist eines der Leitmotive der Autoren: für die Mühe verstehender Deutung, für das Ermöglichen von Veröffentlichungen, für Beistand und Unterstützung in schwieriger Zeit, im Falle von Debütanten auch für ihre Erstwahrnehmung. «Dankbarkeit» ist umgekehrt aber auch die Haltung, die Weber selbst häufig zum Ausdruck bringt: «Ich bin Stunden, im Lesen und Nachdenken darüber, glücklich gewesen; bin es noch.» Wenn er so etwas schreibt (hier an Paul Celan), glaubt man es ihm sofort. «Sie machen aus der Kritik der Literatur eine Kunst», fand Marcel Reich-Ranicki. Deswegen konnte der so Gelobte auch ein nachgerade detektivischer Prüfer von Manuskripten sein. Mancher Autor bat ihn vor der Drucklegung seiner Texte um Durchsicht und Korrektur. Im Falle von Friedrich Dürrenmatt und Hermann Burger enthält der Band schöne Beispiele, wie kompromisslos Weber anstreichen konnte, was ihm missfiel.

Respekt, Freundlichkeit und Wohlwollen darf man keineswegs mit dem Fehlen von Standpunkten verwechseln. Wb., wie sein Kürzel in der NZZ lautete, der das Abwägende und Bedächtige mehr liebte als das Polemische, konnte gegebenenfalls sehr deutlich werden. Doch selbst im Streit blieb er nobel, ja «lauter» (Max Rychner).

Ein geborener Freund aller zeitgenössischen Tendenzen war der hochkultivierte Mann keineswegs, wohl aber stets bereit zu lernen. Angesichts pauschal geforderter Offenheit der Kunst «nach vorn» jedoch bekundete er sein Unbehagen: «Ich weiss nicht, ob schon einmal eine Zeit so sehr nach hinten entdecken musste wie die unsere – dass es die unsere muss, das weiss ich», schrieb er im Herbst 1960 an Carl Jacob Burckhardt. Kurz zuvor hatte er zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse eine krass realistische «Auspacker»-Literatur getadelt. Bei jener Veranstaltung, die Ende 1966 den Zürcher Literaturstreit auslöste, hielt er für Emil Staiger die Laudatio. Nicht zuletzt über sein Verhalten in diesem Zusammenhang zerbrach der Kontakt zu Max Frisch. Erst über 20 Jahre später kam er wieder freundschaftlich in Gang, als Weber die Aufführung von Frischs politisch verdächtigtem Stück «Jonas und sein Veteran» vehement verteidigte.

«Heute glaubt man ja nicht mehr an die Literatur», hatte Eduard Korrodi ihm früh zugerufen. Wie immer sein Mentor – und wenn auch erst mit Blick auf spätere Zeiten – damit recht gehabt hätte: wer mag, kann sich von Werner Weber nach wie vor eines besseren belehren lassen.

vorgestellt von Hans-Rüdiger Schwab, Münster

Thomas Feitknecht (Hrsg.). «Werner Weber. Briefwechsel des Literaturkritikers aus sechs Jahrzehnten». Zürich: Neue Zürcher Zeitung, 2009

10 12 Morde, auch für Krimifreunde

«Zufällige Begegnung» heisst eine der zwölf kriminalistischen Kurzgeschichten, die der Bielefelder Pendragon Verlag zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Peter Zeindler in einem hübschen Band versammelt hat. Eine Unterhaltung zwischen zwei Fremden am Rande eines Trauerzugs gewährt gerade soviel Einblick in die Psyche einer verzweifelten Frau, wie notwendig ist, die Spekulationen ihres Gesprächspartners zu erahnen. Doch die Frage, woran genau der herzkranke Gatte nun verstorben sei, bleibt unbeantwortet.

Der Zufall, wie ihm sich diese bemerkenswert subtil gestaltete Beichte verdankt, spielt gewöhnlich keine grosse Rolle in der Welt des Peter Zeindler. Wer hier überleben will, muss sorgfältig planen und mit allem rechnen. So wie Lena Becker, die sich «der Schatten der Vergangenheit auf ebenso elegante wie mörderische Weise entledigt». Oder wie die attraktive Passagierin eines Kreuzfahrtschiffes, deren perfektem Verbrechen ausgerechnet ein Krimiautor zum Opfer fällt, dem die Ideen abhandengekommen sind. Und die so ganz beiläufig beweist, dass man auch einem hinlänglich bekannten Plot noch eine unerwartete Wendung abgewinnen kann.

Nun sind nicht alle Kriminalgeschichten dieser Sammlung derart doppelbödig konstruierte literarische Vexierspiele. Doch auch jene Geschichten, die wie «Der flambierte Mann» auf eine Pointe hin konstruiert sind, überzeugen durch sprachliche Sorgfalt und erzählerische Souveränität – Qualitäten, die in diesem Genre leider nicht selbstverständlich sind. Nein, Peter Zeindler ist kein «Gefangener seiner eigenen Bilderwelt», wie der von ihm liebevoll boshaft porträtierte Kollege auf dem Luxusliner, sondern ein Garant für ungetrübtes Lesevergnügen, nicht nur für Krimifreunde.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen

Peter Zeindler: «Die Meisterpartie. Kriminalgeschichten». Bielefeld: Pendragon, 2009

11 Diego? Diego!

Es ist ein schönes Buch, dessen Lektüre Freude macht – angenehme, freundlich formulierte persönliche Äusserungen zu Diego Giacometti, Photos, die ihn und seine Arbeiten zeigen, Abbildungen von Skizzen und Entwürfen, Tierskulpturen und Einrichtungsgegenständen, und von seiner Ausstattung des Picasso-Museums im Hôtel Salé in Paris, die als der Höhepunkt seiner persönlichen künstlerischen Selbstverwirklichung gelten kann. Daneben sind auch die übrigen Mitglieder der Schweizer Künstlerfamilie Giacometti zu sehen, auch sein Bruder Alberto, vor allem während der gemeinsamen Zeit in Paris. In deutscher Sprache ist in der Tat noch nichts Derartiges über Diegos Werk erschienen, und wären die von Michel Butor und Daniel Marchesseau verfassten Monographien je ins Deutsche übersetzt worden, so bildete der vorliegende, von Jacqueline von Sprecher herausgegebene Band sicherlich trotzdem eine Bereicherung, füllte wegen seiner sehr persönlichen und zugleich expressis verbis genuin schweizerischen Sichtweise eine Lücke aus. Nicht nur für schweizerische Leser ist dieses Buch eine neue Möglichkeit, einen Menschen kennenzulernen, der nicht nur ein eigenständiger Künstler war, sondern auch der wichtigste Vertraute und engste Mitarbeiter Alberto Giacomettis.

Doch diese Publikation kommt merkwürdig gewunden daher, als ob die Herausgeber und Beiträger sich entschuldigen müssten oder sich kaum getrauten, dieses zu einer Ausstellung gehörige Buch herauszubringen. Sehr oft wird erklärt, was das Buch nicht sei: kein Werkkatalog Giacomettis, keine Sammlung gesichert-objektiver Beiträge, dies nicht und das nicht. Merkwürdig, fast ärgerlich, immer wieder der Rekurs auf in Anführungszeichen gesetzte Aussagen (von wem eigentlich konkret?), Diego habe aus dem Schatten Albertos heraustreten müssen, obgleich schon auf den ersten Seiten gezeigt wird, dass eine solche Sicht auf die miteinander verschlungenen Schicksale von Alberto und Diego Giacometti verkürzt und unnötig wäre. Diegos Einzigartigkeit, das ganz Eigne seiner Arbeiten ist längst anerkannt, zu allererst übrigens von Alberto! Statt einen Schatten zu beschwören, hätte man das Licht besser nicht unter einen Scheffel gestellt. Doch vielleicht bildet sich in diesem Buch ja ein wenig von Diego Giacomettis Charakter ab, der sich eher in Bescheidenheit zurückhielt und seine Arbeiten ohne viel Aufhebens in den Raum stellte.

vorgestellt von Sabine Kulenkampff, Erlangen

Jacqueline von Sprecher (Hrsg.): «Diego Giacometti tritt aus dem Schatten». Zürich: Neue Zürcher Zeitung, 2007

12 Konjunktiv, verzettelt

Vortreffliche Literatur lässt sich definieren als das Zusammentreffen von guter Idee und gelungener Ausführung. Egal, welches Genre ein Schriftsteller wählt, der Einfall muss taugen und die Umsetzung halten, was das Konzept verspricht. Auf den konkreten Einzelfall angewandt heisst das, dass Ralf Schlatter für sein neues Buch «Verzettelt» eine aussergewöhnlich gute Idee hatte. Über Jahre sammelte er weggeworfene, liegengelassene, vergessene oder verlorene Wörter auf Notizzetteln, Nachrichtenfragmenten und Brieffetzen. Daraus formte er kurze Geschichten, erfand Kontexte, erdichtete ein Vorher und Nachher.

Diesen gleichsam gestorbenen Wörtern haucht Ralf Schlatter neues Leben ein. Und verbindet damit zwei Urelemente von Literatur: bedingungslose Faszination am Schriftlichen und die Begeisterung für das Weggeworfene. Von einem der grössten Schriftmenschen, von Erasmus von Rotterdam, geht die Legende, er hätte sich nach jedem Papierfetzen gebückt, auch seine Kutsche anhalten lassen, um irgendwie Beschriebenes einzusammeln. Eine wahre Zettelwirtschaft, die auch Ralf Schlatter aus dem Vollen schöpfen lässt, da die Kürze der Vorlage den Dichter seine Originalität ausspielen lässt. Oder altmodisch: die Inspirationsquelle als Miniatur entzündet ein orphisches Herbeisingen von Welt. So dramatisch ist es bei Schlatter jedoch glücklicherweise nicht; seine Geschichten strotzen nur so vor authentischer Welt – Platz fürs Skurrile, fürs Ausgefallene und humorvoll Verdrehte bleibt dabei obendrein.

Ebenso literarisches Urelement wie die Begeisterung für das Wort ist jene für die Wiederverwendung von Überbleibseln. Der Flaneur Schlatter – denn das Sammeln dieser Zettel setzt ja ein Gehen durch die Welt voraus – stellt die Wörter und Fragmente in eine neue Umgebung wie jemand, der auf dem Flohmarkt Erstandenes nach Hause trägt. Nicht zuletzt verbindet Schlatter die beiden Schwestern Romantik und Postmoderne, durch seine Liebe zum Fragment, zum Zufall, zur Ironie, auch zur Selbstreferenz und zu einem stilistischen Eklektizismus. Manche Geschichten finden Fortsetzungen, ziehen sich durch das ganze Buch, andere stehen für sich allein und einige werden ein zweitesmal und anders erzählt, denn Ruth Schweikert, Franz Hohler und Christoph Simon steuern Gastgeschichten bei. Gerade dann, wenn derselbe Zettel Ausgangspunkt für verschiedene Geschichten ist, wird das Projekt des Buches sichtbar: Jene Möglichkeiten durchzuspielen, die in unserer so linear wirkenden Realität angelegt sind. Das auch vom Layout her ansprechende «Verzettelt» wird so zu einem Buch des Konjunktivs, einem Buch, in dem das Mögliche das Wirkliche überwältigt; ebenso hervorragend wie unterhaltsam erzählt, zelebriert es einen phantastischen Realismus auf Schweizer Art.

vorgestellt von Jens Nicklas, Innsbruck

Ralf Schlatter: «Verzettelt. Verlorene Wörter und ihre Geschichten». Basel: Christoph Merian, 2008

13 Theophanu Imperatrix

Kein Wort Latein oder Deutsch spricht die 12jährige Theophanu, Nichte des oströmischen Kaisers Johannes, als sie im Januar 972 das Schiff gen Westen besteigt. Ein letzter Blick zurück auf die prächtigen Kuppeln des Bukoleon-Palasts und die rot-weiss gestreifte Stadtmauer, dann liegt Konstantinopel auch schon hinter ihr. «Kaiserin der Franken» schreibt das Mädchen in griechischen Buchstaben auf ihre Schiefertafel. In Rom, so lautet die Abmachung, wird sie den Sohn Ottos des Grossen heiraten. Als Theophanu nach langer Reise das Heerlager des Frankenkönigs erreicht, ist sie entsetzt. Wie Vagabunden hausen die Deutschen in zerschlissenen, schmutzigen Zelten vor den Toren der Ewigen Stadt. Auch das Gerücht, ihre Schwiegermutter in spe wolle sie, «die Griechin», gleich wieder zurückschicken, vergällt Thea die Ankunft. Nach vier ungewissen und erniedrigenden Tagen wird sie endlich ins kaiserliche Zelt gerufen. Theophanu traut ihren Augen nicht: dieser blasse, schmächtige Jüngling mit den roten Haaren soll Otto II., Mitkaiser und Thronfolger, und ihr zukünftiger Bräutigam sein?

Das weitere Schicksal Theophanus am Hof der Franken zeichnet Gabrielle Alioth in ihrem Roman «Die Braut aus Byzanz» als eindrucksvolle Entwicklungsgeschichte nach, als den Weg eines jungen, unerfahrenen Mädchens, das mit Mut und Scharfsinn, mit Hilfe treuer Freunde und einer Portion Glück schliesslich zur mächtigsten Herrscherin ihrer Zeit wird. Was nach romantisiertem, ausschweifenden Historienkitsch klingt, ist hier so geschickt mit den dramatischen Fakten jener rauhen Epoche gespickt, dass nicht – wie oft in diesem Genre – epische Opulenz und Atmosphäre den Lesesog erzeugen, sondern die sorgfältig recherchierte Geschichte selbst für Spannung sorgt. In welch verwirrenden Strudel aus verwandtschaftlichen Intrigen und Rachezügen die fremdländische Kaiserin am Hof Ottos des Grossen gezogen wird, ist fesselnd zu lesen. Kurze, prägnante Szenen und knappe Dialoge treiben die Handlung bei Alioth temporeich voran und vermögen dennoch ein nachhaltiges Bild des europäischen Kontinents unter deutsch-römischer Herrschaft zu vermitteln. Auch das fiktive Dreiecksverhältnis zwischen der jungen Theophanu, ihrem Mann und dessen Stiefneffen, das den Roman mit der nötigen Dosis Gefühl versieht, ist überzeugend mit den historischen Tatsachen verwoben. Einzig bei ihrem Versuch, griechische Mystik und heidnischen Aberglauben in den erzählerischen Duktus einzuschmelzen, verliert sich die Autorin in ihrer Imaginationskraft. Statt auf die astrologischen Deutungen des Eunuchen Stephanos oder die Zaubersprüche der Zofe Irene, hätte Gabrielle Alioth besser allein auf die Magie der Geschichte vertraut.

vorgestellt von Alice Werner, Zürich

Gabrielle Alioth: «Die Braut aus Byzanz». München: Nagel & Kimche, 2008

14 Bewegung ist eben alles

Man könnte neidisch werden. Er steigt in den besten europäischen Hotels ab, ob in Weimar oder Porto, Grenchen oder Zürich. Er besucht die berühmten europäischen Bäder, ob in Budapest oder Baden-Baden. Etwa das Friedrichsbad, diesen klassizistischen Badetempel von altkaiserlicher Pracht. Dort wurde auch an nichts, ob Marmor oder Messing, gespart, allenfalls an Kleidung, denn man kommt von Kopf bis Fuss splitterfasernackt, von einem Personal empfangen, den «butterfarbenen Riesen und Riesinnen», die den Besucher «in weissen Schürzen erwarten und durch 15 Stationen begleiten». Man ahnt, welch «wahres Badenglück» dem Badegast bevorsteht. An solchen Orten wie Baden-Baden kommt dann auch noch im Badezimmer des Hotels das heisse Thermalwasser aus der Wasserleitung. Man kann wirklich neidisch werden. Denn auch die besten Restaurants stehen ihm offenbar jederzeit offen, ob im Elsass oder in Manhattan. «Um nicht vor tiefgekühltem Kloss mit Rotkohl zu enden», zieht sich unser Reiseberichterstatter notfalls in das erste Haus am Ort «zurück».

Von Berlin aus zieht er los, in die Schweiz und in die Welt. Amman, Guggisberg, Chur und Genf, Rotterdam und New York – es sind schon sehenswerte Plätze auf dieser grossen, weiten Welt, die sich der Reisende ausgesucht hat. Nur: warum sollten wir neidisch werden? Warum das alles nachlesen? Der Reisebericht zählt schliesslich zu einer erschöpften Gattung. «Die Vermessung der Welt» ist abgeschlossen, das Fremde ist zu einer touristischen Attraktion geworden. Geblieben allenfalls die Notwendigkeit, den Platz zwischen den Annoncen im Reiseblatt mit einem attraktiven Mix aus Bild und Text etwas aufzulockern.

Nun sind allerdings die Reiseberichte, die der seit über fünfundzwanzig Jahren in Berlin lebende Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke zwischen 1999 und 2005 vor allem für die Reisebeilage des Zürcher «Tages-Anzeigers» schrieb, nicht nur Erkundungen eines unbekannten Terrains, sondern zumindest in gleichem Masse auch Reisen ins Innere seines eigenen Ichs. Deshalb spricht er auch von «Erzählungen». In der Sensibilität, mit der Zschokke zu Werke geht, spiegelt sich eine fremde Welt selbst dort noch, wo wir uns auf vertrautem Gelände bewegen. Zschokke hat diese Reisen vermutlich auch genutzt, um endlich den engen Rahmen zu sprengen, in dem er selbst gefangen schien. Denn der Erzähler Zschokke wurde bereits 1981 von der Stadt mit dem Robert-Walser-Preis (für den Roman «Max») ausgezeichnet und fortan gerne und oft als Nachfolger des grossen Kleinmeisters gepriesen. Davon hat er sich befreit, indem er sich auf Achse gemacht hat. Bewegung ist eben alles.

vorgestellt von Martin Lüdke, Frankfurt a. M.

Matthias Zschokke: «Auf Reisen». Zürich: Ammann, 2008

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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