Hier geht’s um Sex!

Liebesbeziehungen sind auch Machtbeziehungen. Unter diesem Aspekt betrachtet, verdient der Sadomasochismus keineswegs den unfrohen Platz irgendwo zwischen Talkshowsensation und Pornoschmuddelecke, der ihm immer noch in der Öffentlichkeit zugewiesen wird. Er kann das vergröberte Besondere eines Allgemeinen sein; oder das bewusstere Besondere, ein Spiel von Leuten, die immerhin wissen, was sie tun.

Liberale Akzeptanz, wie sie in diesem Punkt immerhin erreicht ist, löst jedoch nicht das Problem literarischer Gestaltung. Man kann den Sex in den Mittelpunkt stellen – dann gerät man wieder in die Nähe der Schmuddelecke. Man kann sozialpä-dagogisch zeigen, dass auch Sadomasochisten nette Leute sein können – das ergäbe ein unerträglich gutgemeintes Buch. Man kann aber auch, wie Chantal Wicki in ihrem Prosadébut «Gleissen», das Ausserordentliche als fast selbstverständlich darstellen.

Die äussere Handlung des in 160 kurze Abschnitte unterteilten Buchs ist kaum der Rede wert. Eine Frau entdeckt in der Beziehung zu einem dominanten Mann ihre Neigung zu masochistischer Unterwerfung. Im Wechselspiel von Angst und Glück nimmt sie immer härtere Proben auf sich, unterschreibt sie einen Vertrag, der ihre bedingungslose Auslieferung an den Mann besiegelt und kann sie schliesslich hoffen, dass ihre Liebe erwidert wird.

Ein paar dieser Abschnitte enthalten das, was als «Praktiken» allzu technizistisch bezeichnet wäre. Schlaginstrumente, Klammern, Nadeln kommen vor, doch als Sensation allenfalls in dem Sinne, dass sie Gefühle auslösen – und zwar sowohl körperlich als auch seelisch. Wicki weiss die Lust an der Auslieferung zu beschreiben, die Angst vor dem Schmerz und ihre Überwindung, wie auch das Glück, sich fallen zu lassen und vertrauen zu können.

Die Erotik der Unterwerfung und des Unterwerfens wird in «Gleissen» sinnlich erfahrbar, weil sie knapp skizziert ist und so Raum für die eigene Vorstellungskraft bleibt. Im Verzicht auf das Detail liegt die Möglichkeit zur Überhöhung; aber diese Überhöhung ist auch die Gefahr des Buchs.

Die Frau – die in der Fiktion von «Gleissen» von ihrem Herrn den Auftrag bekommen hat, die Geschichte seiner Unterwerfung zu schreiben – gibt nicht allein die Ereignisse, sondern auch eine Deutung, die die knappe Handlung zu überwuchern droht. Das fasziniert anfangs, wo die Überlegungen eng am Geschehen bleiben. Macht, Gewalt, Krieg erscheinen als durch den Sadomasochismus sublimiert, der so geradezu als das Gegenteil einer plumpen Vergewaltigung erscheint. Zentral ist die Auffassung des Geschehens als Ritual: «Das Ritual der Gewalt, der erlittenen wie der ausgeübten, steht an Stelle der Demonstration realer Bedrohung, ersetzt diese und wird damit in einem wahren Sinne friedfertig.»

Abstrakt und schwach wird Wicki hingegen da, wo sie dem Anspruch erliegt, etwas über den Mann und die Frau schlechthin zu sagen. Das beginnt schon damit, dass der Herr die Erzählerin so makellos dominiert wie sonst allenfalls Chefärzte in Heftchenromanen; man wäre fast erleichtert, müss-te er nur ein einziges Mal eine verbaselte Peitsche im Schrank suchen. Dem überirdischen Mann entspricht eine Verklärung des demütigen Frauseins, bis hin zum mystischen Einklang von Mond und Blut und zu einer Ahninnenreihe, die Eva, Maria und Salome einschliesst. Mit dem Körper lässt sich befreiend spielen – doch mit solchen Ideal- und Schreckbildern männlicher Ideologie kaum. Das Buch ist, auch sprachlich, da stark, wo es eine individuelle Geschichte erzählt. Es ist schwach da, wo der gegenwärtige Versuch, Glück zu spüren, von überhistorischer Bedeutsamkeit erdrückt wird.

vorgestellt von Kai Köhler, Berlin

Chantal Wicki: «Gleissen». Zürich: Salis, 2009

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