«Und»-Kunst nach altem Vorbild

Sie machen Duftkonzepte, produzieren Onlinezeitschriften und peitschen auch mal die Alpen aus: Hybridkünstler machen zwar nicht alles, aber immer öfter vieles. Allerdings: was gestern Avantgarde war, ist heute kunstpädagogisches Ausbildungsziel.

«Und»-Kunst nach altem Vorbild
Bruce Nauman: The true artist helps the world by revealing mystic truths, 1967. Photographiert von Giulia van Pelt / CC BY-NC-ND 2.0. © Bruce Nauman / 2016, ProLitteris, Zurich.

«Ach, Sie sind Künstler? Schön! Und was machen Sie so? Malen? Zeichnen?» – Mit dieser Reaktion ist zu rechnen, wenn im zwanglosen Gespräch mit Nichtinvolvierten das künstlerische Berufsbekenntnis einmal abgelegt ist. Aber eine eindeutige Antwort dürfte vielen zeitgenössischen Künstlern schwerer fallen denn je. Mag sein, dass sie malen oder zeichnen. Doch meistens tun sie das auch. Luft holen! Parallel dazu kollaborieren sie höchstwahrscheinlich mit Neurowissenschaftern in einem transdisziplinären Forschungsprojekt oder haben eine Residency am Cern Nuclear Research Center inne, verfertigen eine Dissertation zum Thema des postkritisch-relationsästhetischen Agonal-Artivismus’ unter Einbezug polyhegemonialer Subjektivierungspraxen im interhistorischen Äon, bedienen sich nonchalant, je nach Anlass, Problem- und Gemütslage, diverser Techniken und Medien zwischen Zeichnung, Fotografie, Bewegtbild, Installation, Text, Performance, Computer, Internet, fühlen sich der Wissensproduktion oder dem Community Building verpflichtet, äussern sich in Artist Talks unter lockerem Einbezug lateinisch- und griechischstämmiger Fremdwörter zu dringlichen Themen des Kunst- und Weltgeschehens, betätigen sich nebenbei ein wenig als Cultural Hacker oder agieren als innovationsförderliche Quertreiber und Disruptionsdienstleister in der Kreativindustrie.

Es geht bei einigen zeitgenössischen Kunstschaffenden auch drunter, allerdings nicht viel: Miranda July schreibt Bücher und Musik, dreht Filme, macht Performances und Multimediakunst, setzt sich für den Feminismus ein. Daniel Kerber widmete sich erst der kunstsystemkonformen Installationskunst, nun baut er Dörfer für Flüchtlinge in Jordanien. Julius von Bismarck liess sich eine selbst konstruierte interventionistische Kamera patentieren und peitschte die Alpen und die amerikanische Freiheitsstatue aus. Anton Vidokle betreibt die Infoplattform «E-flux», philosophiert über «Art without Artists» und ist doch selbst einer. Helga Wretman ist im Zweitberuf Stuntfrau und offeriert Fitness-Workouts für ihre Künstlerkollegen. Ólafur Elíasson, der in Berlin ein «Institut für Raumexperimente» leitet, konstruiert Dufttunnels und Light Labs etc. So ist neben die klassischen, noch halbwegs schubladisierbaren Künstlertypen – Bildhauer, Maler, Konzeptkünstler etc. – ein Typus getreten, für den Kunst wieder von Können kommt: kann, muss aber nicht.

Und irgendwie passt das ja ganz hübsch zu einer Zeit, in der die meisten langtradierten Begriffe und Vorstellungen nicht mehr so recht greifen wollen. Ist ein gentechnisch gepimptes Huhn noch «Natur»? Wo endet der «bewaffnete Konflikt» und wo beginnt der «Krieg»? Gibt es noch eine Grenze zwischen Politik und Wirtschaft? Ist der «öffentliche Raum» noch öffentlich, wenn er vercrossborderleast ist? Ergeben die gebräuchlichen Unterscheidungen zwischen Mann und Frau oder hetero und homo noch Sinn, wenn man auf Facebook schon zwischen 60 Geschlechtsvarianten wählen kann?

 

Die «neuen» Hybridkünstler als Produkte unserer Zeit?

Künstler, die nur pinseln oder performen oder fotografieren, erscheinen unter diesen unübersichtlichen Bedingungen wie jene bemitleidenswerten Arbeitnehmer, die es versäumt haben, sich mit einem Stapel von Certificates of Advanced Studies für alle Eventualitäten des Erwerbslebens zu rüsten. Die «Oder»-Künstler müssen sich von den «Und»-Künstlern den Vorwurf anhören, für eine untergegangene Epoche zu arbeiten, als es noch die Suppe, das Eichhörnchen und den Kaiser gab. Das 21. Jahrhundert steht, zumindest in den liberalen Konsumkulturen, unter dem Stern des Sowohl-als-auch: oben Ferdinand-Hodler-Monumentalbart, unten Brazilian Waxing. Tagsüber Büro, abends Fight Club. Links-grün im Supermarkt, knallrechts im Sicherheitsbedürfnis.

Was die Supermutter, die Familie, Karriere, Fortbildung, Sport, regelmässige Besuche avancierter kultureller Angebote und ein bis ins hohe Alter erfülltes, in den entscheidenden Momenten experimentierfreudiges Sexualleben mit lächelnder Leichtigkeit unter eine tagesaktuelle Frisur bekommt, was also diese Überfrau für den Klum’schen Zeitgeist ist, das ist die jüngere Generation der Hybridkünstler für den Kunstbetrieb. Für sie gilt, was Tocotronic in einem Lied wie folgt besingen: «Wir sind viele, jeder einzelne von uns.» Sie sind mittendrin statt nur dabei, machen keine Kunst über, sondern Kunst mit. Kurzum: neben das im Frankreich des 19. Jahrhunderts geprägte, dem damaligen selbstgenügsamen westlichen Selbstverständnis angemessene Prinzip «l’art pour l’art» ist das dem polyzentrischen 21. Jahrhundert angemessene Prinzip «l’art pour l’autre»…