In dieser Ausgabe

Editorial

Dossier

Kreative Dissidenz

An den Grenzen zwischen Sinn und Unsinn. Die Geburtsstunde der Freiheit ist das Bewusstwerden der Möglichkeit, Nein zu sagen. Dieses Nein genügt jedoch nicht. Freiheit wächst, wenn beharrlich die Frage nach dem Sinn und dem Unsinn ihrer Schranken und Grenzen gestellt wird, und wenn sich nicht alle vorschnell mit den traditionellen Antworten zufrieden geben.

Grenzenloser Machthunger

Beobachtungen zu Hillary Rodham Clintons Memioren Das weltweite Interesse an den von Ghostwritern verfassten Memoiren ist bemerkenswert. Während sich die breite Leserschaft auf die relativ distanziert rapportierte Lewinsky-Affäre stürzt, sollten politisch Interessierte die aufschlussreichen Passagen nicht übersehen, in denen der Machthunger einer Präsidentschaftskandidatin und ihre rechthaberische Schwarz-Weiss-Malerei dominieren.

Herren gegen Bauern

Vom Befreiungskampf zum «Kriegsverbrechen» Vor 350 Jahren, am 8. Juni 1653, endete eine der düstersten und schlimmsten Krisen der Schweiz: der Schweizer Bauernkrieg. Er wurde in Kriegsverbrecherprozessen erstickt und verstärkte in grossen Gebieten der Alten Eidgenossenschaft die Unterdrückung der Landbevölkerung.

Teufelskreis der Staatsintervention

Deutsche Steuerreform als Stimmungsmache Sprunghaftigkeit und Ziellosigkeit markieren die Hilflosigkeit von Regierung und Opposition. Statt Vertrauen wird Verwirrung gestiftet, und die Vielfalt immer wieder neuer widersprüchlicher Reformrezepte steht im Widerspruch zum Ruf nach einer konsequenten und radikalen Abwendung vom Staatsinterventionismus.

Zürich 1916: Brennpunkt revolutionärer Elemente

Dada als Kind des Exils Der Dadaismus entstand als Subkultur der Emigranten und Aussenseiter im Umfeld von Cafés, Studentenkneipen, Variétés, Galerien, Prostituierten und avantgardistischen Zeitschriften. Das ordnungsliebende Zürich bot im Ersten Weltkrieg jene Nischen, in denen sich als Kontrapunkt das schöpferische Chaos entwickeln konnte.

Die Kanonisierung des Dada

Wie die Dadaisten ihren eigenen Mythos schufen Sie hörten es bald nicht mehr gerne, doch in den Anfangsjahren verstanden sich die Dadaisten auch als Teil der Avantgarde. Die spätere Stilisierung zur radikalen Gegen-Alles-Bewegung wurde unter anderem dadurch gefördert, dass Richard Huelsenbeck sich 1964 nicht scheute, einen historischen Text zu fälschen.

Nicht für «ästhetische Augen»

Duchamps Intentionen hinter dem «Grossen Glas» Mit dem «Grossen Glas» wollte Duchamp ein Kunstwerk schaffen, das sich der vereinnahmenden Interpretation verweigert und auch nicht bloss «dem Auge gefällt». Stattdessen soll der Betrachter zu einer skeptischen Reflexion seines ästhetischen Bedüfnisses angeregt werden.

DAdam und DADame»

«Dada est difficile à déflorer. La vierge est étroite.» Kunst allein ist selten skandalös. Zum lustvoll wahrgenommenen Skandalon wird sie oft erst dann, wenn der Lebenswandel der Künstler selbst skandalöse Züge trägt. Die Dadaisten meisterten diese Herausforderung mit Leichtigkeit und Leidenschaft.

Dada-Base

Das internationale DadaArchiv der Universität Iowa Es sind nicht etwa die Historiker, die sich heutzutage vor allem für die Dada-Dokumente interessieren, sondern die experimentellen Künstler. Doch das auf säurehaltigem Papier gedruckte Dada-Erbe zerfällt. Die Universität von Iowa hat daher ein digitales, ständig wachsendes Archiv angelegt.

Dadas Haus am Zürcher Heimplatz

Schutz vor Verfall und Simplifizierung Wie kann Museumsbesuchern die Komplexität der dadaistischen Bewegung nahe gebracht werden? Wenn man sich nicht damit begnügen will, nur
das historische Dada-Chaos nachzustellen, dann müssen Wege wie die des Kunsthauses Zürich gewählt werden.

«tuffm im zimbrabim»

Dadas lärmendes Gesamtkunstwerk Das Cabaret Voltaire war auch ein Literaturlabor; hier begannen die Dadaisten mit ihren Texten zu experimentieren. Die Lautgedichte entstanden, Syntax und Semantik lösten sich auf und wurden durch das Zusammenspiel von Klang, Rhythmus, Krach und visueller Darbietung ersetzt.

«Gadji beri bimba»
«Gadji beri bimba»

Hugo Ball, zitiert aus seinem Tagebucheintrag vom 23. Juni 1916, abgedruckt in «DADA total», Reclam, 1994, S. 27 f. Das im Tagebuch nicht vollständig aufgeschriebene Lautgedicht wurde ergänzt nach derselben Quelle, S. 56.

Professionelle Provokateure

Ein Interview mit Nick Hayek und Juri Steiner Das renovationsbedürftige Haus an der Spiegelgasse 1 in Zürich, die Geburtsstätte des Dada 1916, soll noch dieses Jahr zu einem Kulturzentrum umgebaut werden. Nick Hayek, CEO der Swatch Group, ist Hauptsponsor des Projekts; der Kunsthistoriker Juri Steiner arbeitet als Mitglied des «Komitees pro Dada-Haus» an der künstlerischen Konzeption.

Kultur

Das gestohlene Buch

Eduard Engels «Deutsche Stilkunst» und Ludwig Reiners Im Jahr 1944 hat Ludwig Reiners Eduard Engels Buch «Deutsche Stilkunst» gestohlen, indem er eine eigene «Deutsche Stilkunst» herausbrachte. Gestohlen ist nicht nur der Titel: gestohlen sind die Themen, die Theorie, die Begriffe, die Beispiele aus Leben und Literatur, die gelehrten Zitate; sogar Engels Stil hat Reiners gestohlen.

Fahrtenschreiber des Lebens

Martin Walser reaktiviert sein Alter ego Herbert Messmer Martin Walser, Jahrgang 1927, ist ein junger und neugieriger Autor geblieben, ein Archäologe des Alltags, der nicht müde wird, sich neuen Erfahrungen zu stellen – und sei es auch nur, um zu spüren, wie widersprüchlich alles war, was er (und seine
Romanfiguren) zuvor kennen lernten.

Ökonomische Empfindungen

Neuerscheinungen zu Adam Smith und Condorcet Die englische Wirtschaftshistorikerin Emma Rothschild hat kürzlich ein Buch zu «ökonomischen Empfindungen» bei Marie-Jean-Antoine-Nicolas de Condorcet und Adam Smith veröffentlicht. Es liest sich als brillante Geschichte einer verschütteten Kategorie, die, nicht zuletzt wegen des Interesses an der Psychologie der Ökonomie, neue Aufmerksamkeit verdient.