…und hier um matchmaking

Texten aus dem Umfeld der Literaturwissenschaft haftet meist ein gewisser akademischer Stallgeruch an. Nicht so bei Peter von Matt. Schon in seinen grossen Studien über den «Liebesverrat» und «Die Intrige» hat der inzwischen emeritierte Zürcher Germanist gezeigt, dass man über gewichtige literarische Themen spannend und unterhaltsam schreiben kann. Sein neues Buch «Wörterleuchten», eine Sammlung von […]

Texten aus dem Umfeld der Literaturwissenschaft haftet meist ein gewisser akademischer Stallgeruch an. Nicht so bei Peter von Matt. Schon in seinen grossen Studien über den «Liebesverrat» und «Die Intrige» hat der inzwischen emeritierte Zürcher Germanist gezeigt, dass man über gewichtige literarische Themen spannend und unterhaltsam schreiben kann. Sein neues Buch «Wörterleuchten», eine Sammlung von Deutungen sechzig deutscher Gedichte vom Mittelalter bis heute, setzt diese Leichtfüssigkeit fort. Ein Grossteil der Beiträge wurde im Lauf von sechsundzwanzig Jahren für die «Frankfurter Anthologie» in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» geschrieben, die dem Interpreten nicht viel Platz einräumt. Eine Art sportlicher Herausforderung, der Peter von Matt sich gerne stellt, weil sie zur «stilistischen Schussfahrt» zwingt und der Interpret «im Gerangel des Formulierens» aufpassen muss, das Entscheidende eines Gedichts nicht zu verpassen. Dieses Gerangel im Kopf des Autors sieht man den Texten allerdings an keiner Stelle an. Ganz im Gegenteil. So leichthändig, originell und klug ist selten über Gedichte geschrieben worden.

Peter von Matt gelingt das grosse Kunststück, sein immenses akademisches Wissen so für die Deutungen fruchtbar zu machen, dass der Leser sich nie belehrt oder bevormundet fühlt. Seine Texte sind elegant formulierte Fingerzeige, die auf die Klang- und Wortmagie der Gedichte aufmerksam machen, aber nie die Belesenheit des Verfassers herauskehren. Oft sind es fast beiläufig wirkende Beobachtungen, die überraschende Perspektiven eröffnen und mittenhinein in den Sinnzusammenhang eines Textes führen. Bertolt Brechts wenig bekanntes Gedicht «Der Bauch Laughtons» etwa, eine Hommage an die Leibesfülle des englischen Schauspielers, rühmt nicht nur die gelungene Verschmelzung von Arbeit und Genuss, sondern bildet in seiner typographischen Umrisslinie selbst noch einmal Laughtons Silhouette ab. Und wenn in Eduard Mörikes Gedicht «Die schöne Buche» vom «sonnigen Zaubergürtel» die Rede ist, verweist von Matt hintersinnig auf das gestickte Band, das Aphrodite unter den Brüsten trug, und verwandelt das scheinbar so harmlose Naturgedicht in eine höchst erotische Angelegenheit.

Es wäre nun allerdings grundfalsch, solche Deutungen als blosse Spielerei abzutun. Peter von Matt geht es nie um erzwungene Originalität, sondern um die Sensibilisierung des Lesers für das unerschöpfliche Bedeutungspotential von Gedichten. Nicht umsonst bezeichnet sich der Autor als matchmaker, der wie ein klassischer Heiratsvermittler ein Zusammenfinden von Leser und Werk ermöglichen will und sich dazu allerlei Tricks und Finessen bedient. Ob schöne Schmeichelei, faustdickes Lob oder dezenter Hinweis auf versteckte Reize – Peter von Matt beherrscht die gesamte Klaviatur der Verführung, nur steht zu befürchten, dass – bei so vielen verlockenden Angeboten – über das blosse matchmaking hinaus auch das Fremdgehen einen rasanten Aufschwung erlebe. Gewiss nicht der schlechteste Liebesdienst für die Literatur.

vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld

Peter von Matt: «Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte». München: Hanser, 2009

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»