Wb. – Von Thomas Mann bis Hürlimann

All dies war Werner Weber mit Sicherheit nicht: ein Lautsprecher, ein Selbstdarsteller, eine medienkonforme Persönlichkeit. Wer dem bescheidenen, stets liebenswürdigen Mann im Alter begegnete, mochte ihn vielleicht sogar unterschätzen. Dabei hatte man jemanden vor sich, der über die Schweiz hinaus dem literarischen Leben mindestes ein Vierteljahrhundert lang seinen Stempel aufdrückte. Nichts Geringeres als einen Einblick […]

All dies war Werner Weber mit Sicherheit nicht: ein Lautsprecher, ein Selbstdarsteller, eine medienkonforme Persönlichkeit. Wer dem bescheidenen, stets liebenswürdigen Mann im Alter begegnete, mochte ihn vielleicht sogar unterschätzen. Dabei hatte man jemanden vor sich, der über die Schweiz hinaus dem literarischen Leben mindestes ein Vierteljahrhundert lang seinen Stempel aufdrückte. Nichts Geringeres als einen Einblick in dessen neuere Wandlungen eröffnet denn auch die von Thomas Feitknecht herausgegebene Auswahl der Korrespondenz Webers. Mit ihren ältesten Zeugnissen greift sie noch vor die Anfänge des 22jährigen als Mitarbeiter der «Neuen Zürcher Zeitung» seit 1941 zurück. Auf seine Tätigkeit als Redaktor dort, und zumal diejenige als Leiter des Ressorts Literatur, Kunst, Wissenschaft zwischen 1951 und 1973, entfällt der gewichtigste Teil des Buchs. Dokumentiert werden danach noch Webers spätere Jahre als Ordinarius für Literaturkritik an der Universität sowie an der Spitze des Verwaltungsrats des Schauspielhauses Zürich. Der letzte der abgedruckten Briefe datiert aus seinem Todesjahr 2005.

Die Liste der durchaus heterogenen Briefpartner liest sich wie ein Auszug aus dem Who is who? der deutschsprachigen Literatur von Thomas Mann («dankbar ergriffen von der tiefen Betrachtung») bis Thomas Hürlimann («gerade zum richtigen Zeitpunkt, ein Zeichen, das mir sagte: Mach weiter»). Dankbarkeit Weber gegenüber ist eines der Leitmotive der Autoren: für die Mühe verstehender Deutung, für das Ermöglichen von Veröffentlichungen, für Beistand und Unterstützung in schwieriger Zeit, im Falle von Debütanten auch für ihre Erstwahrnehmung. «Dankbarkeit» ist umgekehrt aber auch die Haltung, die Weber selbst häufig zum Ausdruck bringt: «Ich bin Stunden, im Lesen und Nachdenken darüber, glücklich gewesen; bin es noch.» Wenn er so etwas schreibt (hier an Paul Celan), glaubt man es ihm sofort. «Sie machen aus der Kritik der Literatur eine Kunst», fand Marcel Reich-Ranicki. Deswegen konnte der so Gelobte auch ein nachgerade detektivischer Prüfer von Manuskripten sein. Mancher Autor bat ihn vor der Drucklegung seiner Texte um Durchsicht und Korrektur. Im Falle von Friedrich Dürrenmatt und Hermann Burger enthält der Band schöne Beispiele, wie kompromisslos Weber anstreichen konnte, was ihm missfiel.

Respekt, Freundlichkeit und Wohlwollen darf man keineswegs mit dem Fehlen von Standpunkten verwechseln. Wb., wie sein Kürzel in der NZZ lautete, der das Abwägende und Bedächtige mehr liebte als das Polemische, konnte gegebenenfalls sehr deutlich werden. Doch selbst im Streit blieb er nobel, ja «lauter» (Max Rychner).

Ein geborener Freund aller zeitgenössischen Tendenzen war der hochkultivierte Mann keineswegs, wohl aber stets bereit zu lernen. Angesichts pauschal geforderter Offenheit der Kunst «nach vorn» jedoch bekundete er sein Unbehagen: «Ich weiss nicht, ob schon einmal eine Zeit so sehr nach hinten entdecken musste wie die unsere – dass es die unsere muss, das weiss ich», schrieb er im Herbst 1960 an Carl Jacob Burckhardt. Kurz zuvor hatte er zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse eine krass realistische «Auspacker»-Literatur getadelt. Bei jener Veranstaltung, die Ende 1966 den Zürcher Literaturstreit auslöste, hielt er für Emil Staiger die Laudatio. Nicht zuletzt über sein Verhalten in diesem Zusammenhang zerbrach der Kontakt zu Max Frisch. Erst über 20 Jahre später kam er wieder freundschaftlich in Gang, als Weber die Aufführung von Frischs politisch verdächtigtem Stück «Jonas und sein Veteran» vehement verteidigte.

«Heute glaubt man ja nicht mehr an die Literatur», hatte Eduard Korrodi ihm früh zugerufen. Wie immer sein Mentor – und wenn auch erst mit Blick auf spätere Zeiten – damit recht gehabt hätte: wer mag, kann sich von Werner Weber nach wie vor eines besseren belehren lassen.

vorgestellt von Hans-Rüdiger Schwab, Münster

Thomas Feitknecht (Hrsg.). «Werner Weber. Briefwechsel des Literaturkritikers aus sechs Jahrzehnten». Zürich: Neue Zürcher Zeitung, 2009

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