Bewegung ist eben alles

Man könnte neidisch werden. Er steigt in den besten europäischen Hotels ab, ob in Weimar oder Porto, Grenchen oder Zürich. Er besucht die berühmten europäischen Bäder, ob in Budapest oder Baden-Baden. Etwa das Friedrichsbad, diesen klassizistischen Badetempel von altkaiserlicher Pracht. Dort wurde auch an nichts, ob Marmor oder Messing, gespart, allenfalls an Kleidung, denn man […]

Man könnte neidisch werden. Er steigt in den besten europäischen Hotels ab, ob in Weimar oder Porto, Grenchen oder Zürich. Er besucht die berühmten europäischen Bäder, ob in Budapest oder Baden-Baden. Etwa das Friedrichsbad, diesen klassizistischen Badetempel von altkaiserlicher Pracht. Dort wurde auch an nichts, ob Marmor oder Messing, gespart, allenfalls an Kleidung, denn man kommt von Kopf bis Fuss splitterfasernackt, von einem Personal empfangen, den «butterfarbenen Riesen und Riesinnen», die den Besucher «in weissen Schürzen erwarten und durch 15 Stationen begleiten». Man ahnt, welch «wahres Badenglück» dem Badegast bevorsteht. An solchen Orten wie Baden-Baden kommt dann auch noch im Badezimmer des Hotels das heisse Thermalwasser aus der Wasserleitung. Man kann wirklich neidisch werden. Denn auch die besten Restaurants stehen ihm offenbar jederzeit offen, ob im Elsass oder in Manhattan. «Um nicht vor tiefgekühltem Kloss mit Rotkohl zu enden», zieht sich unser Reiseberichterstatter notfalls in das erste Haus am Ort «zurück».

Von Berlin aus zieht er los, in die Schweiz und in die Welt. Amman, Guggisberg, Chur und Genf, Rotterdam und New York – es sind schon sehenswerte Plätze auf dieser grossen, weiten Welt, die sich der Reisende ausgesucht hat. Nur: warum sollten wir neidisch werden? Warum das alles nachlesen? Der Reisebericht zählt schliesslich zu einer erschöpften Gattung. «Die Vermessung der Welt» ist abgeschlossen, das Fremde ist zu einer touristischen Attraktion geworden. Geblieben allenfalls die Notwendigkeit, den Platz zwischen den Annoncen im Reiseblatt mit einem attraktiven Mix aus Bild und Text etwas aufzulockern.

Nun sind allerdings die Reiseberichte, die der seit über fünfundzwanzig Jahren in Berlin lebende Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke zwischen 1999 und 2005 vor allem für die Reisebeilage des Zürcher «Tages-Anzeigers» schrieb, nicht nur Erkundungen eines unbekannten Terrains, sondern zumindest in gleichem Masse auch Reisen ins Innere seines eigenen Ichs. Deshalb spricht er auch von «Erzählungen». In der Sensibilität, mit der Zschokke zu Werke geht, spiegelt sich eine fremde Welt selbst dort noch, wo wir uns auf vertrautem Gelände bewegen. Zschokke hat diese Reisen vermutlich auch genutzt, um endlich den engen Rahmen zu sprengen, in dem er selbst gefangen schien. Denn der Erzähler Zschokke wurde bereits 1981 von der Stadt mit dem Robert-Walser-Preis (für den Roman «Max») ausgezeichnet und fortan gerne und oft als Nachfolger des grossen Kleinmeisters gepriesen. Davon hat er sich befreit, indem er sich auf Achse gemacht hat. Bewegung ist eben alles.

vorgestellt von Martin Lüdke, Frankfurt a. M.

Matthias Zschokke: «Auf Reisen». Zürich: Ammann, 2008

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»