Und unser Gold?

Um die Goldreserven der schweizerischen Nationalbank ranken sich Mythen. Dabei
wäre Pragmatismus angesagt. Anregungen zur Versachlichung der Diskussion in einer spannungsgeladenen Zeit.

Es gehört zum Eigentümlichen einer Krise, dass Gold als ultimativer Garant überschätzt wird. Jedenfalls sind Debatten über den Verbleib des schweizerischen Goldes hierzulande oft eher dem Mythos als dem Pragmatismus verpflichtet.

Klar ist: damit Geld – sei es nun von papierener oder metallischer Beschaffenheit – seine Tauschfunktion angesichts der internationalen Verflechtungen erfüllen kann, bedarf es einigermassen stabiler Wechselkurse. Diese Stabilität ist im Falle des Goldstandards gewährleistet. Im Rückblick fällt es deshalb leicht, das «goldene Zeitalter» zu verklären. Die restriktive Geldmengenpolitik infolge der Golddeckung war jedoch auch problematisch, da für das Wirtschaftswachstum notwendige Kredite erst durch Goldeinlagen der Banken erfolgen konnten.

Seit dem Zusammenbruch des auf Golddeckung beruhenden Bretton-Woods-Systems im Jahre 1971 erfolgt die bloss auf quantitatives Wirtschaftswachstum ausgerichtete Politik einer anderen, nicht minder riskanten Methode: der rein kreditbasierten Geldschöpfung, die die Gefahr des inflationären Gelddrucks in sich birgt. Wenn der Staat die Kaufkraft vor allem über Kredite mit Papiergeld ankurbelt, kann dies wegen der dadurch entstehenden Inflation auf die Dauer zu Lasten von Solidität und Stabilität gehen.

Das Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise ist noch nicht in Sicht, und schon werden Stimmen aus China und Russland laut, die für den Fall eines abrupten Wertezerfalls des Dollars Alternativen zur amerikanischen Währung fordern. In der Tat wurde der Weltmarkt in den letzten zehn Jahren mit US-Dollars geradezu geflutet; der Schuldenexport über US-Staatsanleihen ist keineswegs gebannt, und die amerikanischen Konjunkturprogramme stehen früheren Blasenbildungen in nichts nach. Das Risiko einer Hyperinflation ist also durchaus real, Forderungen nach einer neuen Leitwährung – einem Währungskorb oder einer neuen Weltwährung – sind verständlich. Führt das Zeitalter der gigantischen Konjunkturprogramme zu einer «Rückkehr des Goldstandards», wie der Ökonom Philipp Plickert in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» jüngst schrieb?

Wie steht die Schweiz da? Keine andere Volkswirtschaft in Europa ist so stark globalisiert wie die der Schweiz, weshalb sie sich den neuen Diskussionen über ein stabiles Wechselkursregime und das Funktionieren der Finanzmärkte kaum entziehen kann. Wenn die Stabilität der morgigen Welt womöglich wieder vom Gold abhängt, darf jedoch die öffentliche Debatte nicht jener Sensationslust huldigen, die den Parlamentsanfragen von Nationalräten zum Aufbewahrungsort des Nationalbankgoldes zumeist anhaften. Not tut vielmehr eine pragmatische Analyse des Goldes, zu der auch eine situationsbedingte Risikoanalyse gehört.

Es ist zweifellos so, dass die Befürworter einer konservativen Goldunterlegung die Vorteile eher in einer inländischen Lagerung erblicken und eine Abkehr von der Goldverkaufspolitik der Nationalbank fordern, während die emanzipierten Anhänger des ungedeckten Papiergeldes die Deckung des Geldes durch die Produktivität der realen Volkswirtschaft hochhalten. Ein konstruktives Gesprächsklima zu den ökonomischen Herausforderungen der Zeit setzt indessen das Zusammenwirken aller Beteiligten voraus.

Das Problem dabei ist, dass sich diese Offenheit aufgrund des herrschenden Systems kaum herstellen lässt. Denn Geheimhaltung und Diskretion gehören zum Geschäft der Geldhüter der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die mithin keine Angaben zur Lagerung des Nationalbankgoldes machen. Auch der Bundesrat lässt an der alleinigen Zuständigkeit der Nationalbank für die Wahl des Goldaufbewahrungsortes keine Zweifel. Doch kann ein starres Beharren auf Diskretion angesichts der Finanzkrise gleichsam wider Willen einer schwierigen, da unsachlichen Debatte Vorschub leisten. Dabei kommt dem Aspekt der möglichen Lagerung des Nationalbankgoldes im Ausland zweifellos besondere Bedeutung zu.

Fest steht: 1941 wurde in amerikanischen Zeitungen der Vorwurf erhoben, die Schweiz finanziere die Achsenmächte. Damals lagerte das helvetische Gold bereits in den USA; die SNB hatte es von der Bank of England dorthin transferieren lassen. Sie wurde durch die erwähnten Zeitungsberichte überrascht; sie hatte nicht damit gerechnet, dass das Gold in den USA blockiert werden könnte, was dann aber tatsächlich geschah. Die Blockierung wurde erst durch das Abkommen von Washington im Jahre 1946, nach Zahlung von 250 Millionen Franken an die Alliierten, wieder aufgehoben. Da das Abkommen…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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