Konjunktiv, verzettelt

Vortreffliche Literatur lässt sich definieren als das Zusammentreffen von guter Idee und gelungener Ausführung. Egal, welches Genre ein Schriftsteller wählt, der Einfall muss taugen und die Umsetzung halten, was das Konzept verspricht. Auf den konkreten Einzelfall angewandt heisst das, dass Ralf Schlatter für sein neues Buch «Verzettelt» eine aussergewöhnlich gute Idee hatte. Über Jahre sammelte […]

Vortreffliche Literatur lässt sich definieren als das Zusammentreffen von guter Idee und gelungener Ausführung. Egal, welches Genre ein Schriftsteller wählt, der Einfall muss taugen und die Umsetzung halten, was das Konzept verspricht. Auf den konkreten Einzelfall angewandt heisst das, dass Ralf Schlatter für sein neues Buch «Verzettelt» eine aussergewöhnlich gute Idee hatte. Über Jahre sammelte er weggeworfene, liegengelassene, vergessene oder verlorene Wörter auf Notizzetteln, Nachrichtenfragmenten und Brieffetzen. Daraus formte er kurze Geschichten, erfand Kontexte, erdichtete ein Vorher und Nachher.

Diesen gleichsam gestorbenen Wörtern haucht Ralf Schlatter neues Leben ein. Und verbindet damit zwei Urelemente von Literatur: bedingungslose Faszination am Schriftlichen und die Begeisterung für das Weggeworfene. Von einem der grössten Schriftmenschen, von Erasmus von Rotterdam, geht die Legende, er hätte sich nach jedem Papierfetzen gebückt, auch seine Kutsche anhalten lassen, um irgendwie Beschriebenes einzusammeln. Eine wahre Zettelwirtschaft, die auch Ralf Schlatter aus dem Vollen schöpfen lässt, da die Kürze der Vorlage den Dichter seine Originalität ausspielen lässt. Oder altmodisch: die Inspirationsquelle als Miniatur entzündet ein orphisches Herbeisingen von Welt. So dramatisch ist es bei Schlatter jedoch glücklicherweise nicht; seine Geschichten strotzen nur so vor authentischer Welt – Platz fürs Skurrile, fürs Ausgefallene und humorvoll Verdrehte bleibt dabei obendrein.

Ebenso literarisches Urelement wie die Begeisterung für das Wort ist jene für die Wiederverwendung von Überbleibseln. Der Flaneur Schlatter – denn das Sammeln dieser Zettel setzt ja ein Gehen durch die Welt voraus – stellt die Wörter und Fragmente in eine neue Umgebung wie jemand, der auf dem Flohmarkt Erstandenes nach Hause trägt. Nicht zuletzt verbindet Schlatter die beiden Schwestern Romantik und Postmoderne, durch seine Liebe zum Fragment, zum Zufall, zur Ironie, auch zur Selbstreferenz und zu einem stilistischen Eklektizismus. Manche Geschichten finden Fortsetzungen, ziehen sich durch das ganze Buch, andere stehen für sich allein und einige werden ein zweitesmal und anders erzählt, denn Ruth Schweikert, Franz Hohler und Christoph Simon steuern Gastgeschichten bei. Gerade dann, wenn derselbe Zettel Ausgangspunkt für verschiedene Geschichten ist, wird das Projekt des Buches sichtbar: Jene Möglichkeiten durchzuspielen, die in unserer so linear wirkenden Realität angelegt sind. Das auch vom Layout her ansprechende «Verzettelt» wird so zu einem Buch des Konjunktivs, einem Buch, in dem das Mögliche das Wirkliche überwältigt; ebenso hervorragend wie unterhaltsam erzählt, zelebriert es einen phantastischen Realismus auf Schweizer Art.

vorgestellt von Jens Nicklas, Innsbruck

Ralf Schlatter: «Verzettelt. Verlorene Wörter und ihre Geschichten». Basel: Christoph Merian, 2008

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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