UN-Beobachter in der Wüste

Die neuesten Zahlen belegen, dass die Rüstungsausgaben weltweit ebenso zunehmen wie die Zahl der Friedensoperationen. Was jene anrichten, sollen diese glätten. Dafür allerdings braucht es Ausdauer, insbesondere wenn Konflikte nur beruhigt, nicht gelöst werden. In der südalgerischen Sahara beispielsweise hausen Flüchtlinge seit Jahrzehnten in Lagern, ohne Aussicht auf Heimkehr; der West-Sahara-Konflikt schwelt auf kleinstem Feuer […]

Die neuesten Zahlen belegen, dass die Rüstungsausgaben weltweit ebenso zunehmen wie die Zahl der Friedensoperationen. Was jene anrichten, sollen diese glätten. Dafür allerdings braucht es Ausdauer, insbesondere wenn Konflikte nur beruhigt, nicht gelöst werden. In der südalgerischen Sahara beispielsweise hausen Flüchtlinge seit Jahrzehnten in Lagern, ohne Aussicht auf Heimkehr; der West-Sahara-Konflikt schwelt auf kleinstem Feuer weiter.

Hier, in dieser Wüste, wo die Zeit stehenbleibt, lässt Daniel Goetsch seinen neuen, vierten Roman «Herz aus Sand» spielen. «Cafard» hat Friedrich Glauser in seinem Roman «Gourrama» jene Mischung aus Langeweile, Melancholie, Heimweh und Aufruhr genannt, die die Legionäre befällt. In Goetschs Roman kommt bei den UN-Beobachtern noch der Zynismus hinzu, wenn sie tatenlos zusehen müssen, wie die Flüchtlingslager in Dreck und Hoffnungslosigkeit versinken. Zutritt dazu haben sie ohnehin nicht, sie wachen bloss darüber, dass nichts geschieht. In ihrer Containersiedlung gleich daneben vertreiben sie sich die Zeit mit Beobachten, Nichtstun, Drogen und persönlichen Animositäten.

Frank, der Ich-Erzähler, gibt sich nach aussen hart und unerschütterlich. Heimlich aber schreibt er seine wechselvolle Liebesgeschichte in den Computer. Sich erinnernd versucht er Alma zu vergessen; denn die Wüste wirft ihn auf sich selbst zurück.

Was aus europäischer Warte wie ein (zuweilen psychotherapeutisch motiviertes) Engagement für eine bessere Welt aussieht, ist aus Sicht der Flüchtlinge bloss ein politisches Hinhaltemanöver, zu dem die Helfer tatenlos beitragen. Zwischen diesen und den sogenannten «Aidipis» klafft ein Graben der Entfremdung und des Misstrauens. Dennoch versuchen ein paar UN-Beobachter etwas zu unternehmen und – allen Weisungen zum Trotz – zumindest einigen der hier Gestrandeten Hoffnung zu vermitteln. Frank wird nur zögernd in diese Machenschaften eingeweiht, er geniesst zuwenig Vertrauen.

Daniel Goetsch gelingt es vorzüglich, diese Stimmung zwischen Melancholie und Elend einzufangen, die die Beobachter aus aller Welt mit in einen Taumel des Zynismus oder des stillen Aufruhrs zieht. Der Ich-Erzähler beschreibt diese Stimmung mit zuweilen ätzender Gemächlichkeit. Gerade weil nichts passiert, steckt in diesem Roman eine flirrende Intensität. Doch leider greift diese Intensität nicht auch auf jene Kapitel über, die an Alma und die gemeinsame Liebe, Ehe, Lebensgeschichte erinnern. Diese eher summarisch und oberflächlich erzählten Einschübe fallen atmosphärisch ab und erzeugen bei der Lektüre ein Wechselbad der Gefühle. Die launische Beziehung zwischen Alma und Frank wirkt am Ende sprachlich eintönig im Vergleich mit der Monotonie der Wüste, die in vitaler Spannung bebt.

vorgestellt von Beat Mazenauer, Luzern

Daniel Goetsch: «Herz aus Sand». Zürich: Bilger, 2009

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