Urs Faes 1/2 Gespräch

Werkgespräche // Eine Stafette Wie entsteht ein Buch? Meist wissen wir Leser wenig über seine Entstehungsgeschichte, über das, was den Autor während des Schreibens antreibt, worüber er sich freut und woran er leidet.
In den «Werkgesprächen» erzählen Schriftsteller über ihr Schreiben und stellen anschliessend einen Auszug aus einem Text vor, an dem sie gerade arbeiten.
Die «Werkgespräche» werden in dieser Ausgabe mit Urs Faes eröffnet. In der kommenden Ausgabe spricht er, das Staffelholz weitergebend, mit Klaus Merz über dessen schriftstellerische Arbeit.

Urs Faes 1/2 Gespräch

Als ich vor Ihrer Haustür stand und bei Ihrem Namen klingelte, las ich auf einem der anderen Klingelschildchen «Liebesarchiv», den Titel Ihres letzten Romans. Was erwartet einen Besucher an diesem Ort? 

 

Auf dem Estrich unter dem Dach ist das ganze Archiv zu meinen Büchern in Bordeauxkisten gelagert. Verblichene Fotoalben, Stapel von zerlesenen Illustrierten und die verschiedenen Fassungen meiner Romane. Das Archiv entspricht jenen inneren Archiven von Erinnerungen, die im Schreiben manchmal abrufbar werden. Schreiben hat ja mit Erinnern zu tun. Das schreibende Erinnern nimmt Fäden auf und sucht sie im fiktiven Bild, im Text darzustellen.

 

Das Archiv auf dem Estrich hilft, diese Fäden zu finden?

 

In dem Archiv begegne ich mir selber. Erinnerungen sind ja nicht auf Befehl abrufbar, und das Archiv hilft mir, einen Zugang zu ihnen zu finden. Dabei kommt man auch sich selbst auf die Spur, den kleinen und grossen Schummeleien, die man mit der eigenen Geschichte so betreibt. Manchmal helfen Gegenstände – eine alte Eisenbahn, ein Foto, die Erinnerung an einen Geruch –, eine bestimmte Situation und Stimmung zu finden, zu erfinden. Für das Buch «Liebesarchiv» war es das Bild eines kleinen Jungen, der am Fenster steht und auf seinen Vater wartet. Und der später in den Familienarchiven die Geschichte einer geheimen Liebe seines Vaters aufspürt. So wird das Archiv zum Sprungbrett des Erzählens.

 

Nicht nur für das Buch «Liebesarchiv», sondern auch für viele Ihrer früheren Bücher, die ja immer wieder in der Vergangenheit spielen, in der Schweiz der 1940er und 1950er Jahre?

 

Es ist tatsächlich so, dass in meinen Büchern eine Spurensuche in der Vergangenheit unternommen wird. Eine Suche nach dem, was gewesen sein könnte. Das hat damit zu tun, dass mich immer interessiert hat, wie wir zu dem geworden sind, was wir sind, welche Familiengeschichten uns geprägt haben. Schon in «Sommerwende» vor 20 Jahren bin ich einer solchen Familiengeschichte nachgegangen, dem frühen Tod meiner Grossmutter in der Kriegszeit. «Augenblicke im Paradies» hat mit meiner Kindheit in der Schweiz der 50er Jahre zu tun. «Und Ruth», mein Roman von 2001, ist eine Internatsgeschichte aus den 1960er Jahren. Im nachhinein kann ich sagen, dass «Sommerwende», «Augenblicke im Paradies», «Und Ruth» sowie «Liebesarchiv» zusammen eine Tetralogie bilden, die immer wieder von dieser Spurensuche in der Vergangenheit angetrieben wurde. Das schreibende Erinnern war die einzige Möglichkeit für mich, eine belastende, mitunter quälende Familiengeschichte zu bannen.

 

«Nachzeit» lautet der Arbeitstitel des Romans, an dem Sie zur Zeit arbeiten. Seine Handlung spielt in der Gegenwart, in der onkologischen Abteilung eines Krankenhauses. Ist mit der Tetralogie die Erinnerungsarbeit literarisch abgeschlossen?

 

Vergangenheit ist nie abgeschlossen. Ich weiss nicht, ob und wann sie mich wieder einholt. Im Moment jedenfalls ist das nicht der Fall.

 

Wie gelang Ihnen der Sprung aus der Erinnerung der Familiengeschichten in eine Kranken- und Liebesgeschichte der Gegenwart?

 

Ich lebe in der Gegenwart und schreibe aus der Gegenwart heraus, auch wenn ich mich erinnere und die Vergangenheit wieder aufleben lasse wie in der Tetralogie. Doch es kann auch passieren, dass die Gegenwart auf mich derart irritierend wirkt, dass der Druck des Beobachteten und Erfahrenen zum Schreiben drängt. Schreibend versuche ich dann, dem Unbewältigten nachzugehen. Wie ein Kind, das mit einer Zeichnung zu bannen versucht, was es ängstigt, versuche ich eine Sprache zu finden, Bilder, Rhythmus.

 

In «Nachzeit» trifft ein Gesprächstherapeut auf eine Patientin mit Brustkrebs, die er vor vielen Jahren gekannt und geliebt hat. Wo lag die Irritation?

 

Da muss ich weiter ausholen. Vor zwei Jahren wurde ich überraschend vom Chefarzt für Onkologie eines Schweizer Kantonsspitals angerufen. Er wollte jemanden mit einem Blick von aussen die Menschen, die…

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