Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Markus Spillmann «Der Preis der Religionsfreiheit, der Redefreiheit oder auch der Pressefreiheit ist, dass wir ein ganze Menge Mist in Kauf nehmen müssen.»
(Robert Jackson. Zitiert aus United
States v. Ballard, 32 U.S. 78, 95 (1944)).

Was heisst denn hier Freiheit?

«Unsinn in Kauf nehmen für die Freiheit? Ja! Doch die Bekämpfung des Unsinns ist auch ein zivilisatorischer Akt, zumindest in einer aufgeklärten Welt. Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit wir unserer persönlichen Freiheit Grenzen setzen lassen wollen, da unsere Freiheit auch die Freiheit anderer bedrohen kann. Auch das klingt für mich in diesem Zitat von Jackson an.

Der Umkehrschluss ist, dass wir unsere Freiheit nicht ausnutzen dürfen. Das hat viel mit der Rücksichtnahme auf den anderen zu tun, mit Toleranz und Respekt. Vielleicht auch mit einer Form der Bescheidenheit, sich selber nicht zu wichtig zu nehmen, die eigene Freiheit nicht über alles zu stellen. Sondern Mass zu halten.

Unsinn kann auch umschlagen und zur Bedrohung werden. Wenn sich die Grenzen zu sehr verschieben, bedeutet das auch, dass die Freiheitsgrade anderer eingeschränkt werden. Die Freiheit der Medien etwa, kritisch mit Personen des öffentlichen Lebens umzugehen, ist ja immer auch verbunden mit der Tatsache, dass diese Personen darüber hinaus auch eine Privatsphäre besitzten. Es ist unbestritten, dass gerade Medien dazu tendieren, diese Grenze weit zu ziehen. Und es ist das Privileg des Chefredaktors, der ja von seiner Funktion her das publizistische Gewissen darstellt, hier zu entscheiden. Ich tendiere stark dazu, mich auf mein Bauchgefühl, meine Intuition zu verlassen, etwa bei der Frage, welche Lesermeinung nicht veröffentlicht werden kann, weil sie verunglimpft oder historisch belegte Tatsachen verdreht.

Wenn man sich heutzutage durch irgendetwas tangiert fühlt, dann ruft man gern nach der Einschränkung der Ursache, nach einem amtlichen Verbot des Missstands. Man darf dann dort nicht mehr rauchen und hier nicht mehr mit dem Hund spazierengehen. Auf der einen Seite wird individuelle Freiheit zwar gefordert und gefördert, auf der anderen Seite leidet das Kollektiv aber oft unter dieser Expansion der Freiheit. Ich denke, dass wir heutzutage häufig zu rasch – etwa aus Sicherheitsbedenken – unsere individuellen Freiheiten einschränken lassen. Wir nehmen das zu oft hin wie Schafe, die hinter allem hertrotten. Bei der Bewältigung der aktuellen Finanzkrise müssen wir uns etwa grundsätzlich fragen, inwieweit wir bereit sind, das Risiko zu tragen, mit diesen negativen Seiten der freien Marktwirtschaft zu leben, denn die positiven Seiten wiegen schwer.

Was mich mit Jackson verbindet – nicht in dieser pauschalen Form, man muss jetzt auch das Datum seiner Äusserung anschauen –, ist die ständige Infragestellung, ob es in diesem oder jenen Fall wirklich notwendig sei, die Freiheit zu beschränken. Man muss einen inneren Widerstand aufrechterhalten gegen zu viele Normen, die Freiheit zerstören und letztendlich auch nicht dem Menschen entsprechen. Denn Menschen müssen auch ihre Freiheiten expansiv ausloten können.

Ich denke jetzt nicht an Mord und Totschlag. Ich kann da ein lustiges Erlebnis erzählen. Ich habe hier einen verbrannten Daumen, den ich mir zugezogen habe, als ich vor zwei Wochen mit meinen Kindern auf einem Schweizer Zeltplatz eine Nacht verbrachte. Am Abend hat sich der Rebell in mir geweigert, an der öffentlichen Feuerstelle ein zweites Feuer zu entfachen. Es brannte schon eines, und meiner Meinung nach strahlte es genügend Hitze aus, um auch unsere Würstli zu braten. Damit verstiess ich gegen eine Regel, und das wurde mir auch so mitgeteilt. Da ich auf stur schaltete und böse wurde, fiel mir eine Wurst ins Feuer, die ich dann heroisch mit blossen Händen wieder herausfischen musste, weil ich ja das Gesicht nicht verlieren wollte. Wenn man so will, leide ich noch jetzt an diesem Freiheitsdrang.»

aufgezeichnet von Suzann-Viola Renninger

Markus Spillmann, geboren 1967, ist seit 2006 Chef-redaktor der Neuen Zürcher Zeitung.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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