Urs Faes 2/2 Vorabdruck

«Nachzeit»

Urs Faes 2/2 Vorabdruck

Textauszug aus Kapitel 8

Die Patientin Emerentia (Meret) Etter ist im Gespräch mit dem Therapeuten Philipp Bernau. Sie kommt auf jenen Tag der Diagnose zu sprechen, der soviel verändert hat.

// Merets Stimme klang für einen Augenblick schalkhaft heiter.

Sie hatte sich endlich für die Musik entschieden, nicht nur ein bisschen am Abend, an den freien Tagen, nein, jeden Tag spielen oder nachdenken über das Spielen, arrangieren, interpretieren, im Augenblick sein können.

Sie machte Musik, hörte Musik und las viel; sie hatte das immer gewollt, seit dem Tod der Luzzi, seit jenem Augenblick am Ufer der Maira, als die zerschlagene Leiche der Freundin aus dem Wasser geborgen wurde.

Während sie redete, schien es Bernau für Sekunden selbstverständlich, den Vorhang zur Seite zu schieben und zu ihr hinzutreten, Meret, würde er sagen, Meret, ich freue mich, dich wiederzusehen, ich habe dich nie –

Noch nie, erzählte sie, sei sie sosehr in dem aufgegangen, was sie tue, sei sie, sie scheue das Wort nicht, mit sich im Einklang gewesen, bis eben zu diesem Tag der Diagnose, der alles verändert habe.

Einen Augenblick schwieg sie.

Nach der Diagnose ist nichts mehr wie zuvor –

Sie weiss noch genau, wie sie aus der Frauenklinik hinausgetreten ist: ein kalter Februartag, hell das Licht, überhell, die Sonne kommt aus einem tiefblauen Himmel, Schnee liegt, das Licht schmerzt, sie schliesst die Augen, will langsam weitergehen, sie taumelt leicht, sucht nach einer Bank, da vorn ist eine Bank, sich hinsetzen, für einige Augenblicke sich setzen. Das Flimmern vor den Lidern bleibt, regenbogenfarbenes Flimmern, und sie hört die Worte wieder, hört sie wie einen Refrain, duktal invasives Karzinom, rechts, bei zwei Uhr, von gefährlicher Grösse, bei drei Uhr kleinzystische Ductuli, was niedlich klingt, multifocal, Herde also, gleich zwei, wenigstens kleine, aber gross ist das Rezidivrisiko, also Rückfallgefahr, die Wörter haben sich eingeprägt, Her2-Überexpression, ein Hochrisiko insgesamt, Operation gewiss, im schlimmsten Fall Mastektomie, also Amputation oder Ablation, und auch die Lymphknoten weg. Ausräumen, wegschneiden, herausschneiden, wie man faule Früchte schneidet. Dann Chemo, drei Zyklen, anschliessend Radiotherapie. Wenn sie dann noch lebt. Dieses Flimmern, während sie dasitzt, auf dieser Bank, und die Kälte von den Füssen heraufkriecht, sie frösteln lässt; wie lange sitzt sie schon auf dieser Bank, der Schnee glitzert, die Sonne leckt an den gefrorenen Zweigen, sie muss weiter, will aufstehen, diesen Weg entlanggehen zwischen den Gebäuden, nasser Beton, gesprenkelt, das sieht sie jetzt. Ein Taxi, denkt sie, mit dem Taxi zum Bahnhof mit den vielen Geleisen, ein offenes Geleisefeld, Geleise, wie Lymphbahnen, ein Gelände, aufgefächert, dann Knoten, die sammeln, dreizehn sind tumorfrei, aber eben nicht alle. Sie geht langsam, folgt den Rillen der Betonplatten, da vorn ist das grosse Tor, die Säulen, die in den Himmel ragen, weisse Säulen mit den Namen der Neugeborenen; man müsste, denkt sie, auch schwarze Säulen aufstellen, mit den Namen der Toten, öffentlich, als Memento mori.

Bahnhof, ruft sie dem Taxi zu; warum nicht Friedhof, denkt sie und schliesst die Augen.

Sie müsste die Ohren schliessen, um die Wörter nicht zu hören, Wachs in die Ohren träufeln, in den Wörterkanal, der quillt, Ektomien und Szintigraphien, Explantationen und Exzisionen, Alphabet der Krankheit.

Das Licht, so überhell an diesem Februartag, blendet; sie steht zögernd am Bahnsteig. Du bist eine andere als die, die an diesem Morgen da angekommen ist, auf dem gleichen Bahnsteig, noch hoffend, noch wünschend; einige Stunden später, jetzt, nur noch bangend und zitternd. Sie sitzt im Zug an diesem frühen Nachmittag, diese Helligkeit draussen, das Flimmern wieder, ganz nah, die Farben, schillernd, streifig, bis hin zum Schwarz, und etwas trägt sie fort, hinweg über diese schneebedeckte Ebene, die am Horizont sich verliert, all das scheint wie immer und ist doch verändert durch diese Schaubilder, diese Worte und Begriffe, die sagen, dass sie krank ist, krebskrank. Anders, denkt sie, das Leben da draussen, mit den Wiesen und Wäldern, mit den Bäumen und Flüssen.

Anders das Leben da drinnen in dir, in deiner Haut, mit deinem Atmen, mit dem Pulsieren des Blutes, mit den Träumen, Phantasien und Erinnerungen, das alles ist anders, weil du alles, was Leben ist, nun vom Vergehen her messen musst, vom Tod her, und von da erscheint es klein und nichtig, ein Haschen nach dem Wind.

Die Fahrkarte!

Sie erschrickt, nestelt, hüstelt; wozu braucht eine Kranke eine Fahrkarte, denkt sie, sucht, klaubt sie hervor, streckt sie hin, schlägt die Augen nieder.

Der Zug ist angekommen, sie durchquert den Hauptbahnhof, eine in der Menge, eine Kranke in der Menge. Sie geht durch den Park, dann die Limmat entlang, das Wasser ist hell, klar, ein Sog, lichtgrün. Sie springt über die Schatten auf dem Kiesweg, atmet schwer.

In der Wohnung ist der Tag noch immer hell, ein Sonnenstreif kriecht übers Parkett, über ihren Arm, über die Füsse; sie hört die Wörter wieder, legt sich aufs Bett, schliesst die Augen.

Sie weiss, da wächst etwas in ihr, was nicht wachsen sollte, das breitet sich aus, ungehemmt, das wuchert und wuchert, invasiv, duktal, angreifend, um sich greifend, übergreifend. Sie muss warten, zwei, drei Wochen, und das wächst weiter, eine Invasion, unter der Haut.

Waren das die Worte, die sie forttrugen, die Worte, die in seine Zimmerhälfte fielen, durch den mattschimmernden Vorhang?

Meret, sagte er plötzlich, sehr langsam, nah beim Vorhang, seine Hand berührte das weisse Tuch, diese feine Maserung des Gewebes.

Meret, wiederholte er.

Sie schien ihn nicht zu hören.

Der Beginn der Radiotherapie ist erst für übernächste Woche geplant, falls er nicht verschoben werden muss. Wollen wir uns zu einem weiteren Gespräch treffen?

Bernau fragte zögernd.

Uns bleibt noch ein wenig Zeit.

Ihm schien, der letzte Satz falle mit einem dumpfen Aufprall ins Zimmer.

Hatte er «uns» gesagt?

Wir können, fügte er an, uns auch direkt gegenübersitzen, von Angesicht zu Angesicht.

Nein, bitte nicht.

Sie sagte es sehr entschieden, fast erschreckt.

Nächste Woche also?

Ich werde es mir überlegen.

Bernau hörte, wie sie eilig das Zimmer verliess. Eine Weile verharrte er vor dem Vorhang, dann schob er ihn beiseite, trat zum leeren Stuhl, strich mit der Hand über die Lehne, setzte sich.

Er streckte beide Hände aus, sah auf die Finger; trocken war die Haut, rauh. Vor drei Wochen war er, aus einer unbewussten Regung heraus, ins Dorf seiner Kindheit gefahren, ans Grab seines Bruders. Zum erstenmal wieder, seit vielen Jahren.

Auf dem Grab wuchs Unkraut, Klee, Moos, eine einsame Zinnie. Das Metallkreuz schimmerte mattbraun. Während seine Finger das Metall berührten, sah er für Augenblicke den Kleinen vor sich.

Im Dorf kannte er niemand mehr, die Gräber der Eltern waren aufgehoben. Dem Friedhof gegenüber ragte der Rundturm der alten Mühle auf; im Kanal, der auf die Mühle zuführte, drehte sich noch immer das Wasserrad, langsam, leise. Der Kleine hatte immer zum Kanal gewollt, über den schmalen Steg bei der Schleuse, die das Wasser des Flusses staute und in den Kanal lenkte. Da liess er Steine fallen, kreischte auf, lachte, patschte die Hände zusammen, winkte den Enten zu und liess die Papierschiffchen schwimmen, die er, der ältere, ihm hatte falten müssen, eins oder zwei oder drei. Schaukelnd trieben sie auf das Wasserrad zu, bis sie von der Strömung erfasst wurden.

Fort, jauchzte der Kleine, fort, und er lüftete seine Matrosenmütze.

Von der Mühle klang jetzt das dreifach anschwellende Tuten der Schiffssirene herüber, Feierabendzeichen für die Mühlenarbeiter, ein Abendschrei, der die Dohlen aufschreckte und die Ausfahrt eines Schiffes ankündigte, das es nicht gab. Bernau hörte Schritte im Kies des Friedhofswegs, er liess das Kreuz los, wandte sich ab. Dohlen verschwanden im Mauerwerk des Kirchturms.

Der Kleine wäre jetzt Mitte vierzig. Fast so alt wie Meret.

Er hatte Meret nie von seinem Bruder erzählt. //

* * *

Textauszug aus Kapitel 14

Nach ersten Gesprächen im Spital bricht der Kontakt zwischen Philipp und Meret zunächst ab. Jeder ist für sich.

// Am späten Vormittag schritt Philipp über die schmale Steintreppe hügelan. Er erreichte den Kirchplatz, schaute hinunter auf die Insel, die von einem grellen Mittagslicht in ein durchlässiges Blau gerückt war. Zwei Fischerboote, Holzbarken mit Aussenbordmotor, schnitten Kerben in die glatte Spiegelfläche des Sees. Auf der Uferwiese trugen Arbeiter Bänke und Tische für das Dorffest herbei; ein Karussell stand schon seit Tagen da, gleich neben der Tanzbühne, es würde laut werden im Dorf.

Vor dem Kirchenportal grüsste eine neugegossene Statue des Padre Pio. Der Reingewinn des letzten Dorffestes hatte die Anschaffung möglich gemacht, obwohl der Padre inzwischen verdächtigt wurde, sich die Wundmale selbst zugefügt zu haben; hier stand er neben dem heiligen Franz und zehrte von dessen Unschuld.

Die Toten, sie betteln noch, Franz.

Wenn er auf die Statue des heiligen Franz schaute, fiel ihm diese Zeile ein. Er hatte Meret das Gedicht geschickt, irgendwann nach Luzzis Tod, dieses Gedicht, das den Tod eines Kindes so eindringlich beschwor. Meret hatte ab und zu von Kindern gesprochen, damals, sie beneidete die Luzzi um die kleine Sonja.

Der staubige Trampelpfad führte durch Olivenbäume, deren Blätter im Windhauch zitterten.

Über diesen Hügel war er mit Meret gewandert, an einem Dezembertag, kalt und windig, ein Seewind, der Wolkenberge heranschob, dunkelgrau und massig; schon am Vortag hatte es geregnet, die lehmige Erde war nass und schwer, die Äste der Bäume hingen herunter, Tropfen lösten sich bei jeder Berührung. Meret sammelte Steine, Scherben, grub kleine Pflanzen aus. Mitten in dieser Wildnis, die immer dichter und undurchdringlicher wurde, kam sie auf ihn zu, umarmte ihn heftig und flüsterte ihm Worte zu, die er nie mehr vergass: vom Bleiben und Ankunft finden. Von Ich und Du. Und vom Abend, der ein Zauberer ist.

Mit Kratzern an den Händen und im Gesicht durchdrangen sie das Dickicht, Lavendel- und Rosmarinduft an den Kleidern, Lehm an den Schuhen, bis sich eine kleine Ebene auftat, die den Blick freigab auf den See.

Schau, rief Meret, und deutete auf die unzähligen Möwen, die in diesem Augenblick vom See aufstiegen, im Wind sich tummelten, weisses Blitzen vor den schwarzen Wolken, pfeilschnell auf und ab flogen, Volten zogen, Pirouetten schlugen.

Auguri, schrie Meret, auguri.

Er würde Meret schreiben. «Dir schreiben nach so langer Zeit, nach all den Jahren.» So würde er anfangen, aber nicht von der Vergangenheit reden, sondern von der Gegenwart, von dem, was sich jetzt zeigt.

Er schritt voran, tauchte in die Wildnis von Bäumen und Sträuchern ein, die den Hügelrücken überwachsen hatten und jedes Jahr undurchdringlicher wurden. Eine Tafel warnte vor Wildschweinen und verbot das Sammeln von Pilzen. Über einen der ausgetretenen Pfade erreichte er den Hügelkamm.

Er würde auch von der Krankheit schreiben, von dem, was er wusste. Aber vor allem von den Schritten, die möglich wären, den kleinen, beiläufigen.

Der Gedanke beflügelte seinen Gang; auf der andern Seite des Hügels öffnete sich ein Kiefernwald, der ins Land hineinwuchs; in der abschüssigen Lichtung blühten Lilien, rote Feuerlilien.

Meret sitzt am Fenster, das Buch liegt auf dem Schoss, die Harfe steht in der Ecke; und unten auf der Strasse gehen Menschen, junge Frauen, die von der Arbeit kommen, die beiden Schwarzen, die jeden Morgen ins Handy sprechend ausrücken und mit grossen Taschen voller Früchte zurückkehren. Um diese Zeit schlendern auch die Frauen mit den Kindern hinunter zum Spielplatz, das eine Kind im Wagen, das andere an der Hand. Hinter einem Vorhang taucht im Haus gegenüber das Gesicht einer Frau auf, Nummer 20, im zweiten Stock, auch sie beobachtet die Strasse und hebt die Arme. Meret folgt ihren Bewegungen. Sieht sie all das mit andern Blicken als früher? Sie sagt jetzt öfter «früher».

Ein Dezembertag im Bergell, in ihrem Jahr neunundachtzig, ihr langer Weg von der Casaccia-Ebene hinauf über den steilen Trampelpfad nach Durbegia, durch den ersten Schnee, der gefallen war. Sie haben beide schwer geatmet und gefröstelt. Und plötzlich brach die Sonne durch die Wolken, machte die Häuser unten im Tal blinkend hell, und das Wasser der Maira glitzerte, gleisste, sprühte. Philipp wollte voller Übermut Schneebälle auf Schloss Castelmur hinunterwerfen und hatte ihr aus dem Rosengarten von Soglio die erste Rose des folgenden Jahres versprochen.

Aber die Zuversicht trug sie nicht weit, nicht einmal mit den Rosen zum nächsten Juni hin. Er zog sich in seine geschützte Zone zurück und hielt sich mäuschenstill, reglos, als bewegte sich die Welt um ihn.

Sie hört wieder auf das Klavierspiel aus dem Nachbarhaus: diesmal Grieg. Morgen also, um halb elf, eine halbe Stunde ist für die erste Behandlung vorgesehen, damit sie jeden Schritt kennenlernen kann, vom Umkleideraum, an den Tisch, sich hinlegen, ausrichten, warten. Cécile wird kommen, sie begleiten, das erste Mal wenigstens. Man wird zu ihr sprechen, sie kann Fragen stellen. Wie eine Röntgenuntersuchung, hat Dr. Penk betont, nicht anders als röntgen. Er hat ihr den Raum gezeigt; er ist hell, gross, eigentlich freundlich, wenn da nicht dieser Apparat wäre, auf dem sie festgeschnallt sein wird, im grellen Licht; ein Fenster geht zum Hof, auf ein kleines Beet mit Blumen, auch das hat sie gesehen.

Sie wird nichts spüren, wird daliegen, warten, mit diesen Markierungslinien auf der Haut; es wird nicht lange dauern, dann wird sie aufstehen, weggehen können. Und danach? Wieder diese unendliche Müdigkeit und doch nicht schlafen können. Diese Lustlosigkeit und dieser Ekel. Erbrechen. Oder Lähmung, Nervenlähmung, wie damals.

Ist die Krankheit die Antwort des Körpers auf ein verknotetes Leben? Ist das die offene Wunde, die sich nicht mehr schliesst? Das hatte Cécile nicht hören wollen. Die sanfte Freundin hatte sie geschüttelt. Auch Cécile kann Entschlossenheit zeigen. Du kommst durch, hatte sie geschrien, gib bloss nicht auf.

Will sie sich davonstehlen?

Wieder diese Fragen, die mit dem Mittagslicht in den Raum fallen.

Sie wünscht sich – könnte sie schreiben – nicht Worte, nicht grosse Gesten, sondern jemand, der einfach da ist, mitkommt zum Einkaufen, zum Arztbesuch, zu einem Spaziergang, jemand, der einen begleitet auf einem Stück des Weges in den Tag hinein, in dem vieles nicht mehr selbstverständlich und so vieles ungewiss ist.

Jemand, der mit einem den Sonnenuntergang betrachtet, den Schatten folgt, die sich über die Häuser und die frischgemähten Wiesen legen, jemand, der sich mit einem über eine bizarre Wolkenformation freut, über den unverwechselbaren Duft eines Büschels Dill, das seinen sämig seifigen Duft verbreitet. Es sind, würde sie schreiben, die kleinen Dinge, die ihr nahegehen, das Alltägliche, das seine Bedeutung hat: das Aufstehen am Morgen, sich anziehen, frühstücken, die Fahrt in die Klinik; vielleicht sitzt sie zuvor noch in einem Café, blättert in einer Zeitung, liest in einem Buch, wechselt ein paar Worte mit der Kellnerin, schlendert dann, meist zu Fuss, ins Spital. Da werden die Schritte vorgegeben sein: warten, eintreten, sich unter die Apparate legen, geduldig sein, die Augen schliessen und denken, das hilft, du wirst gesund. Dein Leben ist kostbar. Und während sie liegt, ergeben, fällt der Blick durch die Lamellen auf den kleinen Hof, wo Gras wächst, Wiesenblumen sind; die Stimme des Assistenten klingt nachsichtig, freundlich. Für Sekunden wird draussen ein Vogel sichtbar, ein taumelnder Falter, diese Momente der Ablenkung lassen einen die ganze Prozedur vergessen. Zuversichtlich verlässt sie dann den Raum. Eine weitere Fraktion wird vorbei sein, eine weniger.

Manchmal gelingt die Distanz, das Innehalten; da glückt ein Tag, die Freude über das Licht, das durchs Fenster fällt, helle Streifen bildet. Manchmal gelingt es, und sie geht den Weg vom Bahnhof am Fluss entlang, verweilt auf dem Lettensteg, wo die jungen schönen Körper sich räkeln, braungebrannt, begehrenswert, die Sonnenbrille im Haar, den Stöpsel im Ohr. Sie geht bedächtig, sieht das grüne Wasser, von Wellen geriffelt, sie folgt einer Eidechse, die sich über die Steine schlängelt, sie lacht über die wippenden Bewegungen eines Joggers, die hüpfenden Zöpfe einer jungen Frau, das Schnattern einer Ente, geschenkte Augenblicke einer schmalen Gegenwart, die die Zeit aufheben. Alles scheint leicht, das Leben voller Bilder und Farben, von Glanz die Tage, von einer Fülle, die jeden Augenblick als Kostbarkeit begreift.

Sie öffnet das Fenster, schön wie der in die Tasten schlägt, eine Wucht dieser Grieg; mächtig, erdrückend.

Sie bleibt am Fenster stehen.

Philipp schritt durchs Tor, in den Schlosshof; auf den Balkonen brannten Laternen, da und dort warfen sie einen blakenden Schein auf gemalte Medaillons, Portraits von Frauen. Wie Besucherinnen aus fernen Jahrhunderten schienen sie zwischen den Blumen auf.

Warum bist du hier, gehst in dieser heissen Sommernacht auf das Schloss zu, Pian di Carpine, Unterkunft am Pilgerweg, dann Hospital der Ritter zu Jerusalem und später der Malteser, die noch immer da sind?

Der Flügel stand im Innenhof, die Menschen weilten noch draussen unter den Pinien, auch seine Exzellenz, der Gran Maestro war da.

Er würde Meret von diesem Abend schreiben, von den Gesichtern auf den Balkonen, von den halbgeöffneten Fenstern mit den rauschenden Gardinen, von Fürst Wronski, der sich immer wieder verneigte, unter den Frauen Anna entdeckte und versuchte, sie an ihren Platz zu geleiten, vorn in der ersten Reihe, wo Samt über den Stühlen und ein roter Teppich unter den Füssen lag. //

// In der kommenden Folge der «Werkgespräche» spricht Urs Faes mit dem Schriftsteller Klaus Merz, der aus seinem neuesten Gedichtzyklus einige Gedichte vorstellen wird.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»