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Nicole Hasler, zvg.

Ist ein Apfel «natürlich»? Beim Essen führt der Begriff in die Irre

Verschiedenste Lebensmittel werden als «natürlich» angepriesen. Der Begriff ist jedoch unscharf und als Massstab nicht geeignet. Wir sollten bei der Ernährung besser andere Kriterien verwenden.

Kaum ein Begriff ist in der Ernährung so präsent und zugleich so unklar wie jener der «natürlichen Ernährung». Lebensmittel werden als «natürlich» beworben, Ernährungsweisen versprechen Gesundheit dank Ursprünglichkeit. Doch lässt sich daraus tatsächlich ableiten, wie wir uns ernähren sollten? Und ist eine rein pflanzliche Ernährung oder der Konsum von Fleisch natürlicher? Eine Antwort auf diese Fragen setzt zunächst voraus, den Begriff der «natürlichen Ernährung» selbst zu klären, da sich aus ihm häufig vorschnell normative Schlüsse ergeben.

Eine erste begriffliche Orientierung findet sich in der Antike bei Aristoteles. In seiner Physik unterscheidet er zwischen Dingen, die «von Natur» sind, und solchen, die aus anderen Ursachen entstehen. Natürliche Dinge tragen «in sich selbst ein Prinzip der Bewegung», während künstliche Dinge dieses Prinzip nicht besitzen, sondern durch menschliches Handeln hervorgebracht werden. Überträgt man diese Unterscheidung auf die Ernährung, scheint «natürlich» zunächst das zu bezeichnen, was ohne menschliche Eingriffe entsteht: unverarbeitete Pflanzen oder ursprünglich vorkommende Nahrung.

«Natürlich» gleich «gesund»?

Doch diese intuitive Vorstellung hält der Praxis kaum stand. Unsere Ernährung ist seit jeher von Eingriffen geprägt: Kochen, Fermentieren, Züchten oder Konservieren von Lebensmitteln sind keine Ausnahmen, sondern Grundlagen menschlicher Lebensweise. Getreide, Früchte und Gemüse, wie wir sie heute kennen, sind grösstenteils Resultate jahrhundertelanger Züchtungen. Auch in der Tierzucht sind natürliche Prozesse längst durch technische Verfahren ersetzt oder ergänzt worden, etwa durch gezielte Zuchtprogramme und künstliche Befruchtung. Eine vollständig «natürliche» Ernährung im Sinne völliger Unberührtheit durch den Menschen scheint daher kaum möglich.

«Getreide, Früchte und Gemüse, wie wir sie heute kennen, sind grösstenteils Resultate jahrhundertelanger Züchtungen.»

Der Philosoph Baruch Spinoza zog daraus im 17. Jahrhundert eine radikale Konsequenz: Alles, was existiert, ist Natur. Folgt man dieser Perspektive, verliert die Unterscheidung zwischen «natürlich» und «unnatürlich» weitgehend ihren Sinn. Auch menschliche Ernährung wäre dann stets natürlich.

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird «natürlich» jedoch selten so neutral verwendet. Häufig bedeutet es: gesund, gut, wünschenswert. Genau hier setzt die Kritik des Philosophen G. E. Moore an. Der sogenannte naturalistische Fehlschluss besteht darin, von dem, was ist, auf das zu schliessen, was sein soll. Dass etwas natürlich ist, sagt nichts darüber aus, ob es gut ist. Giftige Pilze sind ebenso natürlich wie frisches Gemüse, und umgekehrt können technisch hergestellte Produkte durchaus positive Wirkungen haben. Natürlichkeit erweist sich als unsicheres Kriterium für die Bewertung von Ernährung.

Diese Einsicht verändert auch den Blick auf aktuelle Debatten. Häufig wird Fleischkonsum als natürlich verteidigt, weil der Mensch evolutionär ein Allesfresser ist. Tatsächlich haben Menschen über lange Zeiträume hinweg Tiere gegessen, sodass Fleischkonsum als Teil einer natürlichen Ernährungsweise erscheinen kann. Umgekehrt wird eine pflanzliche Ernährung bisweilen ebenfalls als natürlicher verstanden, etwa weil sie als ressourcenschonender gilt und ohne die Nutzung von Tieren auskommt. Beide Positionen, für Fleischkonsum wie auch pflanzliche Ernährung, berufen sich auf «Natürlichkeit». Und meinen dabei Unterschiedliches.

In der öffentlichen Diskussion verdichtet sich diese Uneindeutigkeit oft zu idealisierten Bildern: hier der «naturnahe» Bauernhof, dort die vermeintlich ursprüngliche Pflanzenkost. Solche Vorstellungen sagen weniger über die Natur aus als über kulturelle Erwartungen.

Das Tierwohl berücksichtigen

Ernährung ist ein Zusammenspiel von biologischen Voraussetzungen und kulturellen Entscheidungen. Der Mensch gestaltet seine Lebensweise aktiv und überschreitet dabei immer wieder die Grenzen des Gegebenen. Natürlichkeit ist vor diesem Hintergrund weniger ein klarer Massstab als ein Deutungsrahmen, der unterschiedlich gefüllt werden kann.

Entsprechend greifen viele ethische Ansätze auf andere Kriterien zurück. So argumentiert etwa der Tierethiker Peter Singer, dass moralische Überlegungen im Umgang mit Tieren nicht von deren Natürlichkeit abhingen, sondern von der Frage, wie sie behandelt würden.

Die moderne Technik stellt die Unterscheidung zwischen natürlich und künstlich zusätzlich infrage. Industrielle Landwirtschaft, Nahrungsergänzungsmittel oder im Labor erzeugtes Fleisch erscheinen oft als unnatürlich. Diese Beispiele legen nahe, dass die Zuschreibung «unnatürlich» wenig darüber aussagt, ob eine Ernährungsweise gesundheitlich sinnvoll, ökologisch tragfähig oder ethisch vertretbar ist. Vielmehr fungiert «Natürlichkeit» häufig als implizite Bewertung, ohne dass die zugrunde liegenden Kriterien ausgewiesen werden.

So kann im Labor erzeugtes Fleisch als unnatürlich gelten, selbst wenn es mit weniger Tierleid oder geringeren Umweltbelastungen verbunden ist. Ähnlich verhält es sich mit Hors-sol-Gemüse: Auch hier mag die Produktion weniger natürlich erscheinen, weil sie ohne Erde auskommt und teilweise automatisiert erfolgt, selbst wenn sie mit deutlich weniger oder ganz ohne Pestizide auskommt. Nahrungsergänzungsmittel wiederum gelten oft als künstlich, können aber, etwa bei der Versorgung mit bestimmten Vitaminen, gesundheitlich sinnvoll oder sogar notwendig sein. Die Berufung auf Natürlichkeit erweist sich damit auch im Kontext moderner Ernährungstechnologien als unzureichender Massstab.

«Kann im Labor erzeugtes Fleisch als unnatürlich gelten, selbst wenn es mit weniger Tierleid oder geringeren Umweltbelastungen verbunden ist.»

Zusammenfassend zeigt sich: Eine eindeutig bestimmbare «natürliche Ernährung» gibt es nicht. Der Begriff ist mehrdeutig und wird häufig mit normativen Erwartungen überladen. Weder eine pflanzliche Ernährung noch Fleischkonsum lassen sich allein durch den Verweis auf Natürlichkeit überzeugend begründen. Stattdessen ist es sinnvoller, Ernährung anhand von Kriterien zu beurteilen, die in der wissenschaftlichen und ethischen Diskussion eine zentrale Rolle spielen: gesundheitliche Auswirkungen, ökologische Nachhaltigkeit und der Umgang mit Tieren. Diese Kriterien ergeben sich jedoch nicht unmittelbar aus der Natur selbst, sondern setzen bereits voraus, dass wir bestimmte Werte als relevant anerkennen. Sie können zudem in Konflikt miteinander stehen und verlangen Abwägungen, die sich nicht durch einen einfachen Rückgriff auf «Natürlichkeit» entscheiden lassen.

«Natürlich essen» ist damit weniger eine klare Beschreibung als ein kulturelles Ideal. Dieses Ideal verändert sich mit Wissen und technischen Möglichkeiten und bleibt auf Interpretation angewiesen. Wer sich auf «Natürlichkeit» beruft, entscheidet oft schon, ohne zu prüfen. Massgeblich ist nicht, ob unsere Nahrung als natürlich gilt, sondern welche Folgen unsere Ernährungsweise für Gesundheit, Umwelt und andere Lebewesen hat. Und welche Folgen wir als akzeptabel erachten.

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