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Der Mensch ist laut Rousseau schlecht – mit Ausnahme von Rousseau

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau sah den Menschen als von Natur aus gut, aber verdorben durch die Zivilisation. Sein Denken zeigt sich in politischen Bewegungen der Gegenwart.

Der Mensch ist laut Rousseau schlecht – mit Ausnahme von Rousseau
Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer (1818). Öl auf Leinwand. Bild: Wikimedia.

Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? Die Frage, die am Anfang aller Religionen und Philosophien steht, verquickt sich mit einer zweiten: Ist die Natur, verstanden als die Gesamtheit der Materie und des Lebendigen, so beschaffen wie die Natur des Menschen, also gut oder böse? Oder besteht kein zwingender kausaler Zusammenhang zwischen beidem? Ist der Mensch über die übrige Natur hinausgewachsen, sei es im Guten, sei es im Bösen?

Die Antworten der antiken Philosophie fielen unterschiedlich aus. Für die Materialisten wie den Römer Lucretius Carus war im Anschluss an den griechischen Vordenker Epikur alles Natürliche, auch der Mensch und sein Geist, aus Atomen zusammengesetzt, also moralisch indifferent. Für Stoiker wie Annaeus Seneca kann sich der Mensch in einem von universeller Vernunft durchpulsten und geordneten Kosmos durch tugendhafte Willensanstrengungen an die Seite der Götter erheben; umgekehrt kann er aber auch durch lasterhafte Lebensführung zur Bestie absinken.

Lust an der Sünde

Die für Europa in der Folgezeit entscheidenden Antworten auf beide Fragen gab dann die christliche Theologie: Gott hat die Natur und mit ihr den Menschen vollendet geschaffen. Das hätte auch so bleiben können, wenn der Mensch nicht durch seinen von fatalem Hochmut eingegebenen Ungehorsam diese harmonische Ordnung zerstört hätte und als Strafe dafür aus dem Paradies vertrieben worden und in Zeit, Vergänglichkeit und Tod abgestürzt wäre. Für gläubige Christen war die Natur des Menschen von Grund auf böse: Der natürliche Mensch war von der concupiscentia, dem Willen zur Sünde und der Lust an der Sünde, getrieben; er bedurfte der Gnade Gottes, um aus diesem Taumel des Bösen erlöst zu werden. Für Martin Luther blieb er selbst dann, wenn ihm diese Gnade von Gott unverdientermassen verliehen und er deshalb von diesem gerecht gesprochen wurde, simul justus et peccator: gerecht und sündig zugleich. Am abschreckendsten fiel das Bild des natürlichen Menschen beim Genfer Reformator Jean Calvin aus: ein Ausbund an Heuchelei, Betrug, Selbsttäuschung und Selbstverliebtheit, widerlich für alle anderen, nur nicht für sich selbst. Für Calvin und Luther konnte die schäbige Kreatur Mensch mit ihrer gefallenen Natur aus eigener Kraft nichts für ihr Seelenheil tun, sondern war dem unerforschlichen göttlichen Willen und damit der Prädestination unterworfen.

Zusammen mit seiner eigenen Natur hatte der Mensch im christlichen Verständnis auch die übrige Schöpfung schwer beschädigt. Wie in seiner eigenen Natur waren jedoch auch in der Natur insgesamt immer noch Spuren der alten, auch nach dem selbstverschuldeten Sündenfall in Restbeständen fortbestehenden Herrlichkeit erhalten geblieben. Grösse und Abgrund sind deshalb die Leitmotive des Menschen in Blaise Pascals «Pensées», der intellektuell und literarisch brillantesten Darstellung des Menschen in seiner tragischen Zerrissenheit.

Für Theologen und Politiker lautete die Konsequenz somit unisono: Der Mensch, dieses von Natur aus ungebärdige, zu Zerstörung und durch seinen grenzenlosen Egoismus zugleich zur Selbstzerstörung neigende Triebwesen, konnte nicht so bleiben, wie er war. Er musste zur Einhaltung einer Ordnung gezwungen werden, die ihm von Natur aus zutiefst zuwider war. An eine Umerziehung war unter diesen Voraussetzungen nicht zu denken, gegen die destruktiven Instinkte des Menschen half nur eine von einer starken Obrigkeit durchgesetzte Zwangszähmung – so, wie man auch die Natur, die sich durch Überschwemmungen und Bergstürze nicht minder lebensfeindlich manifestierte, mit Gewalt im Zaum halten musste.

Die böse Zivilisation

Der Aufstand gegen dieses Bild der Menschennatur und der «Naturnatur» beginnt im Oktober 1749. Dem bis dato weitgehend unbekannten Literaten und Komponisten Jean-Jacques Rousseau aus Genf fiel es auf einer schweisstreibenden Wanderung zu seinem im Staatsgefängnis von Vincennes schmachtenden Freund Denis Diderot wie Schuppen von den Augen: Alle bislang von Religionsstiftern und Philosophen vorgetragenen Deutungen zur Natur des Menschen seien von Grund auf falsch. Bald darauf veröffentlichte Rousseau seine Gegenthesen in seinen beiden Diskursen über Wissenschaft und Kunst sowie das Problem der Ungleichheit. In einer bis 1762 nicht abreissenden Reihe umfangreicher theoretischer und belletristischer Werke machte er sie einem staunenden, wahlweise empörten oder begeisterten europäischen Publikum bekannt.

Auf den ersten Blick klang seine Kernaussage zum Menschen wie die Calvins: «Mensch, suche nicht mehr nach dem Urheber des Bösen, dieser Urheber bist du selbst. Es gibt kein anderes Übel als das, was du tust oder erleidest, und beides kommt von dir.» Also wieder der sündige Mensch als Verderber der Natur?

Calvin hätte die Stirn gerunzelt, denn Rousseau meint das schiere Gegenteil: Der Mensch ist von Natur aus gut. Sein göttlicher Schöpfer hat ihn mit allen Eigenschaften ausgestattet, die ihn und seine Mitmenschen glücklich machen können. Dazu gehören Güte, Mitgefühl, Friedfertigkeit und, das kostbarste Geschenk von allen, eine innere Stimme, die sich Gewissen nennt, unbestechlich Gut und Böse unterscheidet und selbst in einem bösen Menschen niemals zum Schweigen gebracht werden kann. Womit sich die Frage stellt, wie der von Natur aus gute Mensch überhaupt böse werden kann.

«Calvin hätte die Stirn gerunzelt, denn Rousseau meint das schiere Gegenteil: Der Mensch ist von Natur aus gut.»

Die Antwort Rousseaus lautet: durch die Geschichte, genauer: durch den Verlauf der Zivilisation, die den Menschen zu einer grotesken Karikatur seines ursprünglichen Zustands verformt hat. Dieser zutiefst von seiner Natur entfremdete Mensch tritt laut Rousseau im 18. Jahrhundert in verschiedenen, gleichermassen hässlichen Rollen auf: als speichelleckender Höfling, als geldgieriger Bankier, als korrupter Literat, der den moralisch verdorbenen Mächtigen schmeichelt, als käuflicher Künstler, der die Hässlichkeit der Herrschenden farbenprächtig übermalt, und so weiter. Der natürliche Mensch aber ist laut Rousseau ausgestorben – mit einer einzigen Ausnahme: Rousseau selbst. Er hat von der Natur und damit von der göttlichen Vorsehung den Auftrag erhalten, den Menschen die Abweichung und Verirrung von ihrer Natur vor Augen zu führen. Deshalb wird er geächtet und brutal verfolgt – wie Christus, der laut Rousseau eine ähnliche Mission übernommen hatte.

Die innere Stimme führt zum Guten

Auch die Analogie zwischen den beiden Naturen, der des Menschen und der seiner Lebenswelt, bleibt bei Rousseau bestehen. Der Mensch hätte theoretisch ewig in seinem glücklichen Naturzustand, in dem er weder räsonierte noch moralisch urteilte, da er sich selbst genügte, verweilen können, ist aber aus dieser seligen Zeitlosigkeit aus- und in die Dynamik der Geschichte eingetreten. Zugleich hat er auch die von Gott herrlich und harmonisch geschaffene Natur insgesamt zu verschandeln begonnen, und zwar nach seinem eigenen, unnatürlich entstellten Bild: durch den Bau von Fabriken, die Abholzung von Wäldern und die Regulierung von Flüssen. Alle diese Aktivitäten entspringen der unersättlichen Habgier des Menschen, der seine natürlichen Bedürfnisse nicht mehr kennt und mit einem falschen Bewusstsein falsche Interessen verfolgt.

Die dem Menschen geschenkte innere Stimme führt diesen, wenn sie nicht unnatürlich unterdrückt wird, nicht nur zum moralisch Guten und zum richtigen Umgang mit der Natur, sondern auch zu Gott, seinem Schöpfer. Jeder Mensch weiss laut Rousseau durch sie, dass es Gott gibt. Und als ob das nicht ohnehin schon ausreichte, hat Gott die Natur so geschaffen, dass sie zu seinem Spiegel wird. Sie ist das Bild einer wohlgeordneten Schöpfung, die keinerlei Spuren des von den christlichen Kirchen bilanzierten ursprünglichen, nicht mehr rückgängig zu machenden Sündenfalls aufweist, sondern allein von den Sündenfällen der Zivilisation in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Ganz oben im Sündenregister der Menschheit stehen dabei arbeitsteilige Gesellschaften, Grossstädte mit unmenschlichen, da unnatürlichen Lebensbedingungen und tyrannische Herrschaften.

Diese Fehlentwicklungen können vom Menschen, der sie verschuldet hat, im Wesentlichen korrigiert werden, obwohl eine Rückkehr zum Naturzustand des Menschen für immer verloren und eine «Rückkehr zur Natur» dadurch kategorisch ausgeschlossen ist. Mögliche Auswege aus dem Dilemma der Zivilisation sind der Ausstieg aus dem Sündenpfuhl der Metropolen und die nachfolgende Konstruktion naturnäherer Lebenswelten, die Erziehung der nächsten Generationen zu einer Wiederversöhnung mit ihren natürlichen Anlagen und der Aufbau einer gerechten Gesellschafts- und Staatsordnung, die auf Gleichheit der Vertragschliessenden beruht. Sie führt eine künstliche Freiheit als valablen Ersatz für die verlorene natürliche Freiheit des Menschen im Naturzustand herbei.

Empfindsam bis zur Tränenseligkeit

Rousseaus Schriften haben die Bewusstseinslage Europas tiefgreifend verändert. Indem sie dem historischen Triumphalismus der Aufklärung das nachtschwarze Bild umfassender Entfremdung des Menschen von seiner Natur und der Natur insgesamt entgegenstellten, sind sie zur Ideenmatrix aller alternativen Bewegungen und zur Bibel aller Aussteiger bis heute geworden. Zugleich hat der semisäkularisierte Calvinist Rousseau ein schlechtes Gewissen des Menschen gegenüber der Natur geschaffen. Dieses zeigt sich im 21. Jahrhundert in zahlreichen Bussleistungen und Ablasszahlungen wie dem Verzicht auf Flugreisen und anderen Versuchen, den persönlichen ökologischen Fussabdruck zu reduzieren. Das mag man ihm, je nach ideologischer Ausrichtung, als Verdienst oder Verirrung anrechnen. Bei nüchterner Betrachtung dürfte dieses tief internalisierte Schuldgefühl einer pragmatischen Auseinandersetzung der Gegenwart mit den unleugbar drängenden Umwelt- und Klimaproblemen und der Findung entsprechender Lösungen eher entgegenstehen.

Eine weitere Fernwirkung Rousseaus besteht darin, die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur zutiefst emotional und empfindsam bis zur Tränenseligkeit eingefärbt zu haben. Wer sich im krisenhaften Jahr 2026 aus allen Widrigkeiten der Gegenwart heraus- und hinwegträumen möchte, ist zur Stärkung seiner Resilienz gut beraten, das «Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars» in Rousseaus Erziehungsroman «Émile» zu lesen – eine so berückend schöne, verführerisch idyllische Hymne auf die Seligkeit des Menschen in dieser Welt, in der alles Fressen und Gefressenwerden weggelassen wird, ist weder vorher noch danach geschrieben worden.

«Hat der semisäkularisierte Calvinist Rousseau ein schlechtes Gewissen des Menschen gegenüber der Natur geschaffen.»

Die hochpathetische Sprache Rousseaus mit ihren unauslöschlich einprägsamen Fanalsätzen wie «Der Mensch ist frei geboren, aber überall ist er in Ketten» kann man mögen oder nicht – die mit seinen aufrüttelnden Texten verbundenen Fragen nach der Natur des Menschen und seinem Umgang mit ihr sind heute aktueller denn je. Allen, die nach selbstverantwortlichem Handeln streben und speziell denen, die politische Verantwortung tragen, ist daher die kritische Beschäftigung mit Rousseau dringend anzuraten.

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