O Thurgau!
Claudia Franziska Brühwiler, zvg.

O Thurgau!

Wie alle Ostschweizer Kantone geniesst auch der Thurgau bei Städtern einen zweifelhaften Ruf. Dabei vermag es gerade die Provinz, den Blick in die Ferne zu richten.

 

Die Kartause Ittingen, nahe dem Hauptort Frauenfeld, gilt vielen als schönste Sehenswürdigkeit des Thurgaus. Keine typische, in sich geschlossene Klosteranlage, sondern fast ein kleines Dorf, laden die dazugehörigen Gebäude wie die barocke Klosterkirche und die alte Mühle zur Einkehr. Das stimmungsvolle Ambiente machen sich Organisatoren von Seminaren und Veranstaltungen aller Art zunutze, um ihre Teilnehmenden zu Introspektion einzuladen. Vielleicht würden sich manche Besucher wünschen, dass sich die Kantonsbevölkerung eine Grundregel des Kartäuserlebens zu eigen machen würde: das Schweigegebot. Denn in derselben Regelmässigkeit, mit der wir in den Medien über des Schweizers liebste Fe­rienziele lesen, müssen wir jeweils erfahren, welch Zumutung unser Dialekt sei. «Darf eine so schöne Frau so hässlich sprechen?», fragte der «Blick», als mit Anita Buri 1999 eine Thurgauerin zur Miss Schweiz gekrönt wurde. «Wenn sie den Mund aufmachen, hören andere weg», verkündete einst auch eine «10 vor 10»-Moderatorin, derweil uns SRF ironiefrei weismachen wollte, für eine «idée suisse» zu stehen. Auch dass mit Reto Scherrer, Mona Vetsch, Karim Hussein und Lara Stoll Thurgauer Stimmen in allen Deutschschweizer Gehörgängen sind, scheint den Dialekt nicht wohlklingender zu machen.

Ländliches Idyll: ein Himmelbett unter dem Apfelbaum zum Übernachten in Hüttwilen, Thurgau. Bild: Inspiring Explorers.

Mit Martin Hannes Graf, selbst Redaktor beim schweizerdeutschen Wörterbuch «Idiotikon», erkundete ein Sprachwissenschafter die Eigenheiten und den Status der «Thurgauer Mundart in Geschichte und Gegenwart».1 Sein Verdikt bestätigt, was wir Sprecher längst wussten: Es gibt keine «objektiven» Gründe, den Thurgauer Dialekt hässlich zu finden. Zwar müssen wir uns wie die anderen Ostschweizer Spitzmäuler unsere hellen Vokale «vorwerfen» lassen. Auch bleibe uns Thurgauern das «r» im Halse stecken, doch das unvoreingenommene (sprich: nichtschweizerische) Ohr stört das genauso wenig oder genauso sehr wie all die Grossartigkeiten der hierzulande beliebteren Idiome. Für Linguisten ist der Thurgauer Dialekt sogar eine Rarität, denn die Sprecher praktizieren eine weltweit seltene Art, zwischen den Konsonanten p und b, d und t sowie k und g zu unterscheiden. Wie die Thurgauer Sprachwissenschafterin Astrid Krähenmann vor einigen Jahren herausfand, arbeiten wir nicht mit Stimmhaftigkeit und Aspiration, sondern mit der Länge der Aussprache. So wird das p lang, das b kurz ausgesprochen, indem wir vor dem fraglichen Laut eine unterschiedlich lange Pause machen. Eine linguistische Besonderheit, die dem exotischen Spitznamen des Kantons gerecht wird: «Mostindien», in den Konturen an eine Birne und an den entsprechenden Subkontinent erinnernd und natürlich der grösste Obstbaukanton – nomen est omen, in vielerlei Hinsicht.

Die Provinz als geistiger Zustand

Nein, am Dialekt an sich liege es nicht, dass das Thurgauische derart unbeliebt sei, klärt uns die Sprachwissenschaft auf. Doch es kommt schlimmer: Es liegt an unserem Ruf. Während einiger Jahre durften wir uns neben den Dialektrankings auch Umfrageauswertungen zum Image der Kantone antun. «Rückständig» seien wir im Osten, rückständig und «kleingeistig». Dieselben Eigenschaften werden zwar auch den Wallisern und Bernern angelastet, doch diese scheinen im Endergebnis von Erinnerungen an Bergferien oder vom Hauptstadtzauber überlagert. Der Thurgau dagegen ist halt Provinz, weg vom Schuss und aus dem Sinn. Wer sich nur auf das mediale Abbild des Thurgaus verlässt, schliesst sich schnell den Vorurteilen an. Denn wenn es nicht um unseren angeblich scheusslichen Dialekt geht, dann ist von reichen ausländischen «Impfdränglern» zu lesen, von Tierquälerei und Sodomie auf Bauernhöfen, von Jägern, die Schafe nicht von Wildschweinen unterscheiden können, und Sektenanhängern, die im ländlichen Idyll vergebens auf das Ende der Zeit warten. Die grossen…

«Inspiriert jeden Monat
zum Weiterdenken.»
Alexandra Janssen, Ökonomin,
über den «Schweizer Monat»