In dieser Ausgabe

Editorial

Editorial

Am 1. August feiert die Schweiz – und die Berliner feiern mit. Am «Tag der Schweiz» in der deutschen Hauptstadt ist dieses Jahr der Aargau zu Gast. Gemeinsam mit der Schweizer Botschaft richtet der Kanton in Berlin die Bundesfeier samt traditionellem Feuerwerk aus und präsentiert sich unter dem Motto «Aargau – Schweiz im Fluss» als […]

Dossier «Aargau – ein Kanton startet durch»

(0) Aargau – ein Kanton startet durch

Das Nummernschild AG bedeutet «Achtung Gefahr» – in Zürich geht bis heute die Mär um, die Aargauer könnten nicht Auto fahren. Dieses sich hartnäckig haltende Vorurteil kontern die Betroffenen längst mit einer subtilen Kritik an der Rückständigkeit des Nachbarkantons. Sie würden sich in der Zürcher Peripherie bloss deshalb verirren, weil die Beschriftung mangelhaft sei. In […]

Zur Schicksalsanalyse Leopold Szondis

Die Schicksalsanalyse Leopold Szondis gilt als dritte tiefenpsychologische Schule, neben der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Analytischen Psychologie Carl Gustavs Jungs. Szondi wollte die familiären Zwangsschicksale und Wiederholungszwänge bewusst machen, damit der einzelne Mensch sein Leben freier und humanisierter gestalten könne.

Philipp Albert Stapfer – Gestalter der Schweiz, Erfinder des Aargaus

Am 5. März 1798 brach, mit der Kapitulation der Republik Bern vor den französischen Invasionstruppen, das politische System der Alten Eidgenossenschaft endgültig zusammen. Der Brugger Bürger Philipp Albert Stapfer war zu diesem Zeitpunkt Professor für Th eologie an der Akademie in Bern. Nur wenige Wochen später sollte sich sein Gelehrtenalltag für fünf Jahre radikal wandeln. […]

Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Peter Ruch «Der grösste Nutzen, den die Einführung des
Sozialismus brächte, liegt ohne Zweifel
darin, dass der Sozialismus uns von der
schmutzigen Notwendigkeit, für andere zu
leben, befreite. … Die meisten Menschen
verderben ihr Leben mit einem heillosen,
übertriebenen Altruismus – sie sind geradezu
gezwungen, es zu tun.»
(Oscar Wilde: «Der Sozialismus und die Seele des Menschen»)

Vorschau
Vorschau

Die nächste Ausgabe Das Dossier der Ausgabe September 2007 gilt dem Thema «Staaten in der Schuldenfalle». Gäste in der Galerie sind die Zürcher Künstler Christian Rohner und Claude Hidber. Aus der Agenda 2007/08 «Wasser» «Jugend und Gesellschaft» «Liberalismus in der Krise?» «Kunst der Kritik» «Universität auf dem Prüfstand» «La Chaux-de-Fonds» «Endlichkeit» Zuletzt erschienen «Der Mensch […]

Aktuelle Debatten

Die Surrealisten
Die Surrealisten

Sesshaft geblieben am Wanderweg Hamburg-Rom, habe ich mich in diesem Frühsommer wiedereinmal ans südliche Ende der gelb markierten Reiseroute vorgewagt. Als Gast. Doch bevor ich endlich in die (immer wieder ersehnte) Ewige Stadt eintauchte, trat ich, um noch einmal kurz Luft zu holen, zuerst in ein Kunstmuseum und blieb vor einem Selbstporträt Giorgio de Chiricos […]

Provinzoptimismus

Sie lassen sich zwar nichts anmerken, doch leiden die Aargauer unter den Klischees, die der Rest der Schweiz über sie verbreitet. Die meisten trösten sich mit der Hoffnung, dass vielleicht eines Tages ihre wahre Grösse erkannt wird. Oder auch nicht.

Lebenseigentümer

Der amerikanische Forscher und Unternehmer Craig Venter will die Erfindung der ersten synthetisch hergestellten Lebensform patentieren lassen. Wird der Antrag gutgeheissen, wäre das alte Problem gelöst, wem das Leben gehört.

Kultur

Biblische Gesichte

Menschen, die Visionen haben, gehören in eine Anstalt für betreutes Wohnen oder in ein Kloster. Möglicherweise haben manche Schweizer Bergtäler einen ähnlichen Charakter und fördern das Entstehen dessen, was man einst Gesichte nannte. Schon Reisende früherer Jahrhunderte auf ihrem Weg nach Italien – wie etwa der Maler und Baumeister Schinkel – wunderten sich über die […]

Textfrüchte der Malerei

«Die Musen sprechen nicht miteinander, aber manchmal beginnen sie zu tanzen.» Das Degas-Zitat lässt anklingen, worauf das Buch aus ist: das Wort soll von der Malerei ergriffen werden, und zwar im doppelten Sinn. Ein Schriftsteller lässt sich vom Bild, das er betrachtet, so ergreifen, dass er am Ende selbst, mit seinen Worten, neue Bilder schaff […]

Formfehler

Selbst wenn man bei früheren Büchern von Agota Kristof gelegentlich vergass, worum es ging, so behielt man doch die Art im Kopf – die Art, nicht unbedingt den Stil, denn es war ein Lese-Empfi nden, als sei jeglicher Stil eingedampft auf schmucklose Drehbuchanweisungen. Müsste dieser berühmte Lakonismus nicht ideal sein für die Kurzgeschichtenform, wo Ökonomie […]

Erfolg durch Schokolade, Waff en, Hustensaft…

Jeder Erfolgsgeschichte wohnt ein Moment des Scheiterns inne. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest bei der Lektüre von Alex Capus’ ebenso lehrreichem wie unterhaltsamen Buch «Patriarchen». Es versammelt zehn Portraits legendärer Firmengründer, vor allem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, vom Schokoladefabrikanten Rudolf Lindt über den Brühwürfel-Erfi nder Julius Maggi bis zum Waffenproduzenten Emil Bührle. Denn […]

Als das Grünen noch geholfen hat

Die Sprache ist ein Garten. Die Worte sind seine Blumen. Sie spriessen bei Linard Bardill in grosser Üppigkeit. Er bezieht energisch Position in jeder gesellschaftlichen Debatte der letzten zwanzig Jahre, in Standarddeutsch, Mundart und Rätoromanisch. Der Titel «Aufs Leben los» ist Sinnbild dieser Sammlung und zeugt von einer überbordenden Vielseitigkeit, Sprachvielfalt und Schaff ensenergie. Kurzweilig […]

«Tropfen wie Honig im Ich»

Franz Felix Züsli, promovierter Rechtshistoriker und einstiger Sekretär der Universität Zürich, veröff entlichte mit «Hoff en in der Dämmerung» (1982) und «Dennoch» (1990) beachtenswerte Gedichtbände. Unvergesslich ist für den Rezensenten ein «Moskau»-Gedicht aus der Zeit vor der Perestrojka, in dem liebevoll formulierte poetische Ahnungen der politischen Wirklichkeit bedachtsam vorgreifen. Der Gedichtband «ember», von Rahel Wepfer […]

«die Kunst, mit den Dingen zu verschmelzen»

Wie kann Lyrik zeitgeschichtliche Diagnose sein, ohne platt zu erscheinen? Wie kann sie als Erlebnislyrik authentisch wirken, ohne epigonal zu klingen? Und wie kann sie ihre Vorbilder dennoch würdigen? Dieses Kunststück, nämlich Zeitgeistanalyse, Erinnerungsarbeit und (literarische) Traditionsaneignung zu verschränken, gelingt dem Bieler und Wahlberliner Armin Senser mit seinem dritten Gedichtband «Kalte Kriege» in beeindruckender Weise. […]

Zum vielschichtigen Sinn des Originals

Peter Utz ist Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Lausanne, wo es auch ein international angesehenes «Centre de traduction littéraire» gibt. Er wird in der Fachwelt als hochgelehrter Philologe geschätzt und ist einem breiteren Leserpublikum vor allem als bekennender Liebhaber und origineller Deuter des Werks Robert Walsers bekannt. Sein jüngstes Buch beschäftigt sich […]

Hermann Burger (1942–1989)

Der 1942 in Burg geborene Schriftsteller Hermann Burger war vom Schreiben geradezu besessen. Er arbeitete, wie er sich einmal ausdrückte, an der «Verschriftlichung» seiner Existenz. Zu seinen Lebzeiten ist ein beachtliches Werk erschienen: die beiden Romane «Schilten» (1976) und «Die Künstliche Mutter» (1983) sowie fünf Erzählungen, zwei Lyrik- und zwei Essaybände. Im Literaturarchiv in Bern lagern zudem zahlreiche Schachteln voller Skizzen, Vorarbeiten, Tagebücher und Briefe – gleichsam ein zweites Werk, das noch der Aufarbeitung bedarf. Der Text, den wir hier mit freundlicher Erlaubnis von Burgers Witwe, Frau Annemarie Carrel, abdrucken, ist ein bisher unveröffentlichtes Manuskript aus Burgers Nachlass (BURGER, A-01-18a, Erzählerische Prosa, Ablage I, Schachtel Nr. 36).

Die Karriere des Aargauer Schriftstellers war seit seiner Studentenzeit in Zürich eng mit den «Schweizer Monatsheften» verknüpft. Er veröffentlichte darin von 1967 bis zu seinem Freitod im Jahre 1989 Gedichte, Essays und Rezensionen. In den 1960er Jahren kreuzte sich der Weg Burgers mit demjenigen Anton Krättlis, der den Kulturteil der Schweizer Monatshefte betreute. Der 1922 geborene Krättli, wie Burger in Aarau domiziliert, erinnert sich noch gut an die Begegnungen mit dem angehenden Schriftsteller, der den Kritiker vor der Publikation seiner Werke um Rat ersuchte. Es konnte schon einmal vorkommen, dass der von einer Formulierung umgetriebene Burger spät abends an die Tür von Krättlis Wohnung in der Hinteren Vorstadt in Aarau klopfte und ihn mit Literaturdiskussionen um seinen Schlaf brachte. Persönliche Begegnungen flossen in die Bücher ein, die für den Schriftsteller die Möglichkeit waren, mit seinen Mitstreitern und Weggefährten auf mehr oder minder milde Weise abzurechnen (Anton Krättli kommt in «Brenner» in der Figur des Adam Nautilus Rauch verhältnismässig gut weg). Mit der Zunahme von Burgers Depressionen haben sich auch die Gespräche mehr und mehr um Burgers Leiden am Leben gedreht. Die kundgetane Selbstmordabsicht – «Ich werde früher sterben als Du» – habe er, Krättli, ihm freilich nicht abgenommen. Zu Unrecht, wie sich später herausstellen sollte.

«Maienzug» ist eine der zahlreichen Variationen Burgers über seine Geburt. Der Text dürfte im Juni des Jahres 1974 entstanden sein. Darauf deutet die Rückseite der dritten von insgesamt vier, mit Schreibmaschine getippten Manuskriptseiten. Ein angefangener, aber nicht zu Ende gebrachter Brief an den in Zürich lehrenden Germanistikprofessor Emil Staiger trägt das Datum des 5. Juni 1974. Burger verbrachte die vorsommerliche Zeit offenbar im Tessin und erinnerte sich an die Maienzüge seiner Kinder- und Jugendtage. Die Zeitungen versorgten ihn mit Berichten zum Fest, die in ihm das Gefühl entstehen liessen, während der Arbeit an seinem Roman «Schilten» im Tessin den schönsten Maienzug zu verpassen. Indem er das Gefühl, seiner Lebensmaxime entsprechend, sofort in einem Text verarbeitete, trieb er die «Verschriftlichung» seiner Existenz konsequent voran.

René Scheu

Schweizer Literatur in Kurzkritik II

In der letzten Ausgabe der «Schweizer Monatshefte» begeisterten sich – und, es soll nicht verschwiegen werden: ärgerten sich auch vereinzelt – 28 Rezensenten über deutschsprachige Neuerscheinungen von Schweizer Autoren. Auch Folge II der Serie «Schweizer Literatur in Kurzkritik» zeigt: auf dem Schweizer Büchermarkt gibt es manches zu entdecken. Langweilig ist nur weniges zu nennen. Neugiererweckend hingegen vieles.
Fortsetzung folgt.

Es schreiben:

Christoph Simon über Nicolas Bouvier: «Lob der Reiselust». Basel: Lenos, 2007.

Andreas Heckmann über Walter Rufer: «Der Himmel ist blau. Ich auch». München: Blumenbar, 2007.

Beat Mazenauer über Maurice Blanchot: «Jener, der mich nicht begleitete». Übers. von Jürg Laederach. Basel: Urs Engeler, 2006.

Stefana Sabin über Yvonne Domhardt, Esther Orlow & Eva Pruschy (Hrsg.): «Kol Ischa. Jüdische Frauen lesen die Tora». Zürich: Chronos, 2007.

Hans-Rüdiger Schwab über Klara Obermüller: «Weder Tag noch Stunde. Nachdenken über Sterben und Tod». Frauenfeld: Huber, 2007.

Thomas Sprecher über Dominik Bernet: «Marmorera». Muri: Cosmos, 2006.

Regula Wyss über Linda Stibler: «Das Geburtsverhör». Bern: eFeF-Verlag, 2007.

Michael Mühlenhort über Peter von Matt: «Das Wilde und die Ordnung». München: Hanser, 2007.

Gerald Funk über Maurice Chappaz: «Evangelium nach Judas». Frauenfeld: Waldgut, 2006.

Anne Tilkorn über Mariantonia Reinhard-Felice (Hrsg.): «Lautmalerei und Wortbilder». Zürich: Limmat Verlag, 2006.

Marcus Jensen über Agota Kristof: «Irgendwo». München: Piper 2007.

Joachim Feldmann über Alex Capus: «Patriarchen. Zehn Portraits». München: Albrecht Knaus, 2006.

Christine E. Kohli über Linard Bardill: «Aufs Leben los«. Zürich: Limmat Verlag, 2007.

Pirmin Meier über Franz Felix Züsli: «ember». München: Erwin Friedemann, 2006.

Lucas Marco Gisi über Armin Senser: «Kalte Kriege. Gedichte». München: Hanser, 2007.

Klaus Hübner über Peter Utz: «Anders gesagt – autrement dit – in other words». München: Hanser, 2007.

Friedbert Stohner über Charles Lewinsky: «Einmal Erde und zurück. Der Besuch des alten Kindes». Zürich: Atlantis im Orell Füssli, 2007.

Die Verlockung des Anderswo

«Es gibt Schriftsteller, die brauchen Geographien, und andere brauchen Konzentration: Reisende und Seher also. Ich gehöre zur Familie ersterer.» Wenige Jahre vor seinem Tod schildert Nicolas Bouvier in «Lob der Reiselust» Begegnungen von unterwegs und lässt uns teilhaben an seiner lebenslangen «Ungeduld, die Welt zu erfahren». Mit dem Segen seines Beamtenvaters, der nicht so viel […]

«Tiefbeglückt / frühgestückt»

Der Münchner Kreisselmeier-Verlag muss vor bald fünfzig Jahren ein seltsamer Gemischtwarenladen gewesen sein. 1961 erschien dort beispielsweise «Ihre Hoheit Lieschen Müller. Hof- und Hinterhofgespräche um Film und Fernsehen », 1963 dagegen der letzte, im Exil entstandene Roman von Ernst Weiss. Und zwischen Filmanekdötchen und literarischer Hochkultur hat 1963 auch Walter Rufer mit seinen Schwabinger Tagebüchern […]

Ringen des schreibenden Ichs

Der Schreibende kämpft immer mit einem Gegenüber, das imaginär ist und dennoch reale Kraft auszuüben vermag. Oder bildet sich der Schreibende dies nur als innere Stimme ein? Kämpft er mit sich, wenn er gegen jenen «Kollegen» anredet, von dem Maurice Blanchot (1907–2003), Schriftsteller und Th eoretiker des Paradoxen, erzählt? Sein «récit» «Jener, der mich nicht […]

Die Stimme der Frau

Im traditionell-orthodoxen Judentum waren Torastudium und Gottesdienst als Möglichkeit deutenden Handelns und religiösen Erlebens dem Mann vorbehalten. Doch im Kielwasser der Frauenemanzipation verlangten Frauen auch die Teilhabe am Studium der religiösen Quellen. Im akademischen Milieu, als Religionswissenschafterinnen oder -philosophinnen ist die Präsenz von Frauen alltäglich geworden, und in vielen jüdischen Gemeinden haben sie inzwischen Stimm- […]

An der letzten Grenze

Kann ehrlichen Herzens ein Buch gelobt werden, das etwas behandelt, vor dem man sich fürchtet? Etwas, das uns mit unserer tiefsten Ohnmacht konfrontiert? Etwas, das «unser Vorstellungsvermögen … übersteigt», «vor dem alles menschliche Denken an sein Ende kommt»? Das eine Bereitschaft verlangt, um die wir uns, in der westlichen Zivilisation jedenfalls, heute ebenso allgemein wie […]

Verdrängtes aus dem Stausee

Vor Jahrzehnten habe ich einmal ein Lager beim Marmorera- Stausee verbracht, und seither kann ich nicht über den Julier fahren, ohne an diese Woche zu denken und an die Faszination, die diese gestaute Wucht anhaltend ausübt. Am 17. Oktober 1948 verkauften die Einwohner Marmoreras der Stadt Zürich ihr Dorf. Es wurde überfl utet, ging unter, […]

Geburt als Verhör

Am Anfang steht ein starkes Bild: die Autorin Linda Stibler sieht vor ihrem inneren Auge «das schweissgebadete Gesicht einer jungen Frau in den tiefen Kissenbergen einer hölzernen Bettstatt». Diese junge Frau, Anna Weibel von Nusshof im Baselbiet, ist unverheiratet schwanger geworden und wird während der Geburt ihres Kindes im April 1827 einem «Geburtsverhör» unterzogen. Die […]

Genauerer Leser, reichere Lektüre

Peter von Matt ist ein genauer und leidenschaftlicher Leser («Ich bin ein Literaturwissenschafter, der vom einzelnen Satz oft mehr fasziniert ist als vom ganzen Werk»), und er will seine Leser zu ebensolchen machen (oder er erwartet, dass sie solche sind). «Das Wilde und die Ordnung» – der Titel der Aufsatzsammlung ist verlockend, klingt er doch […]