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Verschlucken Sie sich nicht an Gewissensbissen!

Gesundheitsenthusiasten optimieren ihre Ernährung bis ins letzte Detail. Dabei bleibt oft die Lebensfreude auf der Strecke. Stattdessen empfiehlt sich ein anderer Ansatz: natürlich, ausgewogen und gelassen.

Verschlucken Sie sich nicht an Gewissensbissen!
Ein Gaumenschmaus ist eine Freude. Bild: Pixaby

Früher war nicht alles besser. Aber in einer Hinsicht war zumindest vieles einfacher: beim Essen. Heute vergeht kaum ein Tag ohne neue Ernährungsschlagzeile. Eben noch galten Eier als Cholesterinbombe und Gesundheitsrisiko. Dann hiess es, ein Ei pro Tag sei völlig unbedenklich zu verzehren. Nun meldet eine amerikanische Studie sogar, täglicher Eierkonsum senke das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Was für eine Kehrtwende! Was gestern als problematisch galt, wird heute empfohlen. Und bis Sie diese Zeilen lesen, ist wohl auch diese Empfehlung bereits wieder überholt.

Das Ei steht stellvertretend für viele andere Lebensmittel und Konsumgewohnheiten, deren medizinische Beurteilung sich im Laufe der Zeit teilweise radikal geändert hat. Vor allem ältere Esser erinnern sich an den immer gleichen Mechanismus: Egal ob Kaffee, Butter, Rotwein, Fett, Kohlenhydrate oder Salz – kaum ein Thema, das nicht schon mehrere wissenschaftliche Leben hinter sich hat.

Zwei grundlegende Erkenntnisse drängen sich auf. Erstens: Wissen ist selten absolut. Das gilt für die Krebsforschung ebenso wie für die Ernährungswissenschaft. Wissen verändert sich, es unterliegt dem jeweils neusten Stand der Erkenntnis und ja – auch dem Zeitgeist. Erkenntnisse entwickeln sich weiter, werden ergänzt, korrigiert oder verworfen. Wissenschaft ist kein Dogma, sondern ein Prozess.

«Egal ob Kaffee, Butter, Rotwein, Fett, Kohlenhydrate oder Salz – kaum ein Thema, das nicht schon mehrere wissenschaftliche Leben hinter sich hat.»

Wissenschaftlich gesicherte Banalitäten

Zweitens: Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig wir über gesunde Ernährung wirklich wissen. Informationen gibt es zwar im Überfluss. Studien, Podcasts, Bücher und Influencer liefern täglich neue Empfehlungen. Doch wirklich gesichert ist wenig. Ausser Banalitäten wie diesen: Menschen nehmen an Gewicht zu, wenn sie über längere Zeit mehr Kalorien zu sich nehmen, als sie verbrauchen. Die totale Menge an Kalorien im Verhältnis zu unserem Verbrauch hat einen Einfluss auf unsere Gesundheit. Klingt logisch. Doch bereits bei der Frage, wie sich diese Kalorien zusammensetzen sollten, scheiden sich die Geister. Ebenso gilt als belegt, dass zum Beispiel starkes Übergewicht oder Rauchen gesundheitliche Risiken erhöht. So weit, so banal.

Darüber hinaus wird es schnell kompliziert. So kann leichtes Übergewicht angeblich die Lebenserwartung erhöhen und die Menschen in einer Mangelsituation (etwa durch Krankheit oder Versorgungsengpässe) resilienter machen. Der eingebaute Notvorrat um die Hüfte scheint zumindest nicht nur Nachteile zu haben. Doch wo die Kosten-Nutzen-Balance genau kippt, ist unklar.

 

Zwei Extreme

Bevor man über Ernährung spricht, müsste man eigentlich eine andere Frage beantworten: Was ist überhaupt das Ziel des Essens? Überleben, klar. Und sonst? Ein möglichst langes Leben? Ein möglichst gesundes Leben? Ein möglichst genussvolles Leben? Oder eine Kombination von allem? Die Antwort fällt individuell aus. Genau deshalb ist die Diskussion um die «richtige Ernährung» auch so emotional aufgeladen.

Ernährung ist für viele Menschen zu einer Art Ersatzreligion geworden. Und damit ist auch klar: It’s complicated! So gibt es einerseits immer mehr, vor allem junge, regelrechte Gesundheitsfanatiker. Sie tracken und optimieren, was das Zeug hält. Schritte, Schlaf, Puls, Blutzucker, Kalorienzufuhr – jeder Aspekt ihres Lebens wird erfasst und ausgewertet.

Wer durch soziale Medien scrollt, gewinnt bisweilen den Eindruck, der Sinn des Lebens bestehe vor allem darin, seine Lebensdauer statistisch zu maximieren. Man kann nur hoffen, dass Big Data und das Hinterherrennen von Trends auf Instagram und TikTok auch glücklich machen. Doch wer permanent unter Strom steht und in gigantischem Ausmass isländische Proteine, peruanische Physalis, Flugavocados oder Supplements einwirft, ist nicht wirklich tiefenentspannt.

Dass viele Jüngere gesundheitsbewusster unterwegs sind als frühere Generationen, ist einerseits erfreulich. Doch es gibt auch eine andere Jugend. So sorgt sich etwa ein befreundeter Lehrer ernsthaft um die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten seiner Schülerinnen und Schüler. Döner, Pizza, Burger, Chips und Süssgetränke prägen ihren kulinarischen Alltag. Gemüse ist hier mehr exotische Beilage als Lebensmittel.

Die grosse Mehrheit bewegt sich irgendwo zwischen Gesundheitsfanatikern und Fast-Food-Dauerkonsumenten. Doch auch hier hat sich vieles verändert. Allergien, Unverträglichkeiten, spezielle Ernährungsformen und militant kultivierte Abneigungen gehören für viele mittlerweile zur persönlichen Identität. Kaum ein Restaurant, das bei einer Reservation nicht routinemässig nach entsprechenden Besonderheiten fragt.


Der Staat ist süchtig

Parallel dazu wächst der politische Druck zur staatlichen Bevormundung auch beim Essen. So wird etwa in Deutschland gerade wieder über eine Zuckersteuer diskutiert – begründet durch die steigenden Kosten von Übergewicht und Diabetes. Zugleich plant der Staat höhere Abgaben auf Alkohol und Tabak. Die Debatte zeigt einen grundsätzlichen Konflikt: Wem gehört unser Körper?

Aus liberaler Sicht ist die Antwort klar: Zunächst einmal uns selbst. Erwachsene Menschen sollten grundsätzlich frei entscheiden dürfen, was sie essen, trinken und geniessen wollen. Die eigene Gesundheit ist in erster Linie Privatsache. Allerdings ist es auch nicht gerade liberal, die Kostenfolgen individueller Lebensstile und kulinarischer Vorlieben auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung besteht ein Spannungsverhältnis, das sich nicht einfach auflösen lässt.

Nicht ganz unwichtig: Auch der Staat ist süchtig. Allerdings nicht primär danach, Ihr Wohlergehen zu optimieren, sondern nach immer neuen Steuern und Abgaben zum Stopfen von Haushaltslöchern. Der Staat braucht Geld, die Volksgesundheit liefert den Vorwand.

«Das Schöne am langfristigen Durchschnitt ist, dass er auch Exzesse erlaubt!»

Täglicher Genuss

Wer Essen ausschliesslich als funktionalen Treibstoff für einen möglichst effizienten Körper betrachtet, verpasst einen wesentlichen Teil dessen, was menschliches Leben ausmacht: Denn Essen ist Kultur. Essen ist Erinnerung. Essen ist Gemeinschaft. Essen ist Lebensfreude. Mein Ansatz ist deshalb: Jeden Tag kleine Genusselemente einbauen. Einen hervorragenden Espresso. Ein Stück gute Schokolade. Ein Abendessen mit Freunden. Ein Glas Wein. Was immer Sie mögen.

Tun Sie dies nicht, weil irgendeine Studie oder Schlagzeile Ihnen gesundheitliche Vorzüge verspricht. Tun Sie es, weil Sie Lust darauf haben. Und tun Sie es im langfristigen Durchschnitt mit Mass. Das Schöne am langfristigen Durchschnitt ist, dass er auch Exzesse erlaubt! Lassen Sie sich also nicht verrückt machen. Setzen Sie auf Ausgewogenheit statt Dogmen. Auf Vielfalt statt Einseitigkeit. Auf Vernunft statt Hysterie.

Irgendwann kommt für jeden der letzte Tag. Wäre es da nicht schade, wenn Sie an Ihrem zweitletzten Tag aus Angst vor dem Tod auf Ihr geliebtes Glas Wein verzichtet hätten? Ich sehe, wir verstehen uns.

In diesem Sinne: A votre santé!

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