Raum schaffen für neue Denkweisen
Yannick Blättler, zvg.

Raum schaffen für neue Denkweisen

Die junge Generation kann Verantwortung übernehmen. Sie muss sie aber auch anvertraut bekommen.

 

Ich bin ein Jungunternehmer auf Mission: Die Generation Z, alle mit Geburtsjahr zwischen 1995 und 2010, soll in sämtlichen Lebensbereichen mehr Verantwortung übernehmen dürfen. Wenn Sie jetzt erwarten, dass diese zwei Heftseiten beansprucht werden, um zu argumentieren, dass die Jugend die wichtigste Personengruppe unserer Gesellschaft ist, dann muss ich Sie enttäuschen. Mein Unternehmen sieht sich nicht als Anwalt, sondern eher als Übersetzer dieser digitalen und multioptionalen Kohorte. In erfolgreichen Organisationen und dynamischen Gesellschaften beruht Lernen nämlich auf Gegenseitigkeit: Alt kann sich eben auch von Jung etwas abschauen.

Digitalaffin und meinungsstark

Beginnen wir bei den Fakten: Gemäss Bundesamt für Statistik umfasst die Generation Z in der Schweiz rund 1,2 Millionen Personen. Sie alle sind mit Social Media und mobilem Internet als Selbstverständlichkeit aufgewachsen; der Leitspruch «Everything is a subscription» – zu Deutsch: «Für alles gibt’s ein Abomodell» – prägt ihr Wirtschaftsverständnis. Das Gefühl von Knappheit fehlt ihnen: Alles soll sofort verfügbar und flexibel sein. Es ist eine aktivistische und laute Altersgruppe, die Handlungen einfordert, um Gleichberechtigung zu erzeugen und Themen wie dem Klimawandel entgegenzutreten. Valentina Vapaux hat ihrem Buch zu ihrer Altersgruppe einen treffenden Titel verpasst: «Gen Z: Zwischen Selbstverwirklichung, Insta-Einsamkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt».

Die Generation Z ist zukunftsorientiert und sensibel; sie identifiziert und fokussiert Themen, die sie bis ans Lebensende begleiten werden, und setzt sich vehement für die eigenen Ideale ein. «Viel Lärm, wenig Action», hört man im Gegenzug von den anderen Generationen. Die Jungen würden sich zwar gelungen inszenieren, seien aber verantwortungsscheu. Ich sehe das anders: Sie kriegen die Verantwortung oftmals gar nicht erst anvertraut. Gerade in der Wirtschaft ist das Verantwortungsdefizit frappant: Die Generation Z wird immer mehr zur Generation Praktikum, die sich dutzendfach beweisen muss, bevor ihr betagte Semester mehr Verantwortung einräumen. Oder kennen Sie einen Verwaltungsrat, der auch nur schon einem einzigen 23-Jährigen einen Sitz anbietet? Solche Mandate scheinen Personen in ihrer zweiten Lebenshälfte vorbehalten zu sein. Dementsprechend konservativ gestalten sich die meisten Unternehmensstrategien.

«Die ­Generation Z wird immer mehr zur Generation Praktikum,

die sich ­dutzendfach beweisen muss,

bevor ihr betagte Semester mehr Verantwortung einräumen.»

Echte Veränderung jedoch, wie sie vom immer rascheren Technologiewandel gefordert wird, benötigt Aufbruch und Umbruch, neue Denkweisen und Mut. Ältere Generationen werfen der Generation Z vor, sie würde nur oberflächlich mitreden wollen und habe kein «Skin in the Game». Dabei ist es doch die Generation Z, die ihre ganze Zukunft noch vor sich hat und sie auch aktiv mitgestalten will – die Jungen kreieren die Welt, in welcher sie leben wollen. Dies allein sollte Anreiz genug dafür sein, das angebliche «Risiko» einzugehen und die Generation Z mitwirken zu lassen.

Kontrolle und Vertrauen

Wenn jemand Verantwortung geschenkt bekommt, heisst das auch, dass eine andere Person diese abgibt. Ich selbst bin seit sechs Jahren als Unternehmer tätig. Neoviso ist in dieser Zeit rasant gewachsen: Heute sind 24 Leute Teil des Teams, wovon alle Mitglieder der Generationen Y und Z sind. Beim Anspruch auf ein monatliches Entgelt stehe ich als Geschäftsführer in der Verantwortung. Es gibt aber Themen und Bereiche, wo ich die Verantwortung und Entscheidungsmacht an meine Mitarbeitenden abtrete: Ich gebe ihnen bewusst Raum zur Entfaltung und verzichte auf eine Führung mit eiserner Hand. Das tue ich erstens, weil ich so ihre Motivation fördere: Wer sich bei der Arbeit nicht ständig beobachtet fühlt und seine eigenen Ideen verwirklichen darf, wird schliesslich eine bessere Leistung an den Tag legen. Zweitens, weil sie Problemstellungen aus anderen Blickwinkeln angehen und so wohl bessere Lösungen finden als ich – ich stehe ihnen lediglich mit meiner Beratung zur Seite und gebe weiterhin die Laufrichtung vor. Und drittens entstehen grossartige Führungskräfte, die ihre Ansichten mit Mut und Durchhaltewille einbringen, nur durch früh entgegengebrachtes Vertrauen.

Die heutige Jugend durchläuft ein Schulsystem, in dem Lehrpersonen mehr Coach und Vorbild sein sollen statt furchterregende Autoritätspersonen. Doch auch in der Wirtschaft braucht es einen Ruck: Führungskräfte müssen vermehrt als Vertrauenspersonen agieren und den Eigenverantwortungsgrad der Jungen erhöhen. Dies bedingt eine Umkehr von gängigen Leadership-Grundsätzen: Kontrolle ist gut, Vertrauen besser. Nicht umgekehrt.

Ich wünsche mir für die Zukunft der Schweiz, dass die erfolgreiche Generation X Verantwortung an die Generation Z übergibt und ihr Vertrauen schenkt. Dabei appelliere ich auch an ein Überdenken der Führungs- und Feedbackkultur: Ergebnisse mit gleichem Ausgang, die mit anderen Entscheidungen und Prozessen herbeigeführt werden, sollten weniger kritisch beäugelt werden. Lasst die Jungen machen. Der Fokus der Kritik sollte auf Entscheidungen gelegt werden, die zu einem falschen Ergebnis führen. Leider diskutiert die Schweizer Gesellschaft und Wirtschaft noch zu oft über neue Prozesse und Ansätze anstatt über deren Ergebnis.

Erfolg macht träge

Dieser Text ist kein Aufruf zur Machtübergabe an die Jungen: Es wäre falsch zu denken, dass wir nun in jedem Verwaltungsrat, in jeder Geschäftsleitung oder jedem politischen Vorstand zwingend eine 23jährige Person brauchen. Es ist jedoch an der Zeit, dass wir heute schon mehr Vertrauen und Verantwortung an die Jungen abgeben, damit diese in den nächsten Jahren die nötige Erfahrung sammeln können, um Führungsgremien zu ergänzen. Ich wünsche mir viel mehr Diversität in den Führungsgremien unserer Gesellschaft hinsichtlich kultureller und sozialer Herkunft oder Geschlecht. Aber eben auch bezüglich Alter: Eine dynamische Gesellschaftsentwicklung benötigt den Einsatz und die Ideen aller Generationen.

Die Generation Z ist im wesentlichen die Generation «zukunftsorientiert». Der Status quo wird in den Köpfen der Gen Z unvoreingenommen neu gedacht. In einer Gesellschaft, die über die letzten Jahrzehnte einen beträchtlichen Wohlstand und politische Sicherheit aufgebaut hat, darf man trotz aller Erfolgsverwöhntheit nicht stehenbleiben. Der technologische Umbruch ist da und macht sich zunehmend mit dem Aufkommen von künstlicher Intelligenz, virtueller Realität und dem Metaverse oder neuen Social-Media-Plattformen spürbar. Ich freue mich auf begeisterte und innovative junge Köpfe, die das Vertrauen erhalten, ihre Ideen in Realität umzusetzen. Denn selbst die besten Ideen bleiben ohne Umsetzung wertlos. Packen wir die Zukunft gemeinsam an – von Alt bis Jung.

«Inspiriert jeden Monat
zum Weiterdenken.»
Alexandra Janssen, Ökonomin,
über den «Schweizer Monat»