In Weiss über die Berge

Eine Redaktion macht sich auf die Reise.

In Weiss über die Berge
Kurzer Halt am Worotanpasse auf 2344 m ü. M., fotografiert von Lukas Rühli.

Eine Autovermietung in Jerewan. Wer nach Arzach will, muss über Armenien reisen, alle anderen Grenzen sind geschlossen. In Kilometern haben wir den Grossteil unserer Anreise schon hinter uns, doch die «Expedition» startet so richtig erst hier. Draussen stehen unsere Fahrzeuge bereit: drei weisse Lada Niva. Das Fahrzeug der Wahl kann nur dieses sein: damit wir über die Berge und in die entlegenen Ortschaften kommen. Weil es für Bescheidenheit steht, wo ein starkes Westfabrikat Distanz markieren würde; mit dem im Kaukasus weitverbreiteten Niva sind wir fast Einheimische. Und weil das Ding auch ein bisschen cool ist: kein Schnickschnack, kaum verändert seit 40 Jahren, ganze 82 PS und kommt doch überall durch.

Da und dort geben die Häuserschluchten den Blick auf den schneebedeckten Ararat frei. Ararat, so heissen hier Reisebüros, Brandyfabriken, Restaurants, selbst eine Provinz. Aber der Hausberg Jerewans liegt nicht in Armenien, er liegt in der Türkei. Und wir wollen in ein Gebiet, das die Armenier als «Heartland» bezeichnen, das völkerrechtlich aber zu Aserbaidschan gehört und de facto einen eigenen Staat bildet. Es ist kompliziert in dieser Gegend.

Entlang des armenisch-türkischen Grenzflusses Aras geht es zuerst flach nach Süden. In einem Strassendorf besorgen wir einen Fisch für Familie Sarjan, die uns am Abend in Arzach empfangen und bewirten wird. Es ist ein ziemlicher Brummer, fast sieben Kilo nach dem Ausnehmen, über die Art vermögen wir uns mit den Händlern nicht zu verständigen. Er wird frisch aus dem Zuchtbecken geholt, einer der Arbeiter fällt dabei noch ins Wasser, macht sich dann aber unbeeindruckt mit Messer und Händen am Fisch zu schaffen. Wie die Bauern leiten sich die Fischzüchter das Wasser von den Bergen herab in die eher trockene, heisse Gegend.

Kurz darauf biegen wir scharf links ab, nun geht es stark bergan. Oft bleibt das Gaspedal ganz durchgedrückt, der Lada erzeugt im hochtourigen Bereich ein Sirren, das eher an ein Elektroauto erinnert. Geradeaus, weiter den Aras entlang, wäre die Reise weniger beschwerlich gewesen, doch da liegt Nachitschewan, eine Exklave des «Feindes» Aserbaidschan. Deshalb müssen wir nun quer durch den Kleinen Kaukasus. Über einen ersten Sattel, durch karge Bergwüsten und das liebliche Tal des rasch fliessenden und fischreichen Arpa ist die Strasse – gemessen an den Vorwarnungen, die wir erhalten haben – überraschend gut. Am Worotanpass, mit 2344 Metern über Meer das Haupthindernis des Tages, sieht das etwas anders aus. Zahlreiche Wellen, Schlaglöcher und Erosionsschäden erfordern hohe Konzentration; dass dieser «Highway» bis vor kurzem die einzige Verbindung zwischen Armenien und Arzach war und auch heute von zahlreichen Transportlastern befahren wird – meist alte Sowjetfabrikate, die sich knapp über Schritttempo die steile Strasse hinaufquälen –, hat seine Spuren hinterlassen. Ein «Problem» stellt die Überfahrt bei Trockenheit und guter Sicht aber nicht dar.

Den Kulminationspunkt markieren zwei rund zehn Meter hohe Steinsäulen beidseits der Strasse – eine seltsame Mischung aus sowjetischem Gigantismus und Maya-Architektur. Wir kaufen für deutlich überteuerte 4000 Dram (rund 8 Schweizer Franken) kandierte Aprikosen – sehr süss, aber etwas Zucker können wir brauchen. Auf der anderen Passseite geht es zunächst erstaunlich wenig nach unten, auf einer erdig-steinigen Hochebene folgen ein Stausee und mehrere Bergbauerndörfer, dann wieder lange nichts. Plötzlich scheint sich der Verkehr zu stauen, Polizisten sind zu sehen. Eine Kontrolle? Nein, nur Gaffer, die ihre Autos abgestellt haben und sich nun über den Abhang zur Rechten beugen. Dreissig Meter tiefer liegen die Überreste dreier PKWs. Das Herz klopft kurz etwas heftiger. Rasch weiter.

Die Grenze naht. In der Kleinstadt Goris ist Arzachs Hauptstadt Stepanakert erstmals ausgeschildert; auf der Verbindungsstrasse fahren wir wieder auf besserer Unterlage – «built with the help of all Armenians» steht auf Schildern: der zahlungskräftigen und in bezug auf Arzach auch meist zahlungswilligen armenischen Diaspora sei Dank.

Am beschaulichen Grenzposten im Tal eines kleinen Baches weiss man bereits von unserer Ankunft, wir erhalten nach Ausfüllen eines Formulars unkompliziert unsere Medienakkreditierung. Ein Visum erhält, mit einem saloppen «+4» ergänzt, nur Kollege Rühli. Nun sind wir in der Republik Arzach. Rund 45 Kilometer auf und ab durch den sogenannten Lakschin-Korridor bleiben noch zurückzulegen. Es ist ein Gebiet, das historisch nicht zu Arzach gehört, aber erobert wurde, um überhaupt eine Landverbindung von und nach Armenien zu ermöglichen.

In der schon sehr tief stehenden Abendsonne kommen wir nach rund neunstündiger Fahrt in Schuschi an – ein Hoch auf den Lada Niva! Letzte Aufgabe vor dem Abendessen: das gut versteckte Haus von Saro und Hasmik Sarjan zu finden. Saro ist ein Freund unseres Begleiters Philipp Egger, der die Gegend seit rund zehn Jahren regelmässig besucht, und zudem eine Art inoffizieller Tourismusbotschafter Arzachs. Und so ist der erste Abend denn auch eine perfekte Einstimmung auf die schier überbordende Gastfreundschaft der «Karabachzis»: eine mit Grillfleisch, Salaten und Kräutern reich gedeckte Tafel, hochprozentiger Maulbeerschnaps samt bedeutungsschwanger vorgetragenen Trinksprüchen und ein herzlicher Gastgeber, der ohne Unterlass von Geschichte, Religion, Krieg und Frieden in diesem Landstrich zu berichten weiss (und dies auch tut) – all dies werden wir in den folgenden Tagen öfters erleben. Noch acht Kilometer sind es zum Hotel, aber wir sind angekommen.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»