Ich entschuldige mich

Es hält mich nicht mehr, es muss heraus: Ich entschuldige mich! Nie wieder will ich schnöde verschweigen, was meine Generation der Schweiz angetan hat: unser Zusammenleben gefährdet, unsere Identität geschwächt, den Zusammenhalt des Landes aufs Spiel gesetzt. Denn wir haben – ich bekenne es – in der Primarschule keinen Französischunterricht genossen. Dass es den damals […]

Ich entschuldige mich

Es hält mich nicht mehr, es muss heraus: Ich entschuldige mich! Nie wieder will ich schnöde verschweigen, was meine Generation der Schweiz angetan hat: unser Zusammenleben gefährdet, unsere Identität geschwächt, den Zusammenhalt des Landes aufs Spiel gesetzt. Denn wir haben – ich bekenne es – in der Primarschule keinen Französischunterricht genossen. Dass es den damals noch nicht gab, ist ja wohl keine Entschuldigung.

Heute gibt es Gott sei Dank nicht nur jede Menge Fremdsprachen an der Primarschule, sondern auch jene «zivilreligiösen Bussrituale» (Hermann Lübbe), mit denen man sich beschuldigt und praktischerweise gleichzeitig entlastet.

Jetzt, wo es heraus ist, kann ich erleichtert aufatmen. Und darf vielleicht sogar verschämt anführen, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen habe: Ich habe in der Sekundarschule und im Gymnasium von unvergesslichen Französischlehrern profitiert. Kenne die Romandie fast so gut wie die Deutschschweiz, nicht nur die Gestade des Genfersees, sondern auch den Jura, von Romainmôtier über Saignelégier, La Chaux-de-Fonds bis Pruntrut. Bin als Gymeler mit dem Velo nach Südfrankreich, später ins Loire-Tal und immer wieder nach Paris gereist. Wo ja bekanntlich überall Französisch gesprochen wird. Zum Teil besser als im Freiburgischen, wo unser Bundesrat Berset herkommt. Später kam bei mir Italien hinzu, wo bekanntlich ebenfalls eine Landessprache gesprochen wird. Im Tessin werden jährlich Familienzusammenkünfte gefeiert. Der «Corriere della Sera» gehört zu meinen regelmässig gelesenen Zeitungen. Neuerdings verbringe ich mehr Zeit in einem Bündner Dorf, wo 99 Prozent der Bevölkerung Romanisch sprechen. Mit meiner kleinen Tochter bin ich dran, uns die ersten Brocken Romanisch anzueignen. Vielleicht reicht’s schon bald für den Besuch eines Kurses. Doch das ändert natürlich nichts am neuen Mantra der Schweiz: Wo kein Frühfranzösisch, da kein Zusammenhalt. Darum noch einmal: Ich entschuldige mich!

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»