Tour d’Innovation

An den Fachhochschulen arbeiten Forscher, Unternehmer und Bürger zusammen an den Verfahren und Geräten, die unser Leben – oft auf einen Schlag – erleichtern. Die Pflege optimiert ihre Leistungen durch Technik, Schmerzen werden durch grafische Darstellungen kommunizierbar und Quartiere nicht mehr architektonisch geplant, sondern von ihrer räumlichen Bedeutung her gedacht. Kurz: hier entsteht Innovation. Ihre […]

Tour d’Innovation
Work in progress an der International Design Summer School 2016 der ZHdK, organisiert von Michael Krohn und Hansuli Matter. Studierende aus Indien, China und der Schweiz erarbeiteten zusammen neue Projekte zum Thema Frugal Design. Hier: Eine Gruppe gestaltet aus PET-Flaschen einen Prototypen. Bild: ZHdK.

An den Fachhochschulen arbeiten Forscher, Unternehmer und Bürger zusammen an den Verfahren und Geräten, die unser Leben – oft auf einen Schlag – erleichtern. Die Pflege optimiert ihre Leistungen durch Technik, Schmerzen werden durch grafische Darstellungen kommunizierbar und Quartiere nicht mehr architektonisch geplant, sondern von ihrer räumlichen Bedeutung her gedacht. Kurz: hier entsteht Innovation.

Ihre gängige Definition lautet: Wissenschaftliche Erkenntnisse nutzbar machen und durch Investitionen auf einen Markt bringen, der existiert. Wir haben Projektverantwortliche aus naturwissenschaftlich-technischen und sozial-künstlerischen Fächern und Projekten getroffen und sie gefragt: Was versteht ihr unter Innovation? Wie sieht sie bei euch konkret aus? Auf welchen Markt tragt ihr eure Erkenntnisse? Und in welcher Währung messt ihr die Wirkung?

Entstanden ist eine Tour d’Innovation, die dazu beiträgt, einen inflationär gebrauchten Begriff mit konkreten Inhalten zu füllen, um somit Anregungen für Problemlösungen bei Vergleich- und Messbarkeit zu liefern. 


 

1 Mut haben

Die technischen Bereiche kennen sich mit Innovationen aus – halten sie diese doch Tag für Tag in Händen, um neue Innovationen zu schaffen. Aber auch mit handfesten Argumenten braucht es die Überzeugungskraft der Forscher.
Ronnie Grob trifft Alex Simeon

Die Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) ist nicht zu verfehlen, sie befindet sich gleich am Bahnhof. Junge Männer, wohin man blickt. Drei davon stehen an einem Stehtisch um einen Laptop und diskutieren über einen Riemen und einen Motor, andere arbeiten konzentriert am Laptop oder lesen. Dass Frauen hier ausschliesslich in der Cafeteria arbeiten, kann man nicht behaupten. Aber viele sind nicht zu sehen, auch wenn mich Alex Simeon nach einer Bemerkung meinerseits auf jede Frau hinweist, der wir bei einem kurzen Rundgang durch die Hochschule, die mehr wie ein Werkbetrieb wirkt, begegnen. Unter dem HSR-Dach sind neben den rund 1600 Studierenden in acht Studiengängen auch insgesamt 17 Forschungsinstitute mit insgesamt rund 200 wissenschaftlichen Mitarbeitern zu Hause: für Software, Kommunikationssysteme, Laborautomation und Mechatronik, Anlagen- und Sicherheitstechnik, Umwelt- und Verfahrenstechnik, um nur einige zu nennen. Die Institute forschen an neuen Stromnetzen, entwickeln Rollstuhlskis oder münzgrosse Implantate, die das Knochenwachstum überwachen. Rund vierhundert aF&E-Projekte sorgten 2014 für einen Gesamtumsatz von 29,2 Millionen Franken; das ist fast dreimal so viel wie 2004. «Als Fachhochschule machen wir ja keine Grundlagenforschung, sondern anwendungsorientierte Forschung», erzählt Simeon. «Das heisst: wir gehen von einer realen Problemstellung aus und versuchen, die Bedürfnisse der Industrie abzuholen.» Der Forschungsimpuls kommt meist von der Industrie aus, denn Budgets, um ins Blaue hinaus zu forschen, gibt es bei der HSR keine. Auch die Finanzierung kommt typischerweise aus der Privatindustrie, im Bereich Elektrotechnik etwa zu 95 Prozent. In anderen Bereichen wie der Raumplanung oder der Landschaftsarchitektur sind der Bund und die Kantone verständlicherweise stärker involviert. Weil viele Forscherinnen und Forscher an der HSR auch ein Lehrpensum haben, fliessen die Innovationen aus den Instituten direkt an die Studierenden weiter.

Innovation ist für Simeon vor allem Produktinnovation: «Man muss etwas in der Hand halten, das auch genutzt wird. Eine Innovation ist es ja nur, wenn sie im Markt besteht und funktioniert. Ist das nicht der Fall, sollte man von einer Idee, nicht von einer Innovation reden.» Ein solches Produkt ist beispielsweise Creamelt, ein seit 2015 von HSR-Ingenieuren entwickeltes und produziertes Kunststoff-Filament. Das ist das Material, das die Grundlage für Produkte aus dem 3-D-Drucker bildet. Die Creamelt-Produktlinie TPU-R etwa besteht zu 100 Prozent aus rezyklierten Skischuhen. «Bei der Erschaffung einer Innovation ist die Innovationsmethode nicht produktabhängig, die Prinzipien sind immer die gleichen», sagt Simeon weiter: «Wir verwenden Methodiken und können sie für verschiedene Anwendungen gebrauchen. So beruhen unterschiedliche Produkte wie Fruchtgummi und Fensterdichtungen beide auf dem…