Spätes Echo auf Gottfried Keller

Zum Tode des gelehrten Autors und Humanisten Walter Jens

Spätes Echo auf Gottfried Keller

Walter Jens, geboren am 8. März 1923 in Hamburg, verstorben am 9. Juni 2013 in Tübingen, war ein brillanter Rhetorikprofessor, Autor und bedeutender Hochschullehrer an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen, einstiger Präsident des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland wie auch Präsident der Akademie der Künste in Berlin sowie hauptsächlich ein ebenso anerkannter wie äusserst umstrittener Zeitkritiker im Deutschland der vergangenen sechzig Jahre. Mit zu seinen Weggefährten in Tübingen gehörten die Theologen Fridolin Stier, Josef Ratzinger (später Papst Benedikt XVI.) und vor allem Hans Küng, dem er in tiefer Freundschaft verbunden blieb.

Schicksalhaft für die Existenz von Jens war ein Asthmaleiden, mit dem er sich auch als Autor auseinandergesetzt hat. Dieses Leiden stellte für ihn lebenslang eine Geissel dar, bewahrte ihn andererseits vor dem Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg. Der Sohn eines Bankiers und einer Lehrerin besuchte ab 1929 die koedukative Grundschule Breitenfelder Strasse 35 in Hamburg mit einer grossen Anzahl Mitschüler jüdischen Glaubens.

Abitur machte er 1941 an der Hamburger Gelehrtenschule des Johanneums. Seine aus Gründen seiner späteren glänzenden Karriere als Akademiker meistenteils verschwiegene Mitgliedschaft im NS-Studentenbund und bei der NSDAP wurde in seinen spätesten Jahren Gegenstand heftiger Abrechnungen vor allem bei denjenigen, die an seinem pazifistischen und zum Beispiel antiamerikanischen Engagement zur Zeit des Kalten Krieges Anstoss nahmen. Diese Haltung bot für nicht gerade wenige ehemalige Parteigenossen die Möglichkeit, vor sich selber und vor der Welt wieder als moralisch gerechtfertigter Mensch dazustehen, ohne gleich alle alten Perspektiven, zum Beispiel die von Epoche zu Epoche unterschiedlich begründete Ablehnung der atlantischen Weltbefreiungsideologie amerikanischer Herkunft, preisgeben zu müssen. In ihrer argumentativen Substanz war die pazifistische Zeitkritik von Jens in der Spätphase des Kalten Krieges durchaus ernst zu nehmen.

Eine tragische Figur wurde der einst als Dichter und Denker Hochgerühmte nach Beginn seiner Demenzerkrankung, spätestens als Sohn Tilman Jens, zusätzlich bekannt als Verfasser einer viertklassigen Abrechnung mit Goethe als Vaterfigur der deutschen Dichtung, seinem leiblichen Vater in Buchform vorwarf, in die Demenz geflüchtet zu sein, um sich seiner Vergangenheit bis 1945 nicht stellen zu müssen. Andererseits erschien 2003 und aktualisiert 2008 eine bedeutende Monographie über Walter Jens aus der kongenialen Feder des Tübinger Theologen und Küng-Schülers Karl-Josef Kuschel: «Walter Jens, Literat und Protestant». Darin wurde der vielseitige Gelehrte auch aus dem Spannungsfeld zwischen Theologie und Literaturwissenschaft gewürdigt.


Vermittler antiker Literatur

Imponierend war Walter Jens für mich als Humanist und eindrucksvoller Vermittler, mithin Aktualisierer antiker Literatur, von Homer und den griechischen Tragikern bis zum Komiker Aristophanes. Hier war er mit Josef Vital Kopp (1906 – 1966), einem der besten Lehrer Hans Küngs, vergleichbar.

Unter theologischen Auseinandersetzungen, denen er sich mit Vorliebe stellte, haben seine Ausführungen zum «Fall Judas» (Kreuz Verlag 1975) verbreitetes Interesse gefunden. Die bekannte, von Theologen immer wieder neu aufgepfropfte Ideologie, der Judasverrat stehe in einem unentbehrlichen Verhältnis zum Schicksal Jesu und der Heilsgeschichte, wird hier erzählerisch expressiv und auf dialektisch hohem Niveau erörtert. Darüber hinaus gehört Walter Jens zu jenen Autoren, die im Hinblick auf die von Karl-Josef Kuschel behandelte Thematik «Jesus in der modernen Literatur» wichtig und eindrücklich bleiben.


Wo bleibt das Positive?

Zu den bemerkenswertesten Äusserungen von Walter Jens gehört die «Rede über das Positive in der modernen Literatur.» Damit eröffnete er die Frankfurter Buchmesse von 1961. Der Text ist eine bemerkenswerte Voraus-Widerlegung der Zürcher Rede des Germanisten Emil Staiger «Literatur und Öffentlichkeit» von 1966, einer vernichtenden, aber leider wenig kompetenten Abrechnung mit gegenteiliger Tendenz, dem sattsam kritisierten Negativen in der Literatur. Jens gab eine Antwort auf die Frage von Erich Kästner: «Wo bleibt denn da das Positive?»

Walter Jens, zu seinen besten Zeiten mit Voltaire verglichen, war, abgesehen von den peinlichen Verteidigungen seines Sohnes, er habe keinen literarischen Vatermord begehen wollen, bis zur Meldung von seinem Ableben schon auf dramatische Weise vom literarischen Leben in Deutschland abgemeldet. Für die Geistes- und Ideologiegeschichte von Nachkriegsdeutschland wird er für die Zukunft mehr als nur ein Forschungsgegenstand bleiben. Der Humanist und eindrucksvolle «poeta doctus» gehört mit zur tragischen Literaturgeschichte des modernen Deutschland.


Appell an den 90. Psalm

«Es gibt bessere Schriftsteller, bessere Wissenschafter», sagte Walter Jens von sich, als er noch überschätzt wurde. Was er über Lessing und Heine vorgetragen hat, mag von anderen auch schon gesagt worden sein. Über dies alles bleiben Ausführungen im denkwürdigen Buch «Reden über Vorurteile» von 1992 mit Betrachtungen über die Vergänglichkeit und den 90. Psalm bedenkenswert:

«Wäre es denn wirklich ein Gewinn…, ein Gewinn für den Menschen, wenn er unsterblich wäre, statt – wie bald! – zu vergehen und plötzlich dahinzumüssen? Wäre es ein Gewinn für ihn: nicht in der Zeit zu sein, sondern unvergänglich wie – vielleicht – ein Stein oder ein ferner Stern? Liegt nicht gerade in der Vergänglichkeit, und vor allem, im Wissen darum, seine ihn auszeichnende unvergängliche Kraft?»

Seit den Gedichten von Gottfried Keller, die diesen Gedanken des Religionskritikers Ludwig Feuerbach noch und noch in Verse bringen, hat in Prosa kaum jemand die weltbejahende Bewältigung des Glaubensverlustes vergleichbar eindrucksvoll in Worte gefasst wie der «Protestant», Fussballliebhaber und lebenslange Gourmet Walter Jens. Mit seiner Gattin Inge hat er nicht nur eine bis zuletzt zu ihm stehende Lebensgefährtin gefunden, sondern über das eheliche Echo hinaus eine liebevolle Chronistin seines Lebens.


Ein Mensch mit seinem Widerspruch

Die weiterführenden und erfolgreichen Publikationen des Ehepaars Jens zum Thema Thomas Mann heben sich ab von einem eher als Jugendsünde zu interpretierenden Aufsatz des jungen Walter Jens aus den frühen vierziger Jahren, wo vom «Asphaltliteraten» Thomas Mann die Rede war. Auch das ist ein Stück deutscher Literaturgeschichte.

Als Literat und Gelehrter von Format blieb Walter Jens glaubwürdiger als mit seinem Selbstbekenntnis als «Radikaldemokrat». Wenn die Schweizer 48-er, etwa der in Luzern vor seiner Befreiung zum Tode verurteilte Arzt, Revolutionär, Botaniker und Verfassungsdenker Jakob Robert Steiger (1801 – 1862) Radikaldemokraten waren, so darf man wohl anmerken, dass es in der Bundesrepublik solche nicht gab; es sei denn man reduziere «Radikaldemokrat» auf «Besserwisser».

Auf das Ganze gesehen blieb Jens als Schriftsteller und in seiner Eigenschaft als Rhetorikprofessor ein glänzender Vermittler. Nicht zuletzt dank ihm ist klargeworden, dass zum Beispiel ein Thomas Mann nicht nur kein «Asphaltliterat» war, wie er früher keineswegs bloss vom Studenten Jens abgewertet wurde; auch nicht bloss ein Ironiker, welche Sicht in den fünfziger und sechziger Jahren dominierte. Die von aussen gesehen betrüblichen letzten Jahre von Walter Jens, auch diejenigen, da der Verfall sich erst abzeichnete, erinnern an das Ende Leverkühns aus «Doktor Faustus»:

Thomas Mann lässt beim Abschied des geistig umnachteten Adrian Leverkühn eine Frau Schweigestill Folgendes sagen: «Macht’s euch davon allesamt! Ihr habt ja ka Verständnis net, ihr Stadtleut, und da k’hehrt a Verständnis her! Viel hat er von der ewigen Gnaden geredt, der arme Mann, und i weiss net, ob die reicht. Aber ein recht’s ein menschlich’s Verständnis, glaubt‘s mir, des reicht für all’s!» (Thomas Mann: «Doktor Faustus» letztes Alinea des XLVII. Kapitels)

Ich denke, das gilt auch für Leben und Werk von Walter Jens.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»