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Wenn moralische Überlegenheit den Diskurs verdrängt

Empathie kann Dialog fördern. Doch politischen Aktivisten dient sie oft nur dazu, andere Positionen abzuwerten – sie wird toxisch.

Wenn moralische Überlegenheit den Diskurs verdrängt
Wer nur Gleichgesinnten Mitgefühl gewährt, zerstört den offenen Diskurs. Die blinde schweizerisch-kroatische Sängerin Bernarda Brunovic. Bild: zvg.

 

Die schweizerisch-kroatische Sängerin Bernarda Brunovic wollte am M4Music-Festival auf der Open-Air-Bühne beim Zürcher Schiffbau auftreten, doch zu diesem Konzert kam es nie. «Bernarda-Show abgesagt» schrieb M4Music in einem Instagram-Post mit der knappen Begründung: «Aufgrund von Statements in den sozialen Medien geht M4Music davon aus, dass es rund um dieses Konzert zu Störaktionen kommen wird.»

Der Grund für die angekündigten Störaktionen ist Bernardas Meinung zur Abtreibungsfrage und die Tatsache, dass sie beim «Marsch fürs Läbe», einer Demonstration christlicher Abtreibungsgegner, mitgelaufen ist. Bernarda ist blind zur Welt gekommen, die Ärzte hatten ihren Eltern von der Geburt abgeraten. Bernarda ist ihnen dankbar, dass sie sich für sie entschieden haben, sie kann die Abtreibung aus Gewissensgründen nicht vertreten. Überzeugte Abtreibungsbefürworter, die sich auf der moralisch richtigen, empathischen Seite verorten, möchten Bernarda überhaupt keine Bühne gewähren. Eine Bühne notabene nicht für eine politische Rede, sondern für ein Konzert. Die Haltung jener, die die Störaktionen ankündigten, wirkt selektiv. Ihr Mitgefühl gilt ausschliesslich denjenigen Menschen, mit deren Sicht sie sich identifizieren. Wer anderer Meinung ist, erfährt keine Spur ihrer Empathie: Bernarda wird aktiv daran gehindert, ein Konzert zu geben. Ein Verhalten, das ihr gegenüber alles andere als mitfühlend ist. Die Haltung in diesem Fallbeispiel zeigt deutlich eine Verweigerung des Dialogs mit Andersdenkenden. Statt sich auf einen respektvollen Meinungsaustausch einzulassen, schliesst man andere Perspektiven von vornherein aus.

Wir leben in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend emotional, moralisch aufgeladen und unversöhnlich geführt werden. Fragen wie etwa zu Identität, Gerechtigkeit oder zu modernem Sprachgebrauch bewegen viele, nicht nur politisch, sondern auch persönlich. Die meisten Fragen, die diese Themen aufwerfen, lassen sich nicht durch Fakten eindeutig beantworten. Vielmehr handelt es sich um tiefgreifende moralisch-ethische Fragen, bei denen sich die Lager entlang normativer Überzeugungen scheiden. Gerade deshalb wäre ein sachlich geführter, offener Diskurs entscheidend. Doch dieser gerät zunehmend unter Druck, nicht etwa durch mangelnde Beteiligung, sondern durch eine neue Form der Diskursverweigerung: Wir nennen sie toxische Empathie.

Toxische Empathie beschreibt ein Verhalten, bei dem Empathie primär dazu dient, sich selbst eine moralische Überlegenheit gegenüber Vertretern anderer Meinungen zuzuschreiben. Der Begriff ist kein feststehender wissenschaftlicher Begriff, sondern wird in unterschiedlichen Kontexten verwendet. Wir wollen den Begriff nicht als politisches, sondern als analytisches Mittel nutzen, um die Gefährdung des gesellschaftlichen Diskurses durch ungleichmässig verteilte Empathie aufzuzeigen. Empathie im eigentlichen Sinne sollte im Diskurs die Rolle eines begleitenden Elements spielen. Das hilft, unterschiedliche Perspektiven besser zu verstehen, und trägt so zu einem respektvollen, sachlichen Austausch bei. In ihrer toxischen Form hingegen wird Empathie instrumentalisiert, um sich selbst auf der moralisch «richtigen Seite» zu verorten. Der Ausdruck von Mitgefühl meist mit einer gesellschaftlichen Minderheit funktioniert in Diskussionen stellvertretend zum sachlichen Austausch von Argumenten. Toxische Empathie zeigt sich auch dort, wo Mitgefühl nur denjenigen gilt, die das «richtige» Weltbild vertreten, während andere Meinungen pauschal als unzumutbar oder unmoralisch ausgeschlossen werden. Dabei wird die moralische Position nicht mehr begründet, sondern schlicht behauptet. Wer sich nicht in die gefühlte Gemeinschaft der «Guten» einordnet, verliert nicht nur das Recht auf Gehör, sondern wird aktiv aus dem Gespräch verdrängt. In dieser Form dient Empathie nicht mehr dem Dialog, sondern der Kontrolle darüber.

«Wer sich nicht in die gefühlte Gemeinschaft der «Guten» einordnet,
verliert nicht nur das Recht auf Gehör, sondern wird
aktiv aus dem Gespräch verdrängt.»

Ein oft bemühtes Argument zur Rechtfertigung dieses Ausschlusses ist das der «Intoleranz gegenüber Intoleranten». Es beruft sich auf Karl Poppers berühmtes Toleranzparadox: Eine tolerante Gesellschaft darf Intoleranz nicht unbegrenzt dulden. Dieses Argument greift im Kontext des Diskurses jedoch nur dort, wo betroffene Positionen die Grundlagen des Diskurses selbst in Gefahr bringen – etwa indem sie zu Gewalt aufrufen oder diese legitimieren, bestimmte Menschengruppen pauschal abwerten oder fundamentale Menschenrechte verletzen. Die in unserem Essay behandelten Beispiele drehen sich um verschiedene tiefgreifende moralische Fragen und erfüllen keines der Kriterien der Diskursgefährdung. Es handelt sich um moralisch umstrittene, aber diskursfähige Positionen, die innerhalb einer offenen Gesellschaft verhandelt werden können. Wer hier Intoleranz unterstellt, verwechselt ethische Uneinigkeit mit moralischer Verfehlung. Genau an dieser Stelle setzt toxische Empathie ein: Sie etikettiert abweichende Positionen als «unmoralisch», weil sie nicht ins eigene Wertesystem passen. Das ist nicht Schutz vor Intoleranz, es ist, wenn auch vielleicht nur unbewusst, eine Form von Diskursverweigerung.

Unser Anliegen ist – wie schon angedeutet – nicht politisch. Es geht uns nicht darum, bestimmte Bewegungen zu diskreditieren oder uns einer Seite anzuschliessen. Vielmehr geht es um die Form des Diskurses selbst. Nicht darum, was diskutiert wird, sondern darum, wie es diskutiert wird. Wir betrachten toxische Empathie als ein Problem, das in unterschiedlichen politischen Kontexten auftreten kann. Besonders sichtbar wird sie jedoch dort, wo der Anspruch auf politische Korrektheit erhoben wird. Formen toxischer Empathie zeigen sich nicht ausschliesslich im Rahmen politischer Korrektheit. Etwa die Argumentationsweise in der polemischen Rhetorik rund um Abtreibung («Wie kannst du nur ein Kind töten?») lehnen wir ebenfalls ab, weil sie den Austausch von Argumenten auf sachlicher Basis erschwert und somit dem Diskurs eher schadet als nützt. In unserer Argumentation beziehen wir uns auf den mitteleuropäischen Diskursraum, in dem allerdings die öffentliche Empathie häufig entlang von Minderheitenschutz und identitätspolitischen Linien rund um Geschlecht, Rassismus oder sexuelle Orientierung verläuft. Man gewinnt vermeintlich an moralischer Gerechtigkeit, verliert jedoch den offenen Diskurs, das Vertrauen in Gesprächsbereitschaft und die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, mit widersprüchlichen oder unklaren Situationen umzugehen, ohne dabei Angst oder Unbehagen zu empfinden. Toxische Empathie wirkt genau in diesem Sinne destruktiv: Sie erhöht kurzfristig das emotionale Wohlbefinden und die moralische Überlegenheit der eigenen Gruppe, doch auf Kosten des gesellschaftlichen Gesamtklimas. Empathie wird gewissermassen in eine Richtung maximiert, jedoch zulasten aller anderen Perspektiven. Toxische Empathie ist keinesfalls ein soziales Randphänomen, sie hat schon längst den Weg in den gesellschaftlichen Mainstream gefunden. Unser Essay zeigt an verschiedenen Fallbeispielen, wie sich toxische Empathie zunehmend in gesellschaftlichen Strukturen, öffentlichen Debatten und institutionellen Entscheidungsprozessen manifestiert und wie sie zur Verdrängung der offenen Diskussionskultur entscheidend beiträgt.

Selektive Empathie

Selektive Empathie bezeichnet die Tendenz, sich gezielt nur gegenüber bestimmten Personen oder Gruppen empathisch zu zeigen, während andere ausgeklammert und weniger oder überhaupt nicht empathisch behandelt werden. Ähnlich wie das Licht eines Scheinwerfers, das nur einen bestimmten Bereich erhellt, während der Rest im Dunkeln bleibt. Selektive Empathie wirkt deshalb toxisch, weil Menschen sie aus einer Haltung moralischer Überlegenheit heraus einsetzen und dadurch den Unbeachteten letztlich massiv schaden. Der eingangs zitierte Fall von Bernarda Brunovic zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn selektive Empathie den öffentlichen Diskurs bestimmt.

Die Selektivität dieser Form von Empathie ist dadurch bestimmt, dass sie von einer einzigen moralisch richtigen Haltung ausgeht und deren Vertreter sich somit eine Deutungshoheit zusprechen. Als Folge davon bestimmen sie subjektiv, wer Empathie verdient und wer nicht. An einem sachlichen Diskurs besteht kein Interesse. Beispielsweise wird eine Person an einem Konzertauftritt gehindert, obwohl dieser nichts mit dem eigentlichen Streitpunkt zu tun hat. Durch selektive Empathie wird der Diskurs um kontroverse Themen wie die Abtreibungsfrage nicht differenzierter, sondern auf eine einseitige moralische Sichtweise reduziert.

Mit der Absage des Konzerts von Bernarda erhielten die toxisch empathischen Stimmen genau das, was sie forderten: ihre Botschaft, dass «religiöse Fundis und Abtreibungsgegner/-innen nichts in unseren Quartieren verloren» hätten, bekamen sie bestätigt. Was sich aus der zitierten Aussage sinngemäss übersetzen lässt: Menschen mit abweichender Meinung sind in unserem Umfeld und in der Gesellschaft insgesamt nicht erwünscht. Anstelle eines sachlichen Meinungsaustausches fordert diese Gruppierung den direkten Ausschluss der Meinungsgegner aus dem öffentlichen Raum. Gerade solche kontroversen Fragen, wie diejenige über Abtreibung – im weiteren Sinne über den Wert eines ungeborenen Menschenlebens –, sollten Anlass für gesellschaftlichen Dialog und differenzierte Auseinandersetzung sein. Selektive Empathie verhindert jedoch diesen offenen Diskurs, indem sie Dialog durch Ausgrenzung ersetzt.

Monopol auf Moral

Mit der Aussage «Denken ist der Anfang von allem» betitelt die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) ihr Videoporträt der Institution. «[Denken] lässt uns […] für unsere Überzeugungen einstehen. […] Denken macht uns zu mündigen Menschen. […] Darum geht es an der ZHAW. Nicht das Wissen steht bei uns im Zentrum, sondern das Denken.»

Diese Aussagen in ihrem Porträt sollen die Philosophie der ZHAW sein. Auch der 2022 publizierte «Leitfaden für einen inklusiven Sprachgebrauch» möchte «den aktuellen Diskurs zu Gender, Nonbinarität, Inklusion und Vielfalt aufnehmen» sowie «zum Denken und Nachdenken anregen».

Der offene Diskurs über kontroverse Themen setzt bestimmte Bedingungen voraus. Er verlangt die Bereitschaft, sich mit anderen Sichtweisen auseinanderzusetzen, sowie den Willen, Diskussionen auf einer sachlichen und respektvollen Ebene zu führen. Dabei geht es nicht darum, die Gegenmeinung zu übernehmen oder sich von ihr überzeugen zu lassen, sondern darum, sie als legitimen Teil des Gesprächsraums anzuerkennen. Die Einsicht, dass auch das Gegenüber ein Recht auf eine abweichende Haltung hat, ist grundlegend, damit ein offener Diskurs bestehen bleibt.

Als Folge von toxischer Empathie entsteht in Diskursen rund um kontroverse Themen hingegen häufig ein Moralmonopol seitens der «empathischen» Meinung. Vertreter oder Mitglieder bestimmter Gruppen, meist gesellschaftlicher Minderheiten, nehmen für sich in Anspruch, die in einem Diskurs einzig richtige moralische Haltung zu repräsentieren. Dieser Anspruch geht aus der Überzeugung hervor, eine gegenüber den betroffenen Angehörigen der jeweiligen Minderheiten empathische Position zu vertreten. Daraus ergibt sich der Glaube, im Namen des moralisch Richtigen zu handeln und somit die Gegenperspektive als moralisch falsch abtun zu können. Mit der Zugehörigkeit oder dem Ausdruck ihres Mitgefühls mit einer gesellschaftlichen Minderheit legitimieren die Betroffenen die anscheinend nicht zur Debatte stehende Richtigkeit ihrer Perspektive. Der Glaube, im Besitz des moralischen Monopols zu sein, führt dazu, dass offene Diskussionen nicht mehr als notwendig erachtet werden, weil die Gegenposition als grundsätzlich illegitim abgetan wird. Erhebt eine Seite im Diskurs rund um ein Thema ein Monopol auf Moral, erschwert das die Chance auf einen sachlichen Meinungsaustausch um das Thema erheblich.

«Der Glaube, im Besitz des moralischen Monopols zu sein, führt dazu,
dass offene Diskussionen nicht mehr als notwendig erachtet werden,
weil die Gegenposition als grundsätzlich illegitim abgetan wird.»

Von einem sprachlichen Leitfaden, wie dem der ZHAW, der angibt, den Diskurs über ein aktuelles gesellschaftliches Thema aufzunehmen, würde man erwarten, dass er unterschiedliche Perspektiven sichtbar macht und sich offen mit divergierenden Ansätzen auseinandersetzt. Doch anstelle eines differenzierten Austausches gibt der Leitfaden eine Sprachempfehlung vor, welche Begriffe anhand eines konkreten Weltbildes als «gut» oder «schlecht» einstuft. Die Ansätze zur gendergerechten Sprache wirken, als gäbe es keine legitime Perspektive jenseits der darin vertretenen Haltung. Viel mehr als die besagte Aufnahme des Diskurses vermittelt der Leitfaden ein einseitiges Bild des Themas.

Der Zweck des Leitfadens soll eine Sensibilisierung für einen «diskriminierungsfreien Sprachgebrauch sein, welcher stereotypisierende und abwertende Begriffe […] vermeidet». Weiter soll er zu einem «bewussten Umgang mit Sprache und zur Reflexion der Wirkung von Sprache» anregen. In einer Tabelle unterteilt in verschiedene Kategorien wird beispielhaft aufgezeigt, welche Sprache «genderneutral und inklusiv» (gekennzeichnet durch einen Smiley) und welche es nicht ist (entsprechend mit einem traurigen Gesichtssymbol versehen).

Die Tabelle orientiert sich eindeutig an einem bestimmten progressiv-aktivistischen Verständnis von Sprache, das Inklusion über sprachliche Mittel fördern will. Dabei wird implizit vorausgesetzt, dass nur jene Begriffe als akzeptabel gelten, die diesem normativen Ideal entsprechen. Die Gründe, auf die sich die Wertungen beziehen, sind vielerorts unersichtlich. Beispielsweise ist der Begriff «transsexuelle Person» diskriminierend, während «Transgender-Person» wiederum diskriminierungsfrei ist. Das Wort «Rasse» ist schlecht, während die wortwörtliche Übersetzung ins Englische «Race» völlig in Ordnung ist.

Die Frage, welche sprachlichen Normen gelten sollen, ist somit kein feststehender Konsens, sondern Gegenstand gesellschaftlicher Debatten, für die gerade Hochschulen eine besonders attraktive Umgebung bieten sollen.

Die Annahme, von einer Position moralischer Absolutheit den Sprachgebrauch anderer objektiv werten zu können, zeigt seitens der ZHAW einen gewaltigen Rückschritt der Diskussionskultur an einer Hochschule und demonstriert, was toxische Empathie für Folgen haben kann. Mitgefühl, das nicht aus eigener Überzeugung praktiziert wird, sondern in Form einer einseitigen Norm eingefordert wird, ist toxisch. Begriffe, die dem festgelegten Sprachbild nicht entsprechen, gelten als Zeichen mangelnder Empathie. Es entsteht ein moralischer Druck, der nicht zu wirklichem Mitgefühl ermutigt, sondern dessen verbindliche Nachahmung abverlangt. Empathie wird nach autoritärer Anleitung ausgehend von einem Monopol auf Moral eingefordert.

Die vorletzte Seite des Leitfadens handelt von dem Sprachgebrauch in studentischen Arbeiten. Den Professoren der ZHAW wird ausdrücklich empfohlen, sich an dem Sprachleitfaden zu orientieren und eine inklusive Sprache – oder soll man sagen: spezifisch diejenige Sprache, welche die Verfasser des Leitfadens als inklusiv sehen – zu fördern. Die Lehrenden dürfen zudem Bewertungskriterien bezüglich inklusiver Sprache festlegen.

An der ZHAW wird von Studierenden erwartet, dass sie sich den institutionellen Vorstellungen von Diversität und Inklusion anschliessen. Ansonsten riskieren sie auch im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten Nachteile. Hier stellt sich die Frage, worin das vielbeschworene «Denken» bestehen soll, wenn die Orientierung an einem eindeutig normativ gefärbten Leitfaden verlangt wird. Wenn nur die Meinungen der Institution als legitim gelten, verliert die Idee kritischen Denkens ihre gesamte Glaubwürdigkeit.

Das intellektuelle Privileg der Unprivilegierten

Toxische Empathie führt zu einer moralischen Überlegenheit im Diskurs um kontroverse Themen. Die moralische Überlegenheit verleiht Zugehörigen oder Vertretern einer marginalisierten Gruppe ein diskursinternes Privileg, eine Art Deutungs- und Bestimmungsmacht über gewisse Themen. Das Privileg erlaubt es Betroffenen, anderen aufgrund fehlender Marginalisierungserfahrung die Legitimation zur Teilnahme am Diskurs abzusprechen. Wir nennen diese Dynamik das intellektuelle Privileg der Unprivilegierten.

Szenarien, die vor einiger Zeit noch vollkommen undenkbar gewesen wären, werden seitens der politischen Korrektheit als legitim beurteilt. Ein Fall aus Zürich zeigt, wie die als unprivilegiert geltenden Personen ihr intellektuelles Privileg in politisch korrekten Diversitätspraktiken nutzen und welche Bedeutung diese Dynamik für den offenen Diskurs hat.

Zu Ehren von Thomas Mann, der dieses Jahr seinen 150. Geburtstag feiern würde, wollte eine Zürcher Theatergruppe das Stück «Mario und der Zauberer» aufführen und beantragte dafür 30 000 Franken Fördergeld bei der Stadt Zürich. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Fachkommission begründet die Ablehnung folgendermassen: Die Besetzung eines weissen Cis-männlichen Schauspielers als Erzähler sei problematisch, wenn dieser die Herabsetzung von Minderheiten thematisieren solle.

Die verallgemeinerte Version dieser Geschichte würde lauten: Einer Person wird aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts finanzielle Förderung verweigert. Man könnte meinen, hier handle es sich um Rassismus und Sexismus zugleich, beides Formen des Ausschlusses, die in einer inklusiven Gesellschaft verwerflich sind. Die Ablehnung der Förderung basiert jedoch mutmasslich auf einer Haltung, die Vielfalt, Repräsentation und Teilhabe fördern will.

Die Fachkommission nimmt sich in diesem Fall das Privileg heraus, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechtes zu beurteilen. Sie entscheidet sich nicht aufgrund der künstlerischen Qualität und des Inhaltes gegen eine Förderung, sondern explizit wegen seiner Herkunft und seines Geschlechts. Das impliziert: Weil der Schauspieler nicht zu einer marginalisierten Gruppe gehört, dürfe er die Diskriminierungsmechanismen gar nicht darstellen.

Das Ausklammern von Menschen aus einer Debatte aufgrund von Identitätsmerkmalen macht einen offenen, pluralistischen Dialog über gesellschaftliche Themen kaum möglich. Interpretation, selbst künstlerische, wird zu einem exklusiven Privileg der Betroffenen und deren Vertreter. Wer nicht direkter Vertreter einer heute oder früher marginalisierten Gruppe – wer «privilegiert» – ist, dem wird das Recht zur Deutung gewisser gesellschaftlicher Themen a priori abgesprochen.

Um zu verstehen, wie sich das intellektuelle Privileg der Unprivilegierten auf den öffentlichen Diskurs auswirkt, lohnt es sich, zwei zentrale Fragen zu stellen.

Erstens: Muss man zwingend persönliche Erfahrungen mit einem Thema gemacht haben, um darüber eine legitime Meinung äussern zu dürfen?

Wäre dies der allgemeine Standard, dürften etwa Kinderlose nicht über Familienpolitik sprechen, Wohlhabende sich nicht zur Armutsbekämpfung äussern oder Personen ohne psychische Erkrankungen nichts zu psychischer Gesundheit sagen. Erfahrung stellt also in unserer Gesellschaft keineswegs eine notwendige Bedingung dar, um über ein Thema sprechen zu dürfen. Die Folge eines solchen Standards wäre eine erhebliche Einschränkung der Pluralität des Diskurses. Die Legitimität einer Position hinge nicht vom Argument, sondern von der Biografie der sprechenden Person ab.

Zweitens: Bedeutet persönliche Betroffenheit automatisch, dass die eigene Einschätzung zu einem Thema höher zu gewichten ist als die anderer Menschen?

Zweifellos kann Erfahrung das Verständnis für ein Thema verstärken, vorausgesetzt, sie wird begründet und ist damit auch inhaltlich überprüfbar. Der Diskurs funktioniert nur dann, wenn Begründungen offen zur Debatte stehen und potentiell widerlegt werden können. Das intellektuelle Privileg besteht dann, wenn keine anfechtbare Begründung vorliegen muss und persönliche Erfahrung allein genügt, um andere Positionen auszuschliessen.

In diesem Punkt manifestiert sich toxische Empathie. Sie instrumentalisiert Betroffenheit und Mitgefühl für Betroffene zur alleinigen Autorität über einen Diskurs, während sie Vertreter kritischer Auseinandersetzung von der Notwendigkeit sachlicher Argumente befreit. Wird ein Diskurs nicht mehr auf der Ebene sachlicher Argumente geführt, sondern primär über Ausdruck von Mitgefühl oder Betroffenheit, verschiebt sich der Fokus von der Qualität der Argumente zur Intensität des empfundenen Leids. Das führt zu einem Klima, das echten Austausch zunehmend verunmöglicht.

Exkludierende Inklusion

Inklusion gilt als zentrales gesellschaftliches Ideal. Sie strebt danach, marginalisierte Gruppen einzubeziehen und Räume zu schaffen, in denen sich alle Menschen unabhängig von Herkunft, Identität oder Lebensstil respektiert und vertreten fühlen. Im politisch korrekten Kontext wird jedoch das Streben nach Inklusion zunehmend selbst zu einem Mechanismus für Ausschluss. Diese paradoxe Erscheinung bezeichnen wir als exkludierende Inklusion.

«Im politisch korrekten Kontext wird jedoch das Streben
nach Inklusion zunehmend selbst zu einem Mechanismus für
Ausschluss.Diese paradoxe Erscheinung bezeichnen
wir als exkludierende Inklusion.»

Das Phänomen zeigt sich dort, wo bestimmte normative Werte – meistens Mitgefühl für Minderheiten und diskriminierte gesellschaftliche Gruppen – so stark in den Vordergrund gerückt werden, dass sie nicht mehr als begleitendes Element im Dialog, sondern als Massstab für Zugehörigkeit und Legitimität funktionieren. Wer diese Werte nicht auf die gleiche Weise interpretiert oder wer sie in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen kritisch hinterfragt, kann damit rechnen, aus dem öffentlichen Diskurs und aus bestimmten sozialen Kontexten ausgeschlossen zu werden.

So etwa in dem erwähnten Fall Bernarda und im Theaterstück von Thomas Mann, genauso beim Berner Musikprojekt Lauwarm, dessen Auftritt im Sommer 2022 abgebrochen wurde, weil sich einige Zuschauer durch den Umgang der weissen Musiker mit Reggaemusik kulturell verletzt fühlten. Auch hier fand keine Auseinandersetzung mit der künstlerischen Absicht oder den Hintergründen statt. Es reichte das Gefühl kultureller Aneignung und ein Ausdruck von Empathie mit Betroffenen, um einen Abbruch zu rechtfertigen. Abgesehen von der sozialen Ausgrenzung findet bei diesem Mechanismus vor allem eine dreiste Verweigerung des notwendigen gesellschaftlichen Diskurses statt.

Ebenfalls deutlich trat das Prinzip exkludierender Inklusion während der Corona-Pandemie zutage. Menschen, die sich gegen die offiziellen Massnahmen oder eine Impfung aussprachen, egal ob aus Überzeugung, Skepsis oder persönlichen Gründen, wurden als unsolidarisch, gefährlich oder verschwörerisch delegitimiert. Die Theorie, dass das Virus aus einem Labor entstammen könnte, wurde mehrfach als Verschwörungstheorie abgetan, Menschen, die diese vertraten, wurden aufs Schärfste verurteilt. Heute jedoch wird diese Möglichkeit ernsthaft in wissenschaftlichen und politischen Kreisen diskutiert.

Mitgefühl gilt hier also nur Gruppen, die eine bestimmte Ansicht vertreten. Dabei bleibt wenig Raum für jene, deren Ansichten diesen empathischen Standards widersprechen. Die Grenze der Zugehörigkeit hat sich demzufolge nicht erweitert, sie wurde lediglich neu gezogen. Das Filterungsverfahren verläuft nicht entlang der Frage, wer man ist, sondern was man vertritt. Inklusion wird letztendlich zu einem Begriff für eine perspektivisch und moralisch homogene Gemeinschaft.

Exkludierende Inklusion bedeutet daher, dass die Grundidee der Inklusion in sich selbst widersprüchlich wird. Vielfalt wird nur gefordert, solange sie den eigenen normativen Rahmen nicht stört. Wer diesen Rahmen in Frage stellt, wird oft ausgeschlossen. Gerade damit zeigt sich, wie brüchig die Versprechen der Inklusion sein können, wenn sie nicht vom Willen zum offenen Diskurs begleitet werden. Ein inklusiver Raum, der tatsächliche Vielfalt zulassen will, muss auch Ambiguität aushalten: das gleichzeitige Nebeneinander widersprüchlicher Positionen. Nur so kann verhindert werden, dass Inklusion zu einem exklusiven moralischen Massstab wird und somit genau zu jenem Ausschlussmechanismus, den sie eigentlich überwinden wollte.

Postkartendiversität statt Meinungsvielfalt

In der heutigen gesellschaftlichen Debatte wird auch Diversität vielfach als ein hohes Ideal gefeiert. Doch was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von Diversität sprechen? Welche Formen sind sinnvoll und wo liegen die Grenzen? Und vor allem: Wie steht es um die Meinungsdiversität?

Wir vertreten die These: Wenn es wirklich eine Bestrebung der politischen Korrektheit ist, dass Merkmale wie Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität oder Körpergewicht keine Rolle spielen sollen – weil wir keine Diskriminierung wollen –, dann sollten genau diese Merkmale auch nicht zur Hauptsache werden, wenn es um die Gestaltung eines diversen Umfelds geht. Andernfalls stellen wir genau das ins Zentrum, was eigentlich an Relevanz verlieren sollte.

Postkartendiversität nennen wir jene oberflächliche Vorstellung von Vielfalt, wie sie uns zum Beispiel durch eine einfache Google-Bildersuche nach dem Begriff «Diversität» begegnet: eine bunte Mischung an Ethnien, Altersgruppen und Geschlechtern. Vielfalt wird hier zwar visuell inszeniert, jedoch nicht inhaltlich reflektiert. Die Oberflächlichkeit dieser Diversitätsideale ist zu vergleichen mit einem Bild auf einer unbeschrifteten Postkarte: Steht sie einfach unbeschriftet im Laden, hat das Bild auf ihrer Vorderseite zunächst keine weitere Bedeutung, als etwas oberflächlich zu repräsentieren. Erst wenn jemand sie kauft und beschriftet, bekommt die Postkarte auch inhaltliche Tiefe, Bedeutung und Originalität. Die Vorstellung von Diversität, die auf demografische Buntheit abzielt, ist im gleichen Sinne oberflächlich. Denn sie sagt nichts darüber aus, wie divers ein Umfeld ist – in allem, was sich nicht auf das unmittelbare Aussehen reduzieren lässt.

Die Form der Diversität, die den gesellschaftlichen Diskurs stärkt, ist die Vielfalt an Perspektiven, Meinungen und Argumenten. Sie floriert dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen auf Augenhöhe diskutieren können, ohne Angst vor der moralischen Keule und vor gesellschaftlicher Ausgrenzung haben zu müssen.

Wir möchten betonen: Es geht uns keineswegs darum, die Bedeutung von Repräsentation oder den Schutz benachteiligter Gruppen zu relativieren. Unsere Kritik richtet sich gegen die unverhältnismässige Gewichtung dieser äusseren Diversitätsmerkmale, konkret dann, wenn sie auf Kosten der Pluralität an Meinungen in einem gesellschaftlichen Diskurs geht.

Doch an dem Punkt, wo ein heterogenes Umfeld der Meinungen entstehen soll, endet für die politische Korrektheit die viel beschworene Diversität plötzlich. Konkret heisst das: Vielfalt ist zwar in Bezug auf Identitäten erwünscht, nicht aber in Bezug auf Sichtweisen. Erst recht dann nicht, wenn diese den dominanten Narrativen widersprechen. Durch diese Selektion wird dem Begriff der Diversität eine klare Grenze verliehen, welche die Vielfalt und die Pluralität der Meinungen in einem Umfeld aussen vor lässt.

Meinungsvielfalt zu fördern, müsste auch keineswegs eine Verringerung der demografischen Vielfalt, also der Vielfalt an Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung, zur Folge haben. Sie würde die Postkarte lediglich beschriften, also dem bunten Bild inhaltliche Tiefe verleihen. Die ZHAW etwa fördert mit ihrem Leitfaden für diskriminierungsfreien Sprachgebrauch kaum die Vielfalt verschiedener politischer oder ethischer Ansichten über Sprachgebrauch oder Geschlechterbilder. Vielmehr grenzt sie dadurch den perspektivischen Bereich auf eine moralische Norm ein.

Doch Diskriminierung und Hass lösen sich dadurch nicht einfach auf, sie ändern höchstens ihren Ort und ihre Form. Wird der offene Diskurs in öffentlichen Räumen derart moralisch eingegrenzt, sind Andersdenkende gezwungen, sich zurückzuziehen.

Es bildet sich eine Mehrheitsmeinung, und diejenigen, die aus Debatten ausgegrenzt werden, suchen andere Kanäle, um ihre Meinung hörbar zu machen. Nicht selten radikalisieren sie sich. Durch Toleranz für das Nebeneinander verschiedener Ansichten in einem Diskursraum und die gegenseitige Bemühung zu sachlichem, respektvollem Austausch liessen sich die zunehmende Polarisierung und die daraus folgende Radikalisierung mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutend verkleinern.

Diskurs statt Moralkeule

Wiederholt und entschieden plädieren wir für einen pluralistischen, offenen und sachlich geführten gesellschaftlichen Diskurs. Warum wir diesem Diskurs so ein grosses Gewicht verleihen, möchten wir an dieser Stelle verdeutlichen.

Für uns liegt der Sinn eines Diskurses nicht im Sieg, sondern in der Möglichkeit zur Verständigung – wobei damit nicht Kompromiss oder Einigkeit gemeint ist, sondern die Möglichkeit zu gegenseitigen Einblicken in Meinungen, die von der eigenen abweichen.

Ein gelingender Diskurs sollte nicht darauf abzielen, andere mit moralischem Druck oder durch gesellschaftliche Ausgrenzung von der eigenen Position zu überzeugen. Stattdessen sollte er Raum schaffen für die Frage, wie unterschiedliche Meinungen entstehen konnten: Wo ist der Punkt, wo sich die Meinungspfade trennen? Welche Erfahrungen, Werte oder Überzeugungen haben dazu geführt, dass Menschen zu verschiedenen Einschätzungen gelangen? Besteht vielleicht doch noch gemeinsamer Boden? Nur wenn wir diesen Moment des Auseinandergehens ehrlich und neugierig betrachten, entsteht die Möglichkeit, einander zu verstehen. Es geht nicht darum, am Ende einer Meinung zu sein, sondern darum zu verstehen, wie und warum jemand zu seiner Überzeugung gelangt ist.

Wir glauben fest an die Kraft von Ambiguität, Einsicht und Offenheit in Diskussionen rund um gesellschaftlich relevante Themen. Empathie dient in einem idealen Diskurs dementsprechend nicht zum Erlangen einer moralischen Überlegenheit gegenüber der Gegenposition, sondern als Schlüssel zur Einsicht in die Perspektive derselben. Sollte der gesellschaftliche Diskurs die Meinungen einer Gesellschaft repräsentieren, müssen Zentren des Diskurses – Parlamente, Hochschulen, Medien, kulturelle Institutionen etc. – Raum für ein «Neben-Miteinander» verschiedener Positionen bieten können. Einen Raum, in dem unterschiedliche Meinungen nebeneinander koexistieren, ohne die andere Meinung aus dem Raum verdrängen zu wollen. Aussagen wie «Religiöse Fundis und Abtreibungsgegner/-innen sind in unseren Quartieren nicht erwünscht» widersprechen dem Anspruch eines pluralistischen Diskurses fundamental. Sie sollten gerade von einer Bewegung, die Offenheit und Vielfalt in ihrem Selbstverständnis verankert hat, konsequent hinterfragt und zurückgewiesen werden.

Ein gelingender Diskurs soll deshalb keine Bühne für Sieger, sondern ein gemeinsamer Ort für Suchende sein. Ein Raum für Rückschau, Selbstreflexion und Verständnis. Verständnis verlangt weder Zustimmung noch Einigkeit, wohl aber ein Mindestmass an Einsicht.

Wahre Empathie kann eben das bewirken, was toxische Empathie nicht entstehen lassen kann: Sie ermöglicht Einsicht in die Gegenposition, schafft Verständnis für dessen Vertreter und ist schliesslich essenziell für das, was eine gesunde Gesellschaft im Umgang mit schwierigen Themen am meisten braucht: respektvolle, offene und sachliche Gespräche.

 

Dieser Essay basiert auf einer Maturitätsarbeit, die am 23. April 2026 mit dem Preis «Mit eigener Stimme sprechen» der Denkfabrik Liberethica ausgezeichnet worden ist.

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