Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Rainer Stadler «Die Freiheit der Meinung setzt voraus, dass man eine hat.»
(Heinrich Heine. Dieser häufig zitierte Satz wird allgemein Heinrich Heine zugeschrieben. Die Quelle ist nicht bekannt.)

Was heisst denn hier Freiheit?

«Das Zitat ist provozierend. Heine vertritt hier eine sehr elitäre Ansicht. Es ist die Optik des Bildungsbürgers. Das Zitat unterstellt, dass die meisten Leute keine eigene Meinung haben oder zu einer qualifizierten Meinung nicht fähig sind. Daraus könnte man auch schliessen, dass es keine Meinungsfreiheit braucht. Dann sind wir schnell bei Platon, der im «Staat» die paternalistische Auffassung vertritt, der Staat müsse durch die Gelehrten gelenkt werden.

Ich denke da anders als Heine. Jeder hat immer irgendeine Meinung, auch dann, wenn es eine Meinung ist, die nur das reflektiert, was 90 Prozent aller anderen ebenfalls denken und sagen. Doch das würde Heine wohl nicht genügen. Er spricht von einer Meinung, die sich abhebt von der Kollektivmeinung. Daher ist sein Meinungsbegriff ein emphatischer Begriff, der die Rolle des Individuums hervorhebt.

Wenn es keine kollektive Sicht auf die Welt gäbe, dann gäbe es gar keine Sicht auf die Welt. Mit ‹kollektiver Sicht› meine ich, dass man ein gewisses Erfahrungswissen und gewisse Werturteile teilt. Wenn man das nicht täte, dann wäre die Welt gar nicht erkennbar. Sicher wird da auch immer viel nachgeplappert. Und sicher sind auch immer viele Vorurteile im Spiel. Doch beides, Nachplappern wie Vorurteile, braucht man, um überhaupt urteilen und leben zu können. Sie bieten eine Art Vereinfachung, ohne die wir mit der Komplexität der Welt nicht zurechtkämen. Man kann doch nicht immer allen Meinungen auf den Grund gehen. Und auch nicht immer zu allem eine eigene Meinung entwickeln. Sondern man muss Meinungen mit anderen teilen. Vorurteile wie Kollektivmeinungen sind daher Teil einer lebenspraktischen Einstellung. Ohne diese wäre soziales Handeln unmöglich.

Wenn jeder eine eigene Meinung hätte und es dabei bleiben würde, dann wäre das soziale Leben gefährdet, dann könnte eine Gesellschaft nicht funktionieren. Die meisten Meinungen müssen in eine Kollektivmeinung übergeführt werden, damit sie zu einem produktiven Selbst- und Weltverhältnis beitragen. Insofern ist die Meinungsbildung ein dynamischer Prozess. Wenn die Meinungen mit niemand anderem geteilt werden, dann ist man ein atomisiertes Subjekt, dann fällt man aus der Welt heraus.

Mein, sein, dein. Mein-ung definiert sich im Widerspruch zur Sein-ung und Dein-ung, also im Widerspruch zu einer anderen Meinung. Erst wenn unterschiedliche Meinungen miteinander konfrontiert werden, kann eine gemeinsame Meinung entstehen. Jürgen Habermas spricht hier vom ‹zwanglosen Zwang des besseren Arguments›, von der freiwilligen Einwilligung in die bessere Meinung aller Angehörigen des Diskurses. Das leuchtet aus akademisch idealistischer Sicht ein. Wenn allerdings alle dieselbe Meinung haben, dann kann das auch schnell ins Totalitäre kippen. Insofern hat Heine doch wieder recht, dass es immer auch eine eigene, individuelle, nicht geteilte Meinung braucht, da sonst die Freiheit verlorengeht.

Letztlich ist es doch so, dass wir viel mehr Meinungen miteinander teilen, als wir gemeinhin denken. Es sind Teilbereiche, in denen wir uns voneinander abgrenzen. Letztlich sucht ja jeder einen Konsens. Du bist ja nur beschränkt glücklich, wenn deine Meinung abweicht von der des anderen. Und du versuchst dann, ihn von deiner Meinung zu überzeugen oder dir seine Meinung anzueignen.

Schon immer äussert jeder dann eine Meinung, wenn er einen Satz in der Welt plaziert. Egal ob gesprochen oder geschrieben. Solange jemand nicht daran gehindert wird, ist die Meinungsfreiheit gewährleistet. Jeder muss äussern können, was er äussern will. Ob eine qualifizierte Meinung oder eine Banalität, ist dabei unwesentlich. Das kann man getrost dem Diskurs der Gesellschaft überlassen. Der entscheidende Punkt ist, dass niemand daran gehindert wird, sich zu äussern.»

aufgezeichnet von Suzann-Viola Renninger

Rainer Stadler (ras), geboren 1958, ist Redaktor für Medien bei der Neuen Zürcher Zeitung.

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dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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