Die Medienvielfalt in der
Romandie verkümmert

Gibt es Raum für liberale Medien?

 

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In der Deutschschweiz steht trotz der Schwächung gewisser Medien eine breite Palette von Angeboten für jeden Interessierten zur Verfügung. Von der WOZ bis zur «Weltwoche» ist es relativ einfach, mit unterschiedlichen Meinungen konfrontiert zu werden. Dies ist zu begrüssen, denn Demokratie lebt von verschiedenen Meinungen. Aufgabe der Presse ist es unter anderem, die Vielfalt der Meinungen abzubilden.

In der Westschweiz ist dies Vergangenheit. In der Medienlandschaft trägt kein etabliertes Medium die Stimme derer, die der Meinung sind, dass das Kollektiv weniger tun und mehr Raum für den einzelnen lassen sollte. Das gesamte Medienangebot spricht das gleiche Publikum an. Natürlich mit gewissen Nuancen, aber die allgemeine Stimmung ist die gleiche. Die öffentliche Meinung in der Westschweiz ist staatsgläubig, interventionistisch und oft moralisierend. Diese Realität ist für die Vitalität der Demokratie problematisch, weil die Meinungsdebatte weitgehend reduziert und die konträren Positionen hemmungslos karikiert werden. Doch gerade in der Konfrontation reifen die Ideen. Während in der Deutschschweiz viele lebhafte Debatten stattfinden, werden sie in der Romandie entschieden, bevor es sie überhaupt gibt. Für einen französischsprachigen Schweizer wie mich ist es daher der beste Weg, mich aktiv an der demokratischen und intellektuellen Debatte zu beteiligen, die Sprache Goethes zu lernen – oder mich für die französische Politik zu interessieren.

Diese Realität droht sich noch zu verschlimmern, denn der Geist der Zensur – ein ehemaliges Werkzeug des Totalitarismus – breitet sich nun auch bei uns aus. Die Intoleranz gegenüber unterschiedlichen Meinungen wird auf virale Weise zum Ausdruck gebracht, verbunden mit dem Wunsch, den Gegner öffentlich zu demütigen. Diese manichäische Art, mit oft komplexen Themen umzugehen, ist speziell für die Schweiz und ihre Demokratie problematisch. Ein typisches Beispiel ist die aktuelle Pandemie. Es werden praktisch keine abweichenden Meinungen toleriert.

Zusätzlich zu dieser Medienkonformität ist die politische Landschaft in der Westschweiz strukturell ungünstig für liberale Ideen. Die Macht der Loterie romande – die Subventionen in Höhe von mehr als 200 Millionen Franken pro Jahr an kulturelle und sportliche Aktivitäten in der Westschweiz verteilt – oder der RTS und anderer parastaatlicher Kreise, die sich logischerweise weigern, die Hand, die sie füttert, zu beissen, ist schwer aufzuhalten. Historisch gesehen ist die Westschweiz jedoch eine Region, die liberalen Ideen gegenüber offen war. In den letzten Wochen ist bekannt geworden, dass mehrere deutschsprachige Redaktionen in die Westschweiz expandieren wollen. Vielleicht gibt es auch noch Platz für ein liberales Medium?

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»