Warum ich militant vegan bin
Die meisten Menschen halten sich für moralisch – und handeln täglich dagegen. Kaum ein Bereich macht diesen Widerspruch so sichtbar wie unser Umgang mit Tieren.
Mein Name ist Raffaela Raab, ich bin 30 Jahre alt und wurde 1996 in Wien geboren. Vor etwas mehr als fünf Jahren habe ich mich entschieden, vegan zu leben – nachdem ich seit meinem 16. Lebensjahr ohnehin kaum noch tierische Produkte konsumiert hatte.
Anfangs motivierten mich vor allem gesundheitliche Überlegungen – insbesondere die Vorteile einer pflanzlichen Ernährung für die Prävention von Herz-Kreislauf- und anderen Volkskrankheiten. Über mehrere Jahre hinweg – etwa zwischen meinem 17. und 24. Lebensjahr – bezeichnete ich mich deshalb als «Flexi-Veganerin». Ich verstand das damals primär als Ernährungsweise und erkannte den ethischen Ernst dahinter noch nicht wirklich.
Der Wendepunkt kam mit 24, nach meinem medizinischen Staatsexamen. In einem Gespräch sagte mir jemand, man könne Menschen und Tiere nicht vergleichen. Ich fragte mich: Warum eigentlich nicht? Für mich ergab diese Trennung keinen logischen Sinn.
Willkür als moralischer Massstab?
Wenn man akzeptiert, dass sowohl Menschen als auch Tiere fühlende Lebewesen sind, folgt daraus ziemlich direkt: Wenn es falsch ist, Menschen auszubeuten, einzusperren und zu töten, kann es nicht richtig sein, dies mit Tieren zu tun. Einen ethisch relevanten Unterschied konnte ich nicht mehr finden.
«Wenn es falsch ist, Menschen auszubeuten, einzusperren und zu töten, kann es nicht richtig sein, dies mit Tieren zu tun.»
Kurz darauf stolperte ich über den Begriff «Speziesismus»– und plötzlich hatte die Ungleichbehandlung von Lebewesen allein aufgrund ihrer Art einen Namen. Wir behandeln Hunde und Katzen als Familienmitglieder, während wir Kühe, Schweine und Hühner ausbeuten. Diese Unterscheidung ist nicht logisch, sondern kulturell geprägt – und letztlich willkürlich.
Und Willkür sollte nicht der Massstab unserer moralischen Entscheidungen sein – erst recht nicht, wenn wir die Fähigkeit besitzen, unser Handeln zu reflektieren. Deshalb lebe ich heute aus Überzeugung vegan. Nicht als Identität, sondern als konsequente Entscheidung, den Missbrauch von Tieren so weit wie praktisch möglich abzulehnen. Einen Unterschied, der rechtfertigt, Tieren anzutun, was wir bei Menschen niemals akzeptieren würden, sehe ich nicht.
Interessant ist, dass ich trotz dieser Überzeugung lange eher gemässigt blieb. Erst nach diesem ethischen Klickmoment wurde ich von aussen als «militant» bezeichnet – ein Begriff, den ich mir selbst nie gegeben habe. Er kam vor allem aus meinem Umfeld, weil ich begann, klarer zu sprechen und andere direkter zu konfrontieren.
Dabei ist «militant» für mich eher ein ironischer Begriff. Veganer arbeiten mit Worten, Argumenten und Aufklärung. Nimmt man den Begriff wörtlich, sind es also nicht Veganer, die militant handeln. Ich würde mich eher als konsequent bezeichnen. Und ehrlich gesagt halte ich die Kritik, man sei «zu militant», oft für daneben. Wer sich vor Augen führt, was Tieren systematisch angetan wird, erkennt: Vieles von dem, was wir sagen, ist eher zu mild als zu extrem.
Das eigene Verhalten anpassen? Lieber nicht.
Evolutionsbiologisch sind wir darauf ausgelegt, Teil eines Rudels zu sein. Unser Gehirn verbindet sozialen Ausschluss nicht neutral, sondern mit Gefahr – im Extremfall mit Exil, Verletzlichkeit und früher sogar mit dem Tod. Deshalb ist es für uns als soziale Spezies extrem wichtig, im Rudel nicht anzuecken.
Das führt allerdings oft zu irrationalem Verhalten. Menschen ordnen ihre eigenen Werte und ihr Gewissen dem Gruppenideal unter – selbst dann, wenn dies ihren Überzeugungen widerspricht, nur um nicht ausgeschlossen zu werden. Solche Muster zeigen sich immer wieder: bei Diskriminierung, Ausländerhass, Frauenfeindlichkeit, in toxischen Subkulturen, bei Gewaltbereitschaft oder auch ungesunden Lebensweisen wie übermässigem Alkoholkonsum oder Fleischkonsum. Hauptsache, man gehört dazu oder bestätigt die Moral der Gruppe.
Genauso funktioniert es auch bei unserer Behandlung von Tieren. Die meisten Menschen sind – sofern sie nicht völlig ohne Empathie sind – eigentlich gegen Tiermissbrauch. Das heisst: Auf einer inneren Ebene ist der Mensch eher vegan veranlagt, weil er nicht möchte, dass Tiere leiden.
Das Problem: Diese innere Haltung deckt sich oft nicht mit dem tatsächlichen Verhalten. Diesen Zwiespalt beschreibt die Verhaltenspsychologie als kognitive Dissonanz – die Spannung zwischen dem, was wir für richtig halten, und dem, was wir tun.
«Das heisst: Auf einer inneren Ebene ist der Mensch eher vegan veranlagt, weil er nicht möchte, dass Tiere leiden.»
Diese Dissonanz fühlt sich unangenehm an. Die meisten Menschen lösen sie jedoch nicht, indem sie ihr Verhalten ändern, sondern auf andere Weise: durch Verdrängung, Rechtfertigung oder Reaktanz – also Abwehrreaktionen und mitunter sogar Aggression gegenüber Veganern, wenn sie mit diesem Widerspruch konfrontiert werden. Die naheliegende Alternative wäre, das eigene Verhalten tatsächlich zu ändern und es mit den eigenen Werten in Einklang zu bringen – doch genau das geschieht deutlich seltener.
Haltung statt Verdrängung
Gerade aus evolutionsbiologischer Sicht ist das interessant: Menschen handeln gegen ihre eigenen Werte, solange sie nicht vegan leben, weil der soziale Druck oft stärker ist als das individuelle Gewissen. Die gute Nachricht: Genau hier setzt der Aktivismus an. Durch Aufklärung, wiederholte Konfrontation mit dem Thema und konkrete Hilfestellungen lässt sich dieser innere Konflikt auflösen – nicht durch Verdrängung, sondern durch Handlung. Und genau das bedeutet letztlich Veganismus: die eigenen Werte ernst zu nehmen und das eigene Verhalten damit in Einklang zu bringen.
Manche kritisieren, Veganismus widerspreche der Evolution oder sei «nicht natürlich». Und da sage ich: Ja, beides stimmt – aber das ist überhaupt kein Gegenargument. Wir tun in unserem modernen, zivilisierten Leben ständig Dinge, die nicht dem entsprechen, was evolutionär «natürlich» wäre – und sind zugleich dankbar dafür. Medizin, Impfungen, Operationen, sauberes Trinkwasser, beheizte Räume, Häuser, das Internet, Autos, Hygiene: All das ist im Sinne unserer evolutionären Vergangenheit nicht «natürlich». Trotzdem stellt das kaum jemand ernsthaft infrage.
Und vieles, was natürlich ist, wollen wir ganz offensichtlich nicht: Krankheit, Sepsis, Gewalt, Vergewaltigung, das Zerreissen von Lebewesen bei vollem Bewusstsein, Hungertod oder Kälte. Nur weil etwas natürlich ist, heisst das nicht, dass es gut oder erstrebenswert ist.
Die Evolution verläuft nicht zielgerichtet, sondern als Prozess aus Zufall und Selektion – im Kern geht es um Fortpflanzung, nicht um Gesundheit, Langlebigkeit oder Lebensqualität im Alter. Deshalb ergibt es wenig Sinn, unser heutiges Handeln daran auszurichten, was Menschen einst getan haben – zumal wir uns in fast allen anderen Lebensbereichen längst davon gelöst haben. Warum also sollten wir ausgerechnet bei der Behandlung von Tieren oder unserem Konsum an dieser «Natürlichkeit» festhalten?
Was uns als Menschen auszeichnet, ist nicht, dass wir «natürlich» handeln, sondern dass wir unser Handeln reflektieren können. Unsere Menschlichkeit zeigt sich genau in diesem kleinen Moment zwischen Impuls und Handlung – in der Fähigkeit zur Reflexion. Im Unterschied zu Tieren können wir bewusst entscheiden, ob wir Leid verursachen oder vermeiden. Genau das verstehe ich unter menschlichem Handeln: nicht einfach unseren Instinkten zu folgen, sondern Verantwortung zu übernehmen.
«Was uns als Menschen auszeichnet, ist nicht, dass wir «natürlich» handeln, sondern dass wir unser Handeln reflektieren können.»
Wenn wir uns dafür entscheiden, unnötiges Leid zu vermeiden, dann handeln wir nicht «gegen die Natur», sondern genau im Sinne dessen, was uns als Menschen ausmacht. Und im Alltag bedeutet das für mich ganz konkret: sich gegen den Konsum von Tierprodukten zu entscheiden und vegan zu leben.
Vorzüge des Veganismus
Der grösste Vorteil ist aus meiner Sicht erst mal ein ethischer: Wer vegan lebt, handelt nicht länger dauerhaft gegen die eigene Moral. Man hört auf, Teil eines Systems zu sein, das Gewalt verursacht – obwohl man sich selbst eigentlich als tierlieb, reflektiert und rational betrachtet. Diese beiden Dinge passen logisch nicht zusammen: Tiere als fühlende Wesen anzuerkennen – mit Persönlichkeit, Leidensfähigkeit und einem eigenen Interesse am Leben – und sie zugleich als Ware zu behandeln.
Wenn Menschen nach Vorteilen fragen, denken sie oft zuerst an die Gesundheit. Dabei gilt es zu unterscheiden: Veganismus ist keine Ernährungsweise, sondern eine ethische Grundhaltung. Die Ernährung ist nur ein Teil davon – und die kann sehr unterschiedlich aussehen. Man kann sich vegan ernähren und sich trotzdem schlecht ernähren – etwa überwiegend von stark verarbeiteten Produkten. Ebenso kann man sich sehr ausgewogen pflanzlich ernähren.
Wenn man sich an die Empfehlungen der grossen ernährungswissenschaftlichen Fachgesellschaften hält und eine gut geplante pflanzliche Ernährung mit Vitamin B12 ergänzt, kann man laut aktueller Datenlage in allen Lebensphasen ausreichend versorgt sein. Darüber hinaus zeigen sich im Durchschnitt auch Vorteile bei kardiovaskulären Erkrankungen sowie bei chronischen Volkskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht und teilweise bestimmten Krebsarten. Es gibt keinen essenziellen Nährstoff, den man zwingend aus tierischen Produkten beziehen muss. Der einzige wirklich kritische Punkt ist Vitamin B12 – und ja, das muss supplementiert werden. Das ist korrekt.
Was dabei oft vergessen geht: Auch Tieren in der industriellen Haltung wird eine Vielzahl an Nährstoffen supplementiert – darunter Vitamin B12, aber auch Vitamine wie A, D, E und K sowie Mikronährstoffe wie Jod, Selen, Zink, Calcium oder Kalium. Der Unterschied liegt nur darin, dass Veganer diese Nährstoffe direkt und kontrolliert aufnehmen – statt den Umweg über das Tier zu gehen.
Im Durchschnitt nehmen Veganer mehr Ballaststoffe und weniger gesättigte Fettsäuren zu sich. Das führt oft zu einem besseren Sättigungsgefühl und zu günstigeren kardiometabolischen Werten. Zugleich setzen sich viele Veganer intensiver mit ihrer Ernährung auseinander und treffen dadurch bewusstere Entscheidungen.
Und ganz praktisch: Geschmacklich muss man heute auf nichts verzichten: Die meisten klassischen Gerichte gibt es inzwischen auch in veganer Variante – oft mit einem besseren Nährstoffprofil. Selbst viele vegane Fertigprodukte schneiden in Studien im Schnitt besser ab als vergleichbare tierische Produkte, unter anderem wegen ihres Fettsäureprofils und weil pflanzliche Lebensmittel zusätzlich Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe liefern.
Versklavung und Ausbeutung
In meinen fünf Jahren Aktivismus habe ich kein einziges Argument gehört, das die Versklavung und systematische Ausbeutung von Tieren pauschal rechtfertigen konnte. Am Ende bleiben meist Ausflüchte – Strategien, um sich nicht verändern zu müssen, und vor allem, um die eigene Position im sozialen Gefüge nicht zu riskieren.
Es wird Zeit, dass nichtveganes Verhalten seinen moralischen Schutz verliert und Tierausbeutung nicht länger als normaler Teil unseres «Rudels» akzeptiert wird. Denn nüchtern betrachtet bedeutet Nichtveganismus: aktiv ein System zu unterstützen, das Tiere versklavt und ausbeutet – trotz besseren Wissens. Das ist definitionsgemäss weder gütig noch reflektiert, sondern ein Handeln entgegen den eigenen moralischen Massstäben.