Es gibt nichts zu tun als leben

Der Bildhauer Hans Josephsohn

Es gibt nichts zu tun als leben

Da stehen sie. Dicht an dicht. In mehreren Reihen hintereinander. Sie sehen einen an, so intensiv, als ob die Augen glühten. Es ist kühl, feucht, dunkel. Im Schatten dahinten, weitere. Hunderte vielleicht, wer kann das schon wissen. Sie stehen aufrecht, Männer wie Frauen, die Beine dicht aneinander, die Arme seitlich eng an den Körper gelegt.

Im Dunkel eines anderen Regals, aus Holz gezimmert, drängt Kopf neben Kopf. Weibliche und männliche. Junge und alte, auch kindliche. Ab und an dazwischen ein Torso. Auf dem Boden grosse, grobe Behältnisse in den Umrissen eines Menschen, draufgepinselt eine Nummer, rot und roh, Klebebänder um Kopf und Brust halten Vorder- und Rückteil zusammen. Irgendwo rauscht ein Rohr, sonst kein Laut.

So könnte die Brutstätte der Menschheit aussehen. Mit einem Demiurgen am Werk, der mal eben für ein paar Jahrtausende die Hände in den Schoss gelegt hat. Was auch immer er mit seinen Geschöpfen vorhat, sie scheinen in ihrer Selbstversunkenheit unnahbar zu sein – in Menschenform geronnene Stille.

Durch Gänge und über Treppenstufen führt der Weg nach oben in eine grosse Halle. Lichtdurchflutet. Hoch. Das umgebaute Kesselhaus der ehemaligen Färberei im St. Galler Sittertal. Hier standen einst riesige Kessel, in denen die Färber bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts Dampf erzeugten. Eine Zeitlang wurde die Industrieanlage als Lagerhalle genutzt, vor sieben Jahren schliesslich wurde ein Teil renoviert. So fanden die Skulpturen einen Ort, an dem sie im Licht, im Offenen ruhen können.

Schweigend verharren sie auch hier. Vereinzelt oder in Gruppen. Freistehend oder auf Holzsockeln. Stehende, Liegende, Halbfiguren. Das Licht verfängt sich in ihren Schrunden, umglänzt die Risse, verschattet die Mulden und Schrammen. Waren in dem Keller noch alle Figuren aus Gips, so sind hier oben viele in Bronze gegossen. Die Kunstgiesserei ist gleich nebenan.

Gips, Wasser, einige Werkzeuge aus Metall. Viel mehr braucht Hans Josephsohn nicht. Den Gips rührt er in Eimern an, streicht ihn auf Brettern flach aus. Bevor die Masse erstarrt, zerschneidet er sie zu Platten, ungefähr buchgross, grad wie er es braucht, immer wieder neuerstellter Bauvorrat. Eine um die andere dieser Platten kleistert er mit feuchtem Gips zusammen. Flach übereinander, hochkant aufeinander, schräg und quer, wie es kommt. Ein Torso entsteht, ein Kopf, noch sind die Umrisse grob. Er traktiert, was zuviel ist, mit Hammer oder Beil. Wo etwas fehlt, da verklatscht und verklumpt er mit dem Spachtel frischen Gips, verklebt und verpappt er abgeschlagenes Material, Bruchstücke. Die Figur wächst unter seinen Händen, wird schwer, erhält Masse, erhält Kontur. Nase, Brust, Hüfte, Nabel, Haar, Schulter, Knie.

Hans Josephsohn lebt seit über 70 Jahren in Zürich. Es war eher ein Stranden, als dass er sich für die Stadt entschieden hätte. Geboren wurde er 1920 in Königsberg, im damaligen Ostpreussen; sein Vater handelte mit Därmen. In einem Bürgerhaus an der Hauptbrücke, direkt am Fluss, wuchs er zusammen mit einem Bruder auf, anfangs hatte die jüdische Familie noch Köchin und Dienstmädchen. Dann, nach der Machtergreifung Hitlers, wurde ihr Leben immer schwerer. Zuletzt wohnten sie zu viert in einem Zimmer, der Vater verlor das Geschäft, dem Sohn war der Besuch der Kunstakademie verboten. So verliess Hans Josephsohn 17jährig seine Heimatstadt, die Matura hatte er knapp noch abschliessen können. Reiste über Berlin, Basel, Domodossola und Mailand nach Florenz, wo der Besuch der Kunstakademie nichts kosten sollte. Las Trackl und George, bewunderte Michelangelo und Maillol. Als 1938 auch im faschistischen Italien antisemitische Rassengesetze in Kraft traten, kehrte er nach einem Besuch in der Schweiz nicht mehr nach Italien zurück. Er kam nach Zürich, es folgten Flüchtlingslager und Internierung. Zurück in seine Heimatstadt ging er nie mehr. Die letzte Postkarte seiner Eltern erhielt er 1942.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»