Steinzeitgehirne

Wir denken falsch. Systematisch falsch. Wir sind eigentlich Jäger und Sammler in Hugo-Boss-Anzügen, sagt Rolf Dobelli. Und wollen es uns partout nicht eingestehen. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Unternehmer über falsche neuronale Verdrahtungen, die Nachteile der Monogamie und männliches Statusverhalten.

Steinzeitgehirne

Herr Dobelli, ich beginne mit einem Zitat.

Schiessen Sie los.

 

«Der Mensch lernt, insofern er sein Tun und Lassen zu dem in die Entsprechung bringt, was ihm jeweils an Wesenhaftem zugesprochen wird. Das Denken lernen wir, indem wir auf das achten, was es zu bedenken gibt.» Von wem stammt dieser Passus?

Schwierig. Und vor allem: ziemlich umständlich und unverständlich geschrieben. Verraten Sie es mir!

 

Vom Philosophen Martin Heidegger.

Das ist ein Beispiel für die Plaudertendenz vieler Philosophen. Echte intellektuelle Arbeit besteht demgegenüber in zweierlei: erst einmal klar zu denken und dann das Gedachte klar auszudrücken. Wer nicht klar denkt, schreibt auch nicht klar. Viele Philosophen füllen bloss Seiten, postmoderne wie Derrida, moderne wie Heidegger. Das ist für die Leser frustrierend. Und bringt sie absolut nicht weiter.

 

Sie sagen also: die machen es sich zu leicht? 

Viel zu leicht. Jürgen Habermas ist der schlimmste der noch lebenden deutschen Philosophen. Strafbar unklar, was der zu Papier gebracht hat.  

 

Das wäre eine abendfüllende Diskussion – Heidegger und Derrida finde ich trotz allem sorgfältig argumentierende Philosophen. Was Sie stört, ist der arrogante Gestus, die Blasiertheit der Sprache.

Wir leben in einem Universum, das wir zu begreifen versuchen. Einiges können wir ausdrücken, benennen, definieren, für anderes fehlen uns die Begriffe, Formeln, Theorien. Das ist erst einmal eine nüchterne Bestandsaufnahme. Philosophen glauben jedoch von Berufes wegen, zu allem etwas sagen zu müssen. Wenn sie es nicht können, sollten sie es lieber lassen, das Feld räumen und das Opake stattdessen der Kunst und anderen Darstellungsformen überlassen.

 

Also klassisch-wittgensteinisch: «Wovon man nicht sprechen kann, dar-über muss man schweigen.» Wie aber gelangt man zu klarem Denken? 

Ganz einfach: über das Ausschalten von Fehlern. Via Negativa. Es gibt keinen positiven Weg, auch wenn viele Philosophen, wohl aus Bequemlichkeit, an dieser Illusion festhalten. Es geht nur über die Subtraktion, indem wir die Fehler tilgen, die wir immer wieder machen. Denken ist ein Reinigungsprozess.

 

Der wahre Denker ist also ein bescheidener Mensch, der um der Erkenntnis willen auf viel intellektuellen Ballast verzichtet.

Ein Stoiker. Indem wir uns gegenüber äusseren Einflüssen abschirmen, kommen wir erst in eine fokussierte Denkhaltung. Eine mühsame Arbeit. Aber sie lohnt sich.

 

Was treibt Sie dabei an? Neugierde? Wahrheitstrieb?

Ich habe den Wunsch, die Dinge wirklich zu verstehen.

 

Wie trainieren Sie Ihren Geist?

Mit Fokussierung und Lektüre. Was zählt, ist auch hier die Selek-tion: Bücher aus der Biologie, Hirnforschung, Quantentheorie, Geschichte. Ich setze mich jede freie Minute hin und lese, um das Wissen zu erweitern, manchmal ganze Wochenenden. Ich fühle mich wie ein ewiger Student des Lebens. Und ich diskutiere mit Menschen, die in ihrem Wissensgebiet führend sind. Das hat auch zur Gründung von ZURICH.MINDS geführt.

 

Ehrenrettung der Philosophie: haben Sie beim Begriffspaar «klares Denken» wenigstens an Descartes gedacht, an seine «idées claires et distinctes»?

Ich bin nicht bei der Philosophie fündig geworden, sondern bei der Psychologie. Konkret: bei der Kognitions- und Sozialpsychologie. Das Ergebnis: wir denken systematisch falsch. Das Wort «systematisch» ist wichtig. Wir denken nicht einfach nur falsch, sondern immer in die gleiche Richtung falsch. Deshalb können wir etwas dagegen unternehmen. Beispiel Verlustaversion: die Angst vor einem Verlust ist stets grösser als die Hoffnung auf einen Gewinn. Kennt man genug dieser Denkfehler, die alle Menschen charakterisieren, so kann man gegen sie bzw. auf sie spekulieren, das Wissen fruchtbar machen. Übrigens eine beliebte Beschäftigung vieler Hedgefonds.

 

Fehlverschaltungen als Geschäftsmodell. Welche Industrien profitieren davon am meisten?

Eigentlich fast alle. Die Unterhaltungsindustrie, zum Teil die Finanzindustrie, aber auch die Werbung. Beispiel: Coca-Cola ist ein völlig sinnloses Getränk. Ich mag es zwischendurch, aber an sich ist es…