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Auslaufmodell Homo sapiens?
Bild: Pexels/Cottonbro Studio.

Auslaufmodell Homo sapiens?

​Der Transhumanismus will nicht nur die vermeintlichen Schwächen des Menschen ausmerzen. Seine Ideologie zielt auf nichts Geringeres als die Abschaffung des Menschen – und des freien Willens.

Die Grundannahme der Transhumanisten, der Mensch sei ein unvollendetes und biologisch unzulängliches Wesen, ist keineswegs neu. Bereits der deutsche Nationalsozialismus und der Sowjetkommunismus entwarfen die Vision eines «neuen Menschen».

In Nazideutschland war dieses Menschenbild rassistisch geprägt. Der «neue Mensch» sollte gesund, kräftig, stark, möglichst blond und «arisch» sein. Der Einzelne hatte sich der «reinrassigen Volksgemeinschaft» unterzuordnen. Beim neuen Menschen sowjetischer Prägung ging es nicht um Rasse, sondern Klasse. Alle nationalen, ethnischen und kulturellen Grenzen sollten überwunden und durch eine internationale klassenlose Gemeinschaft ersetzt werden.

Was den Nationalsozialismus und Kommunismus verbindet, ist die Weigerung, den Menschen so anzunehmen, wie er ist – im Guten wie im Schlechten. Beide Ideologien gingen davon aus, dass sich ein «Himmel auf Erden» erst dann verwirklichen lasse, wenn der Mensch konsequent genug geformt, diszipliniert und optimiert werde.

Nun könnte man meinen, solche Vorstellungen seien längst passé, entsorgt im Giftschrank der Geschichte. Doch die Idee, eine bessere Menschheit zu erschaffen, kehrt heute im Gewand des Transhumanismus zurück.

Michael Hauskeller, Professor für Philosophie an der Universität Liverpool, beschreibt den Transhumanismus als philosophisch-kulturelle Bewegung, deren Ziel darin bestehe, die «Conditio humana» hinter sich zu lassen, um etwas zu erschaffen, das «besser als nur menschlich» sei. Zu den einflussreichsten Vordenkern des Transhumanismus zählen der weltbekannte Historiker Yuval Noah Harari sowie Ray Kurzweil, Director of Engineering bei Google.

In ihren Büchern, Vorträgen und öffentlichen Auftritten vermitteln sie den Eindruck, das Zeitalter des Transhumanismus sei naturgegeben und letztlich alternativlos. Der Mensch erscheint in diesem Denken nur noch als Übergangsmodell. Gehirn und Körper gelten in ihrer heutigen Form als «gebrechlich und fehleranfällig» – und damit langfristig als nicht zukunftstauglich.

Versuchung der Technokraten

Die Transhumanisten zweifeln grundsätzlich daran, dass der Mensch über einen freien Willen verfüge. Harari geht davon aus, dass das menschliche Gehirn mit den Erkenntnissen der Biologie, genügend Rechenleistung und ausreichend Daten «hackbar»werde. Der freie Wille existiere demnach lediglich in imaginären Geschichten, die sich Menschen selbst erschaffen hätten. Begriffe wie «Freiheit» oder «Seele» seien letztlich leere Konstrukte ohne objektiv erkennbare Bedeutung.

Folgerichtig vertreten viele Transhumanisten die Auffassung, dass Liberalismus und Demokratie früher oder später obsolet würden. Ansätze dieser Denkweise finden sich auch in der westlichen Classe politique wieder. So publizierte das deutsche Umweltministerium 2017 die sogenannte «Smart City Charta», in der die Vorstellung auftaucht, künstliche Intelligenz könne künftig politische Entscheidungsprozesse und demokratische Wahlen ablösen.

 

«Viele Transhumanisten die Auffassung, dass
Liberalismus und Demokratie früher oder später
obsolet würden. Ansätze dieser Denkweise
finden sich auch in der westlichen Classe
politique wieder»

 

Wer glaubt, der Transhumanismus sei lediglich eine Nischenphilosophie, irrt. Inzwischen stösst er in vielen westlichen Regierungen und Teilen des Establishments auf fruchtbaren Boden. Harari hat Regierungschefs wie Barack Obama, Angela Merkel und Sebastian Kurz beraten und tritt regelmässig als «Agenda Contributor» beim World EconomicForum auf.

Dass es Milliardäre gibt, die einem Machbarkeitswahn verfallen und Gott spielen möchten, lässt sich kaum verhindern oder verbieten. Entscheidend ist jedoch, dass wir die Vision des Transhumanismus nicht zur Staatsräson werden lassen. Bürger, die sich weigern, entsprechende Technologien oder Gadgets zu übernehmen, dürfen nicht ihrer Grundrechte beraubt werden. Der Corona-Ausnahmezustand liefert dafür ein warnendes Beispiel. Wer sich nicht impfen liess, war vielerorts vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Gestern war es das Zertifikat, und wenn wir nicht achtsam sind, dann ist es morgen der Mikrochip.

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