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Auch bei Kindern im Schlamm heilt sich die Haut selbst. Bild: iStock.

Mehr Natur, weniger Selbstoptimierung

Unser Körper ist ein hochentwickeltes System und das Ergebnis von Millionen Jahren Anpassung. Wer richtig auf ihn hört, lebt besser.

Heute kann unser Körper keinen Schritt tun, den wir nicht überwachen, messen und einordnen. Zeigte früher die Zahnprothese im Wasserglas an, dass man in die Jahre kam, können wir heute Tabellen über unsere Biomarker anlegen. Die Selbstvermessung ist so perfekt, dass jeder Geheimdienst vor Neid erblasst.

Wie kommt es, dass wir unserem Körper, also uns selbst, so wenig vertrauen? Buchstäblich jeden Tag werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse bekannt, durch die wir unseren Organismus immer noch besser kennenlernen – und dabei gefühlt immer weniger verstehen. Das liegt auch daran, dass Kosmetik- und Lebensmittelindustrie mitmischen und sich dadurch unser natürliches Verhältnis zum eigenen Körper entfremdet − weg von Körpervertrauen und Intuition, hin zu permanenter Optimierung, Kontrolle und Konsum.

Die Natur macht’s vor

Unsere Haut ist evolutionär, ein selbstschützendes und selbstheilendes Organ. Und doch macht uns eine Milliardenindustrie und ein gigantisches Heer von Influencern täglich ein schlechtes Gewissen, wie sehr wir dieses Organ vernachlässigen und was wir alles versäumen, wenn wir nicht umgehend die Creme X mit dem Tiefenwirkstoff Y erwerben, der unsere Falten binnen zweier Wochen spurlos verschwinden lässt oder verhindert, dass sie überhaupt entstehen. Skin-Longevity ergänzt Healthy Longevity (gesunde Langlebigkeit).

In Wirklichkeit entwickeln wir ab Geburt aus uns selbst heraus ein gesundes, florierendes Hautmikrobiom, sozusagen Türsteherbakterien, also «liebe» Bakterien, die auf unserer Haut gut aufpassen, was rein- und rauskommt. Jede Haut hat ihre Kompetenz und Intelligenz, sie produziert Fette und Proteine, hält Feuchtigkeit, reguliert ihren pH-Wert und verteidigt sich gegen Keime. Ein fein abgestimmtes System. Es hüllt uns in einen Säureschutzmantel mit einem sauren pH-Wert von etwa 5, den wir von aussen gar nicht weiter hätscheln müssen. Im Gegenteil: Inzwischen wissen wir, dass jeden Tag Duschen mit Abseifen, Double-Cleanse und übermässiges Cremen im Mehrschichtverfahren nach sogenannten Skincare-Routinen die natürliche Hautschutzbarriere schwach und löcherig machen oder sogar wegwaschen. Hier besteht schon mal kein Bedarf an alkalischen Seifen, stark entfettenden Substanzen, Duftstoffen, Desinfektionsmitteln, Antiseptika, Farbstoffen oder Konservierungsmitteln.

Während Falten keinesfalls binnen zweier Wochen durch Cremes und Seren verschwinden (und auch später nicht), reichen im Gegenzug rund vier Wochen ungestörter Haut, um die natürliche Schutzschicht der Haut aus Feuchtigkeit und Hautfetten und den Säureschutzmantel wieder fit und fesch zu machen. Andernfalls ärgern wir unser Mikrobiom, reduzieren die Schutzfette und damit die natürlicherweise eingeschlossene Feuchtigkeit permanent, stören den pH-Wert und hadern prompt mit Reizungen, Spannungsgefühl, Hauttrockenheit, Ekzemen oder Akne. Für die Haut reicht meist: grosse Flächen nur mit Wasser reinigen und schwitzige Körperfalten und Hände mit einem milden, parfum- und seifenfreien Reinigungsprodukt (hautnaher pH, z.B. auf Zucker- oder Kokosbasis). Cremen nur bei Trockenheit – idealerweise mit hautähnlichen Fetten, die die natürliche Hautschutzbarriere nachahmen und stärken, oder kaltgepresster, unraffinierter Shea-Butter. Das stärkt die Hautbarriere, wirkt rückfettend und beruhigend. Weniger ist mehr.

Unser Körper ist kein vernachlässigtes Zufallsprodukt, sondern ein hochentwickeltes System, das Ergebnis von Millionen Jahren Anpassung: Jede Zelle, jedes Organ, jedes Regulationssystem ist darauf ausgelegt, in einer bestimmten Umwelt zu funktionieren.

Ernährung als Wurzel von Zivilisationskrankheiten

Auch unser Magen hat drei Herkulesaufgaben zu bewältigen: Er sondert Verdauungsstoffe ab, er bewegt, mischt, zerkleinert und vermengt die Nahrung und fabriziert gleichzeitig Hormone zur Selbstregulation. Ausserdem stellt er in Eigenproduktion Schleim her, um den ganzen Betrieb gegen Übergriffe der 0,3-prozentigen Salzsäure zu schützen, davor, dass sich der Magen wegen dieser Säure quasi selbst verdaut. Die Verdauungssubstanzen werden in jeweils spezialisierten Zellen hergestellt: Salzsäure, mit einem pH-Wert von 1,5 (!) fast so ätzend wie Batteriesäure, desinfiziert den Mageninhalt, um uns vor Magen-Darm-Infekten zu schützen und Eiweisse, etwa von rohem Fleisch, zu zersetzen.

Weiter geht es in den Darm. Hier tauchen wir ein in einen ganzen Kosmos von Bakterien aus Tausenden unterschiedlicher Arten. Ihre Vielfalt hat einen klaren Vorteil: Im Regelfall sind diese Mikroorganismen gesundheitsfördernd. Sie geben noch unverdauten Nahrungsresten den nötigen Rest, schützen uns gegen Toxine und andere störende Fremdstoffe und regeln unseren Stoffwechsel. Hier werden auch die Verdauungsenzyme bei Laune gehalten, um dem vom Magen kommenden Speisebrei möglichst alle greifbaren Nährstoffe zu entziehen. Die sesshaften Darm-Bewohner bilden Fettsäuren, um die Darmzellen zu schützen, und produzieren Botenstoffe und Vitamine (B1, B2, B6, B12, K2). Sie kennen sich auch mit der Abwehr unerwünschter Darmbakterien aus.

Ähnliche Berichte liessen sich auch aus den übrigen Organen unseres Körpers abrufen, egal ob Leber, Niere, Herz oder Schilddrüse. Er ist ein komplexes und hocheffektives Unternehmen, das – im gesündesten Fall – weder einen Unternehmensberater noch andere Regularien von aussen benötigt.

Inzwischen machen wir uns keine Illusionen mehr darüber, dass unsere sogenannte moderne Ernährung uns nicht guttut: Sie sättigt vielleicht schnell, aber nicht nachhaltig; sie liefert – teils üppig – Kalorien, macht unserem Stoffwechsel aber kein Vergnügen. Aus der Kühlvitrine lacht uns Convenience-Food an (nur noch in die Mikrowelle oder in die Backröhre!). Wer den Blick vom appetitanregenden Foto auf die Zutatenliste lenkt, wird meist feststellen, dass diese Lebensmittel hochverarbeitet, energiedicht und ballaststoffarm sind. Meist enthalten sie zu viel – oft raffiniert versteckten – Zucker, zu viel Salz und viele schnelle Kohlenhydrate sowie die ungesunden Arten von Fett.

Viele der heutigen Zivilisationskrankheiten sind Folgen unbedachter Ernährung: Insulinspitzen, chronische Entzündungen, Übergewicht, Herzkreislauferkrankungen, manche Krebsarten oder eine eingeschnappte Darmflora. Und auch die Haut nimmt es übel: Akne, Rosazea, vorzeitige Hautalterung – hier geht es oft darum, was bei uns auf den Teller kommt. Haut und Darm korrespondieren sehr eng miteinander: Was den einen ärgert, macht auch dem anderen schlechte Laune.

Saisonal und regional

Natürlich gibt es Gegenbewegungen. Die Paleodiät, auch Steinzeiternährung genannt, schliesst Nahrungsmittel aus, die den Altvorderen erst seit der Entwicklung der Landwirtschaft zur Verfügung stehen, also seit einer Kleinigkeit von 10 000 Jahren. Die Hauptsäulen der Diät sind Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, Obst und Gemüse sowie Nüsse und Samen. Kritiker bemängeln, dass in vielen Paleovarianten der hohe Konsum tierischer Produkte das Risiko für Gicht und Arteriosklerose erhöhen könne. Ein hoher Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch wird zudem mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes und Darmkrebs in Verbindung gebracht; ausserdem ist die Fleischmassenproduktion wegen der damit verbundenen Umweltbelastung zunehmend in die Kritik geraten. Aber wir müssen ja nicht 10 000 Jahre in die Vergangenheit zurückgehen, sondern können auf wissenschaftlichen Fortschritt setzen, auf medizinische Erkenntnisse und eine bessere Hygiene.

Es klingt vielleicht spassbremsig, aber ein alltagstaugliches Mass an Natürlichkeit erreichen wir schon durch die Orientierung an regionaler und saisonaler Ernährung – mit Ballaststoffen (30 Gramm am Tag mindestens) statt leeren Kalorien, mit Bitterstoffen anstelle von permanent penetranter Süsse. Ballaststoffe liefern Pflanzen, besonders gut sind Gemüse, besonders Wurzelgemüse und bittere Salate, ausserdem Hülsenfrüchte, Haferkleie, Beeren, Nüsse, Samen und Vollkornprodukte. Mit einem Esslöffel Akazienfasern können Sie besonders tricksen. Sie liefern nämlich pro Esslöffel etwa 5 Gramm Ballaststoffe – und schon 5 Gramm mehr Ballaststoffe pro Tag können statistisch gesehen die Gesamtsterblichkeit um 14 Prozent reduzieren.

«Es klingt vielleicht spassbremsig, aber ein alltagstaugliches Mass an Natürlichkeit erreichen wir schon durch die Orientierung an regionaler und saisonaler Ernährung.»

Wir könnten uns auf jeden Fall mit einer bunten Vielfalt an pflanzlichen Lebensmitteln belohnen (Kaffee gehört dazu, juhu!). Aktuelle Studien zeigen: Rund 30 verschiedene Pflanzen pro Woche fördern ein vielfältiges, widerstandsfähiges Mikrobiom. Damit geben wir unserem Körper wieder mehr von dem, worauf er evolutionär eingestellt ist – und entwickeln mit der Zeit auch selbst wieder Appetit darauf. Denn Genuss lernt man neu: Wenn die Sinne wieder feiner werden, schmecken echte Aromen, natürliche Süsse und frischer Crunch plötzlich viel intensiver – und das gute Körpergefühl danach macht Lust auf mehr.

Mit der Evolution lässt sich nicht verhandeln. Profitieren wir stattdessen von ihren Vorteilen und gehen ein bisschen mehr zurück zur Natur und damit zu uns selbst!

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