Sternegucker sind keine Himmelsstürmer

Ich sitze im Flieger von Los Angeles nach New York und habe gerade eine anstrengende Pressekonferenz hinter mir. Zwei Sitze weiter liest ein junger Mann ein Buch: «Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht». Der Autor ist Malcolm Gladwell. Tonnenweise Bücher wurden geschrieben über das, was Menschen angeblich erfolgreich macht, darunter viele […]

Sternegucker sind keine  Himmelsstürmer
Ich sitze im Flieger von Los Angeles nach New York und habe gerade eine anstrengende Pressekonferenz hinter mir. Zwei Sitze weiter liest ein junger Mann ein Buch: «Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht». Der Autor ist Malcolm Gladwell. Tonnenweise Bücher wurden geschrieben über das, was Menschen angeblich erfolgreich macht, darunter viele Bestseller. Vor allem im Heimatland des pursuit of happiness, des «Strebens nach Glück», den USA, erfreut sich das Thema enormer Beliebtheit. Auf dem alten Kontinent, wo Ehrgeiz zu einer Auswanderermentalität geworden ist, steht der Erfolgreiche hingegen unter Rechtfertigungsdruck: hier werden Erfolgsratgeber weiterhin mehrheitlich übersetzt statt selbst verfasst. So kam auch ich zu Gladwells Buch. Ich habe es importiert – und verschlungen.

Die wichtigsten Punkte, die die vielen verschiedenen «Erfolgs»-Autoren gemeinsam propagieren, lassen sich so zusammenfassen: um erfolgreich zu sein, musst du hart arbeiten, eine Gewinnerattitüde haben und allzeit bereit sein. Und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, versteht sich, also dort, wo das Glück gerade zuschlägt. Gladwell fügt in seinem «Überflieger»-Bestseller den vorgenannten erforderlichen Qualitäten einen weiteren Faktor hinzu. Er behauptet, Erfolg sei massgeblich abhängig vom Zufall. Dieser gehe den anderen Qualitäten sogar voraus: es ist reiner Zufall, welches Geschlecht wir haben, in welche Gesellschaft wir geboren, wie wir erzogen werden und welche Gegebenheiten sich uns bieten. Überspitzt gesagt, könnte seine Botschaft auch so verstanden werden: lehn dich zurück, entspann dich, schliesslich sind wir alle Kinder des Schicksals – egal wie sehr wir versuchen, die Spitze zu erreichen. Wir können die gegebenen Faktoren, die sich unserer Kontrolle entziehen, nicht ändern. Unser eigener Spielraum ist extrem begrenzt.

Solch fatalistischen Interpretationen darf widersprochen werden! Das Glück ist keine blinde Dame, die irgendwann ungefragt an deine Tür klopft. Das zentrale Kriterium für persönlichen Erfolg ist Durchhaltevermögen. Denn alles, was eine Ursache hat, hat auch eine Wirkung. Ich sehe es wie ein Rad, das zu rollen beginnt: je mehr Energie man zuführt, desto schneller rollt es. Der schwierige Teil besteht also bloss darin, den ersten Impuls zur Fortbewegung zu geben. Bedeutet: herauszufinden, was wir im Innersten wirklich wollen und uns antreibt. Je mehr Impulse wir aussenden, je mehr wir also das Rad antreiben, desto mehr Möglichkeiten schaffen wir uns auch. Und das Schöne dabei: dies gilt für die schlechte Ausgangslage wie für die gute. Grant Cardone, ein anderer Erfolgsprophet, sieht das ähnlich. In seinem Buch «The 10x Rule: The Only Difference Between Success and Failure» legt er dar, wie die eigene Mobilisierung es einem ermöglicht, die Chance des Erreichens eigener Ziele um Faktor zehn zu erhöhen. Zusammengefasst besteht der Trick darin, das Unmögliche zu wollen, es zu wagen, nach den Sternen zu schiessen – wer diese verfehlt, trifft mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest nämlich den Mond. Wer sich hingegen damit begnügt, bloss den Sternenhimmel anzuschauen, trifft gar nichts. Das ist sein gutes Recht. Nur gibt es viele Fälle, in denen die Himmelgucker unzufrieden oder gar lethargisch werden.

Ich bin überzeugt: enthusiastische Optimisten kommen weiter. Schauen Sie sich einmal um! Wie viele Leute in Ihrem Umfeld bewundern den Erfolg anderer und lesen Bücher, um herauszufinden, wie sie selbst ähnlich erfolgreich sein können? Ich glaube, die wenigsten brauchen tatsächlich den importierten Bestseller, wenn sie drei einfache Regeln befolgen: in sich selbst schauen, die eigenen Überzeugungen ausfindig machen und dann deren schlimmstem Feind einen trotzig-herausfordernden Blick zuwerfen: dem eigenen trägen Ego.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»