«Unsere Intelligenz ist 
in jeder Hinsicht suboptimal»
Dileep George, fotografiert von Philpp Baer.

«Unsere Intelligenz ist 
in jeder Hinsicht suboptimal»

Keine Science-Fiction mehr: Was fehlt noch, um die menschliche Intelligenz künstlich zu rekonstruieren? Ein Pionier der Vereinigung von Neurowissenschaft und maschineller Intelligenz berichtet.

Herr George, wie würden Sie einem zehnjährigen Kind erklären, was künstliche Intelligenz ist?
Zehnjährige wissen das meistens schon recht genau. Mein Sohn ist acht Jahre alt und erklärt mir, was KI ist (lacht). Kinder wachsen heute mit Computern auf und gehen spielerisch mit Robotern um. Sie erkennen auch, dass diese noch nicht wirklich intelligent sind.

Kinder gehen also intuitiv an KI heran?
Ja, besonders die, die in den letzten zehn Jahren geboren wurden. Sie wachsen mit diesen Ideen auf, schauen sich Videos auf YouTube an, reden vielleicht mit Siri oder Alexa. Bevor mein Sohn zur Schule geht, fragt er Alexa nach dem Wetter, damit er weiss, ob er eine Jacke mitnehmen soll.

Gibt es für Ihren Sohn Beschränkungen, was die Nutzung moderner Technologie angeht?
Alles in Massen. Wenn er sich drei Stunden lang mit Alexa unterhalten würde, würde ich mir natürlich Sorgen machen. Aber wenn er ihr ein paar Fragen stellt, ist das kein Problem.

Und wie erklären Sie einem Erwachsenen künstliche Intelligenz?
Hardware und Mechanik funktionieren heute recht gut: Es gibt Roboterarme, die sich schneller bewegen als Menschen und Manöver ausführen, die diesen nicht gelingen. Aber es geht darum, etwas zu bauen, das so intelligent ist wie wir Menschen. Was wir nicht haben, ist die Software, die als Gehirn für diese mechanischen Bauteile fungiert. Diese Gehirne zu entwickeln, darum geht es bei KI.

Heutige KI, sagen Sie, ähnelt stark dem evolutionär gesehen ältesten Teil unseres Gehirns, dem Stamm- oder «Reptilienhirn». Können wir also die Gehirnkapazität beispielsweise eines Alligators nachbilden?
Nein, leider bei weitem noch nicht. Wenn man genügend Ressourcen einsetzen würde, könnte man vermutlich etwas bauen, das einen Alligator übertrifft. Doch vergessen wir nicht: Lebende Alligatoren sind sehr robust und durchaus smart, was Fortbewegung, Wahrnehmung und Umweltreaktionen anbelangt. Es liegt daran, dass sich ihre Körper und Gehirne evolutionär entwickelt haben. Schaut man sich die Geschichte der Evolution an, hat sich in den letzten 300 Millionen Jahren eine grosse Vielfalt an Lebewesen entwickelt: sehr simple Organismen, Dinosaurier, Reptilien, geflügelte Tiere. Sie alle waren in ihrer biologischen Nische erfolgreich. Darüber hinaus hat es die Evolution geschafft, all diese unterschiedlichen Designs als Sonderanfertigungen hervorzubringen. Ein Frosch etwa hat einen Fliegendetektor auf seiner Retina und ist darauf spezialisiert, Fliegen zu fangen. Ein Alligator dagegen wird nie gut darin sein, Fliegen zu fangen. Er überlebt aber im Sumpfland, sogar in Salzwassersümpfen.

Und wir Säugetiere?
Säugetiere sind ganz anders als diese Old Brain Animals. Die Evolution hat nämlich auch generische Strukturen geschaffen, die besonders gut darin sind, Neues zu lernen. Den Sitz der Intelligenz bei Menschen nennt man wortwörtlich neues Gehirn: Neocortex. Alle bereits existierenden erfolgreichen KI-Algorithmen sind so strukturiert, wie die Evolution diese Old Brain Animals geschaffen hat. Evolution ist ein generischer Algorithmus, der massgeschneiderte Lösungen für jedes Problem schafft. Bei menschlicher Intelligenz aber geht es immer um Universalisierung. Um menschenähnliche Intelligenz zu kreieren, müssen wir – anstatt weiterhin massgeschneiderte Maschinen zu bauen – verstehen, was an dieser Architektur das Besondere ist.

Sie versuchen also, dasselbe zu tun wie die Natur. Weil die Evolution so intelligent vorgegangen ist?
Nein, unsere Intelligenz ist in jeder Hinsicht suboptimal. Sie ist aber das einzige funktionierende Modell, das wir besitzen. Es gibt keinen anderen Weg, Intelligenz zu definieren, als sich an Menschen zu orientieren. Haben wir menschenähnliche Denkvorgänge aber erst einmal erreicht, werden wir diese Schwelle überwinden und etwas schaffen, das intelligenter ist als der Mensch. Denn Maschinen müssen nicht schlafen, können viele Prozesse parallel verarbeiten und mühelos die Gehirnkapazitäten mehrerer Menschen in sich vereinen. Während unsere Hirne fest im Schädel verankert sind, könnten Maschinengehirne ohne Probleme Daten…