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Monika Friedli-Walser, zvg.

Vertrauen ist keine Belohnung, sondern Voraussetzung für Leistung

Viele Chefs sprechen von Vertrauen, wollen aber alles kontrollieren. Sie vergessen, dass Angestellte mehr sind als Rädchen in einer Maschine: Sie brauchen Freiräume – dann übernehmen sie auch Verantwortung.

 

Ich habe lange geglaubt, Vertrauen sei etwas, das man sich verdienen müsse. Leistung zuerst, Vertrauen danach. Heute weiss ich: Es ist genau umgekehrt. Auch entwickelt sich Vertrauen über die Zeit. Ist das Vertrauen einmal gebrochen, ist es nur schwer wieder herzustellen.

Vertrauen ist kein Soft Skill, sondern eine Führungsentscheidung. Und diese beginnt beim Chef oder bei der Chefin. In meiner Laufbahn habe ich beide Extreme erlebt: Führung, die alles kontrolliert, alles absichert, alles wissen will – und Führung, die Verantwortung übergibt, ohne sich aus der Verantwortung zu stehlen. Der Unterschied in Wirkung, Motivation und Ergebnis ist enorm. Mitarbeitende spüren sehr genau, ob Vertrauen echt ist oder nur behauptet wird. Man kann Vertrauen nicht predigen und gleichzeitig jede Entscheidung dreimal absegnen wollen. Kontrolle frisst Vertrauen – immer.

Gerade in anspruchsvollen Phasen – bei Wachstum, Restrukturierung oder Turnaround – ist die Versuchung gross, enger zu führen. Mehr Reports, mehr Meetings, mehr Eskalationen. Aus Angst, etwas zu verlieren, verlieren Führungskräfte oft genau das, was sie bräuchten: Mitdenken, Eigenverantwortung und Loyalität.

«Gerade in anspruchsvollen Phasen – bei Wachstum, Restrukturierung oder Turnaround – ist die Versuchung gross, enger zu führen.»

Vom Untergebenen zum Partner

In den Anfangszeiten der Industrialisierung waren strenge Hierarchien notwendig, damit grosse Unternehmen effizient und erfolgreich sein konnten. In der modernen Wirtschaft sind Angestellte aber zunehmend mehr als nur kleine Rädchen in einer grossen Maschine. Um Mehrwert für Unternehmen zu generieren, brauchen sie Freiräume – und somit Vertrauen seitens ihrer Vorgesetzten.

Auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten heisst nicht, Hierarchien abzuschaffen. Es heisst, sie richtig zu nutzen. Führung bleibt immer bestehen, fordert jedoch eine andere Haltung. Menschen arbeiten anders, wenn sie sich nicht als Ausführende fühlen, sondern als Mitverantwortliche. Wenn sie nicht nur gefragt werden, was sie tun, sondern wie sie denken und handeln. Wenn ihre Erfahrung zählt – auch dann, wenn sie unbequem ist.

Partnerschaft entsteht nicht durch Harmonie, sondern durch Ernsthaftigkeit. Durch das Zulassen von Widerspruch, durch das Aushalten von Diskussionen und durch die Bereitschaft, Entscheidungen zu erklären – auch wenn sie nicht populär sind. Vertrauen zeigt sich nicht in ruhigen Zeiten. Vertrauen zeigt sich dann, wenn es knirscht.

Vertrauen braucht Klarheit

Ein verbreiteter Irrtum besteht in der Ansicht, dass Vertrauen Nachsichtigkeit bedeute – das Gegenteil ist richtig. Vertrauen braucht Klarheit, klare Erwartungen, klare Verantwortlichkeiten, klare Konsequenzen. Ich vertraue jemandem nicht deshalb, weil er alles richtig macht. Ich vertraue jemandem, weil ich weiss, wofür er steht – und wie er handelt, wenn es schwierig wird.

Mitarbeitende vertrauen umgekehrt Führungskräften nicht deshalb, weil diese unfehlbar sind, sondern weil sie berechenbar sind, weil Worte und Taten übereinstimmen, weil Fehler angesprochen werden dürfen – ohne Gesichtsverlust.

Vertrauen ist kein grosses Konzept. Es entsteht im Alltag aus kleinen, sich wiederholenden Handlungen. Über die Jahre habe ich mir dafür ein einfaches, aber wirksames Rezept zurechtgelegt:

  1. Verantwortung wirklich übergeben: Wer Verantwortung delegiert, darf sie nicht im gleichen Atemzug wieder zurückholen. Nichts untergräbt Vertrauen schneller als scheinbare Autonomie.
  2. Informationen teilen – auch die unbequemen: Mitarbeitende können nur Verantwortung übernehmen, wenn sie das ganze Bild kennen. Transparenz ist kein Risiko, sondern eine Investition.
  3. Fehler besprechen: Nicht der Fehler zerstört Vertrauen, sondern das Schweigen darüber. Lernen entsteht dort, wo Offenheit möglich ist.
  4. Entscheidungen erklären: Nicht jede Entscheidung ist verhandelbar. Aber jede Entscheidung verdient eine Erklärung.
  5. Präsenz zeigen ohne Mikromanagement: Erreichbar sein, zuhören, Interesse zeigen – ohne ständig einzugreifen.
  6. Vertrauen vor Leistung setzen: Vertrauen ist keine Belohnung. Es ist die Voraussetzung dafür, dass Leistung entsteht.

«Vertrauen ist kein grosses Konzept. Es entsteht im Alltag aus kleinen, sich wiederholenden Handlungen.»

Vertrauen ist kein individueller Führungsstil, es ist eine kulturelle Entscheidung. Organisationen, die Vertrauen systematisch fördern, sind schneller, resilienter und innovativer. Sie ziehen Menschen an, die Verantwortung übernehmen wollen – und die bleiben.

Trumpf im Kampf um gute Mitarbeiter

In Zeiten, in denen Fachkräfte wählerischer werden und Sinn wichtiger ist als Status, wird Vertrauen zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Nicht die lauteste Führung überzeugt, sondern die glaubwürdigste. Viele Organisationen sprechen von Vertrauen, meinen aber Kontrolle. Sie sprechen von Augenhöhe, leben aber Hierarchie. Sie fordern Verantwortung, ohne sie wirklich zu geben.

Vertrauen ist unbequem, denn es zwingt Führungskräfte, loszulassen. Es entlarvt Unsicherheit und es zeigt sehr schnell, ob jemand führen will – oder nur Macht behalten. Wer seinen Mitarbeitenden nicht vertraut, sollte sich eine einfache Frage stellen: Warum sollten sie dann ihm vertrauen? Die Entwicklung vom Untergebenen zum Partner ist kein Idealismus. Es ist Realismus. Und wahrscheinlich die härteste, aber wirkungsvollste Form moderner Führung.

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In Institutionen wie der Landsgemeinde in Appenzell zeigt sich das Vertrauen, das aus Vorhersagen entsteht, die mit der Realität übereinstimmen. Bild: Keystone/Christian Merz.
Vertrauen ist ein Naturgesetz

Von der Zelle über das Organ bis zum Menschen und zu Institutionen: Sie alle treffen Vorhersagen, um am Leben zu bleiben; das ist Leben. Wenn eine Vorhersage verlässlich ist, entsteht Vertrauen. Zu leben heisst, auf Vorhersagen zu vertrauen, die über Milliarden Jahre verfeinert wurden.

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