Editorial

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«Der Staatsapparat ist ein Zwangs- und Unterdrückungsapparat. Das Wesen der Staatstätigkeit ist, Menschen durch Gewalt­anwendung oder Gewalt­androhung zu zwingen, sich anders zu verhalten, als sie sich aus freiem Antriebe verhalten würden.»

Ludwig von Mises, «Im Namen des Staates oder Die Gefahren des Kollektivismus»

 

Die Schweiz ist bekannt für Bürger, die selber denken und selber entscheiden. Legt der Staat ihnen eine Impfung nahe, dann überlegen sie selbst, ob sie das benötigen oder nicht – und entscheiden dann. Das resultierte, nachdem sich die Risikogruppen und Alten vernünftigerweise geimpft haben, in einer der tiefsten Impfquoten in Europa. Ein gutes Zeichen eigentlich, denn viele in diesem Land sind nicht vorerkrankt, sondern topfit und werden die Spitäler auch im Krankheitsfall kaum belegen.

Mit der Einführung des Zertifikatszwangs schreiten nun viele der Jüngeren mit guter Gesundheit zur Impfung und fügen sich der von staatlicher Seite ausgeübten Zwängerei – explizit entgegen ihren ursprünglichen Absichten. Wie die NZZ berichtet, fällt der Frust der Gezwungenen nun ab auf die Mitarbeiter in den Test- und Impfzentren und den Apotheken. Richten muss er sich aber gegen die Befürworter des Zertifikatszwangs, die Mitarbeiter in Restaurants und Fitnesscenters zu Hilfspolizisten machen und die Gesellschaft in etwa zwei Hälften spalten.

Wenn Menschen Direktiven folgen, die dem nach ihrer Einschätzung vernünftigen Urteil zuwiderlaufen, muss man wachsam werden. Denn Menschen lassen sich zu vielem überreden – wie wir vom 1961 erstmals durchgeführten Milgram-Experiment wissen –, nur weil es ihnen eine Autorität befiehlt. Auch in Wiederholungen des bekannten Experiments, in dem Versuchsteilnehmer vom Versuchsleiter unter Druck gesetzt werden, anderen Versuchsteilnehmern vermeintlich elektrische Schläge zu versetzen, zeigte sich eine Gehorsamsbereitschaft von rund 65 Prozent der Teilnehmer.

Die Pflicht zur Krankenversicherung entbindet alle von Eigenverantwortung – es ist im Grunde eine Vollkaskoversicherung. Wäre es keine, müsste man alle, die Gefahr laufen, mit ihrem Verhalten einen Spitalaufenthalt zu provozieren – Unsportliche, Übergewichtige, Drogenkonsumenten –, gleichermassen in die Pflicht nehmen. Wer die notabene im beschleunigten Verfahren bewilligte Impfung verweigern will, dem bleibt also gar keine Möglichkeit, die Verantwortung für sich selbst wahrzunehmen. Dennoch kritisieren Geimpfte Ungeimpfte vorsorglich für den hypothetischen Fall, bei einer Coronaerkrankung ein Intensivbett zu belegen, das dann nicht mehr frei wäre für andere.

Gäbe es keine Pflicht zur Krankenversicherung, wäre die Situation eine andere. Kommt es dann bei einer Pandemie zur Triage – also zur Entscheidung, welche Patienten weiterversorgt werden und welche nicht –, müsste man die Maschinen für Ungeimpfte und Geimpfte, die nicht in der Lage sind, ihre Behandlungskosten selbst zu tragen, zuerst abschalten.

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Werner Kieser, Unternehmer (1940-2021),
über den «Schweizer Monat»