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Fabian Gull, fotografiert von Selina Seiler.

Ich vertraue, also bin ich

Dem Gerede um eine angebliche Vertrauenskrise zum Trotz: Nur die wenigsten Menschen mutieren zu hoffnungslosen Zynikern. Und dafür gibt es gute Gründe.

 

Es ist verführerisch und auch etwas billig, die grosse Vertrauenskrise auszurufen und zum Wehklagen über das schwindende Vertrauen in Institutionen aller Art anzustimmen und daraus Bedrohungen abzuleiten. Obwohl nicht völlig falsch, greift dies zu kurz. Viel zu kurz.

Denn erstens ist Vertrauen – etwas breiter betrachtet – nach wie vor integraler Bestandteil unseres Alltags. Ohne Vertrauen können wir nicht leben – auch nicht die grössten Zyniker und Kulturpessimisten. Wir vertrauen in allen Lebenslagen und permanent. Wir vertrauen unserem vegetativen Nervensystem, dass es unseren nächsten Atemzug auslöst. Wir vertrauen dem Statiker des Gebäudes, in dem wir uns gerade befinden. Wir vertrauen darauf, dass der Bäcker unseres Vertrauens uns nicht vergiften will, wenn wir in ein Gipfeli beissen.

Leben heisst, einen permanenten Vertrauensvorschuss zu leisten. Und das Schöne daran: Fast immer liegen wir dabei richtig. Nur äusserst selten stellt sich das Vertrauen in unsere Mitmenschen als nicht gerechtfertigt heraus. Vielleicht ist diese seltene Eintrittswahrscheinlichkeit der Grund, weshalb wir uns so schwertun, wenn unser Vertrauen dennoch einmal erschüttert oder missbraucht wird. Enttäuschung tut weh. Aber sie ist die Ausnahme, nicht die Regel. Und das ist eine gute Nachricht.

Lebenserfahrung hilft

Zweitens stellt Vertrauensverlust nicht den Schlusspunkt einer Geschichte dar, sondern markiert den Beginn von etwas Neuem. Denn in ramponiertem Vertrauen liegt eine unterschätzte Kraft: Wir lernen dazu, passen uns an, wollen es in Zukunft besser machen. Wer enttäuscht wird, hört nicht einfach auf zu vertrauen, sondern lernt, anders und besser zu vertrauen. Das Urteilsvermögen wird dabei geschärft, vor allem in der zentralen Frage: Wem oder was kann ich (noch) vertrauen? Menschenkenntnis und Lebenserfahrung sind bei der Beantwortung ebenfalls hilfreich.

Dasselbe gilt für Staaten, Organisationen – und auch für die Medien. Sie alle reagieren auf den Vertrauensverlust. Vielleicht nicht schnell genug und nicht radikal genug. Aber sie zeigen eine Reaktion. Die Anpassung auf veränderte Lebensbedingungen garantiert das langfristige Überleben. Das wusste schon Charles Darwin.

«Wer enttäuscht wird, hört nicht einfach auf zu vertrauen, sondern lernt, anders und besser zu vertrauen.»

Drittens: Missbrauchtes Vertrauen löst sich nicht in Luft auf. Vielmehr verändert es seinen Aggregatzustand, sucht sich neue Wege und neue Adressaten. Wer dem Bankensystem misstraut, vertraut auf Gold oder Bargeld unter dem Kopfkissen. Wer der Politik misstraut, vertraut auf neue politische Kräfte oder langfristigen Wandel. Wer Adam Smiths unsichtbarer Hand und den globalen Lieferketten misstraut, vertraut den Vorräten im Doomsday-Bunker zu Hause. Wer Gott verloren hat, vertraut der Wissenschaft, einem Yoga-Guru oder der eigenen Gedankenwelt. Wer Misstrauen gegen Medien hegt, liest den «Schweizer Monat».

Viertens ist auch Misstrauen eine Form von Vertrauen. Unsere äusserst lebendige direkte Demokratie ist im Kern nichts anderes als ein Ausdruck von institutionalisiertem Misstrauen gegenüber «denen da oben in Bern». Schwindet das Vertrauen in die direkte Demokratie (was ich bezweifle), hiesse das, dass die Stimmbürger ihrem aggregierten Urteilsvermögen immer weniger und dafür demjenigen von Regierung und Parlament immer mehr vertrauen. Mit Verlaub, das ist schlicht Mumpitz.

Dem Gerede um eine angebliche Vertrauenskrise zum Trotz: Nur die wenigsten Menschen mutieren zu desillusionierten Zynikern. Die meisten Menschen haben ein vielleicht fatalistisches Grundvertrauen, dass es irgendwie schon gut (oder zumindest nicht ganz so schlimm wie befürchtet) kommen wird. Gründe zur Zuversicht und Entspanntheit gibt es genug. So steigt die Lebenserwartung fast überall auf der Welt, die globale Armut ist rückläufig. Die Medizin macht grosse Fortschritte. Und der Bildungsstand in ärmeren Gegenden steigt.

Die Plattitüde der grossen Vertrauenskrise verkennt vor allem eines: Vertrauen ist zäh und anpassungsfähig. Und erstaunlich widerstandsfähig. Solange Menschen leben, werden sie vertrauen. Sie können gar nicht anders.

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In Institutionen wie der Landsgemeinde in Appenzell zeigt sich das Vertrauen, das aus Vorhersagen entsteht, die mit der Realität übereinstimmen. Bild: Keystone/Christian Merz.
Vertrauen ist ein Naturgesetz

Von der Zelle über das Organ bis zum Menschen und zu Institutionen: Sie alle treffen Vorhersagen, um am Leben zu bleiben; das ist Leben. Wenn eine Vorhersage verlässlich ist, entsteht Vertrauen. Zu leben heisst, auf Vorhersagen zu vertrauen, die über Milliarden Jahre verfeinert wurden.

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