«Meine Schüler müssten 500-Seiten-Romane ohne ein einziges Bild lesen»
Elsbeth Stern, fotografiert von Suzanne Schwiertz.

«Meine Schüler müssten 500-Seiten-Romane ohne ein einziges Bild lesen»

Die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern plädiert dafür, in der Schule Erfahrungen zu vermitteln, um der «digitalen Demenz» entgegenzuwirken. Mit der Idee von emotionaler Intelligenz kann sie dagegen nichts anfangen.

Frau Stern, das Besondere an der Intelligenz, sagt man, sei der Umstand, dass jeder denkt, er habe genug davon. Wie unterscheidet sich das Intelligenzkonzept, mit dem Sie als Intelligenzforscherin arbeiten, vom Alltagsverständnis?

Zuerst, es stimmt tatsächlich: Wenn man Menschen fragt, ob sie überdurchschnittlich intelligent seien, bejahen das mehr als die Hälfte. Ein für uns wichtiger Punkt ist der, dass wir Intelligenz nur auf kognitive Fähigkeiten anwenden, und zwar insbesondere auf das schlussfolgernde Denken, das es uns erlaubt, aus bestehendem Wissen durch die Anwendung logischer Regeln Neues abzuleiten. Das spielt in der Mathematik natürlich eine grosse Rolle, deshalb hängen Mathematik und Intelligenz auch recht eng zusammen.

Gibt es denn nicht auch intelligente Menschen, die mathematisch völlig unbegabt sind?

Nicht wirklich. Es gibt natürlich solche, die in Mathematik nicht gut in der Schule waren, das hat aber eher mit schlechtem Unterricht zu tun. Oft fliegen intelligenten Kindern in der Primarschule noch alle Erfolge zu, und bis zu einem gewissen Grad können sie sich Mathematik auch selber beibringen. Sobald es aber etwa um Algebra oder  Differenzialrechnung geht, brauchen auch sie einen guten Lehrer – wohingegen einer, der nur Langeweile verbreitet, intelligente Menschen eben oft dazu bringt, ihre Energie in andere Gebiete zu investieren. Menschen, die in sprachlichen Intelligenztests gut sind, schneiden auch in den numerischen gut ab. Aber natürlich wird in numerischen Intelligenztests nicht höhere Mathematik abgefragt, weil dann Menschen, die nicht auf dem Gymnasium waren, gar nicht intelligent sein könnten. Die Grundidee von Intelligenztests ist es, herauszufinden, ob Menschen Bekanntes in neuen Kontexten anwenden können und wie sie Lerngelegenheiten nutzen.

Sie sind nicht nur Intelligenzforscherin, sondern auch Expertin für Lehr- und Lernforschung. Was halten Sie vom Kampfbegriff der «digitalen Demenz»?

Ich sehe durchaus ein paar Probleme, mit denen wir umgehen müssen. Eines ist ganz klar die Meinungsmanipulation, die dadurch entsteht, dass wir von Google, Facebook und Co. nur mit Informationen konfrontiert werden, die zu unserem Profil passen. Dass sich dadurch die persönlichen Welten so stark auseinanderleben, halte ich für hochproblematisch. Wie auch den Umstand, dass viele Leute meinen, wir bräuchten nichts mehr zu lernen, weil man alles im Internet nachschauen kann. Das ist natürlich Unsinn. Andererseits sind die Fortschritte, beispielsweise was die Zuverlässigkeit von Übersetzungsprogrammen angeht, beeindruckend. Früher habe ich meine Texte manchmal an einen englischen Muttersprachler geschickt, damit sie gut klangen – das wird mehr und mehr überflüssig. Eloquenter wird man auf diese Weise allerdings nicht. Das heisst, man muss sich wirklich überlegen, wie man mit diesem digitalen Potenzial umgehen will. Man bedenke etwa: Wenn wir kaum noch Menschen hätten, die zwei Sprachen wirklich beherrschen, könnten wir in extremer Weise manipuliert werden, weil wir die Qualität der Übersetzungen gar nicht mehr überprüfen könnten.

«Ich sehe die digitale Verwahrlosung bei alten Menschen mindestens so stark wie bei Kindern.»

Wie bewerten Sie die allgemeine Klage, gerade jüngere Generationen würden sich nicht mehr um die Welt kümmern, sondern nur noch auf ihr Smartphone starren?

Ich sehe die digitale Verwahrlosung bei alten Menschen mindestens so stark wie bei Kindern. Und mir ist klar, dass wir auf sie reagieren müssen, aber nicht, indem wir diese Geräte abschaffen oder sie Kindern vollständig verbieten. Man sollte stattdessen überlegen, welche Erfahrungen Kinder wirklich brauchen. Wenn ich Deutschlehrerin wäre, müssten meine Schüler 500-Seiten-Romane ohne ein einziges Bild lesen (lacht). Lange Texte liest man anders, wenn man sie auf Papier vorliegen hat. Ich weiss noch von jedem Buch, das ich gelesen habe, ob etwas auf der linken oder rechten Seite stand. Diese körperlichen Umstände werden mitabgespeichert und man darf diese Körperlichkeit nicht unterschätzen. Auch dass man in der Schule die Handschrift abschaffen will, halte ich für hochproblematisch. Als man noch mit Tinte und…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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