Die Opferhaltung ist eine falsche Freundin
Viele glauben, auf ideale Mitmenschen angewiesen zu sein, um vertrauen zu können. Doch vertrauen kann nur, wer sich traut.
Ich habe kürzlich ein Lehrvideo auf YouTube angeschaut, das in knappen zehn Minuten, untermalt von berührenden Bildern und melancholischer Musik, den psychologischen Ursachen von Vertrauensproblemen auf den Grund gehen will. Die Botschaft an mich als Zuschauerin: Kein Wunder, habe ich Mühe, anderen zu vertrauen, wenn meine Mitmenschen mich in der Vergangenheit verletzt und enttäuscht haben, wenn andere mir Schmerz zugefügt und dabei Narben hinterlassen haben! Ich hätte bessere Menschen verdient, die mir wohlgesinnt sind, die mich beschützen und fürsorglich mit mir umgehen. Und nur solch bessere, wohlmeinende Menschen können meine Verletzungen nun heilen und mich wieder ganz machen.
Mit mir hat es nichts zu tun, wenn ich Mühe habe, anderen zu vertrauen, so die Botschaft – ich wurde einfach falsch behandelt, habe nicht erhalten, was ich gebraucht hätte. Das klingt gut, das klingt attraktiv, das klingt bequem, findet zumindest ein Teil von mir begeistert. Es enthebt mich aller Verantwortung. Denn ich bin hier das Opfer. Ich habe Wiedergutmachung verdient, ich habe Rechte, auf die ich pochen darf.
Aber ich kenne die verführerischen Finger, die in solchen Augenblicken schmeichelnd nach mir tasten: Es ist die Opferhaltung, die wieder einmal versucht, mich in ihre Fänge zu bekommen, die mir ins Ohr säuselt, dass meine Probleme durch andere verursacht worden seien und dass ich als schuldloses, vollkommen rechtschaffenes Opfer nun von den anderen eine Lösung einfordern dürfe. Meine Mitmenschen haben es verbrochen, also sollen sie es auch wieder richten.
Bei sich selber anfangen
Ich habe mir angewöhnt, diesen verführerischen Fingern einen kräftigen Klaps zu verpassen. Denn ich weiss: Die Opferhaltung ist eine falsche Freundin. Ihre Versprechen klingen grossartig, und das Gefühl selbstgerechter Empörung, das sie in mir auslöst, ist durchaus angenehm. Aber nichts davon bringt mich weiter, nichts davon stärkt mich und nichts davon hilft mir, meine Probleme tatsächlich zu lösen. Die Opferhaltung ist ein fauler Zauber, eine bequeme Ausrede.
Ja, ich wurde in meiner Vergangenheit verletzt. Ich wurde geringgeschätzt, missachtet, mein Vertrauen wurde missbraucht, meine Hoffnungen zunichte gemacht, meine Gefühle mit Füssen getreten. Ja, ich habe emotionale Narben, schmerzliche Erinnerungen, tiefe Klüfte in meinem Innenleben, mir wurde Unrecht getan.
Aber wenn ich es recht bedenke, habe auch ich andere verletzt. Ich habe andere geringgeschätzt und missachtet, ich war ihres Vertrauens nicht würdig, ich habe Hoffnungen zerstört und bin über Gefühle hinweggetrampelt. Ich habe Narben und schmerzliche Erinnerungen verursacht, ob bewusst oder nicht, ob willentlich oder nicht, ich habe anderen Unrecht getan. Wie sollte ich von anderen etwas verlangen, was ich selbst nicht zu bieten vermag?
«Die Opferhaltung ist ein fauler Zauber, eine bequeme Ausrede.»
Wir haben klare Vorstellungen darüber, wie der ideale Mitmensch – der ideale Ehemann, die ideale Mutter, der ideale Kollege, die ideale Chefin, der ideale Sohn – aussehen und mit uns umgehen sollte. Und gerade in sozialen Medien wird gerne propagiert, dass dieser ideale Mitmensch unabdingbare Grundlage für unsere mentale Gesundheit sei. Nur wenn unser Chef uns würdigt, fürsorglich und wertschätzend mit uns umgeht, können wir an unseren Arbeitsstellen psychisch gesund bleiben. Nur wenn unsere Freunde und Verwandten unsere Grenzen achten und unsere Bedürfnisse erfüllen, können wir im Privaten die innere Balance wahren und uns entfalten. Wir können nur dann Vertrauen haben, wenn andere dieses Vertrauen verdienen. Oder?
Ein Vierteljahrhundert Erfahrung als Psychiaterin und ein halbes Jahrhundert Erfahrung als Mensch haben mich gelehrt: So funktioniert das nicht. Der einzige Mensch, der für mein Glück, meine innere Stabilität und meine Gesundheit verantwortlich ist, bin ich selbst. Und um anderen vertrauen zu können, muss ich als Erstes mir selbst vertrauen können.
Abschied von der Perfektion
Nur: Was heisst das überhaupt, sich selbst zu vertrauen? Für viele ist Selbstvertrauen ein Gefühl, und zwar ein Gefühl andauernder Zufriedenheit mit sich selbst, ein stabiles Wohlbehagen in der eigenen Haut, das keinesfalls durch unangenehme Störfaktoren wie Fehler, Scham, Zweifel oder Misserfolge getrübt werden sollte. Ein sehnsuchtsvolles Ideal, das zwangsläufig unerreicht bleiben muss, weil das Leben mit seinem fatalen Hang zu Chaos und unerwünschten Zwischenfällen die liebevoll gehegte innere Harmonie immer wieder zu ruinieren pflegt.
Für mich ist Selbstvertrauen nichts Emotionales, sondern ein kognitiver Akt. Eine Entscheidung. Und zwar die Entscheidung, mir selbst eine gute Freundin zu sein. Ich stehe zu mir, mit all meinen Stärken und zahlreichen Schwächen. Im Zweifelsfall sehe ich immer das Gute, die Chance. Aber Selbstvertrauen umfasst auch eine gesunde Fehlerkultur, die Bereitschaft, immer wieder aufzustehen, wenn ich gestolpert und auf die Nase gefallen bin. Selbstvertrauen heisst nicht, nie zu stolpern.
«Für mich ist Selbstvertrauen eine Entscheidung. Und zwar die Entscheidung, mir selbst eine gute Freundin zu sein.»
Mit dem Konzept, dass uns Fehler passieren könnten, haben wir heutzutage unsere liebe Mühe. Wir sehnen uns nach hundertprozentiger Sicherheit, nach Perfektion, versuchen krampfhaft, uns der binären Eindeutigkeit der Welt der Technik und der Maschinen – eins/null, schwarz/weiss, richtig/falsch – anzunähern. Und wenn uns doch Fehler passieren, wispern wir schamerfüllt etwas von «menschlichem Versagen».
Wenn wir heute von Fehlerkultur reden, meinen wir damit in der Regel das hektische Bemühen, Fehler ganz zu vermeiden oder sie zumindest gekonnt zu vertuschen. Was schade ist, denn nicht nur erreichen wir Menschen die ersehnten hundert Prozent nicht – Perfektion ist gar nicht wünschenswert. Fehler sind ein Kreativitätspool, ein Biotop für Entwicklung und Wachstum.
Selbstvertrauen bedeutet also nicht, dass ich perfekt sein oder mich der Perfektion auch nur annähern müsste, es hat nichts mit angestrengter Selbstoptimierung zu tun, vielmehr hingegen mit Echtheit und Aufrichtigkeit.
Die Grundlage eines gesunden Selbstvertrauens ist Akzeptanz. Die Bereitschaft, mich selbst, meine Mitmenschen und die Welt um mich herum so anzunehmen, wie sie sind. Ohne Widerstand, ohne Auflehnung. Nur auf dem Boden dieses grundlegenden Annehmens der aktuellen Realität ist konkrete Veränderung wirklich möglich – wenn ich aufhöre, mich gegen die Dinge aufzulehnen, die ich nicht ändern kann, dann habe ich mehr Energie dafür übrig, die Dinge zu verändern, die in meiner Macht liegen. Das muss ich dann aber auch tun, wenn ich tatsächlich will, dass sich etwas ändert – und dafür wiederum benötige ich Selbstwirksamkeit.
Selbstwirksam bin ich dann, wenn ich überzeugt bin, dass ich auch schwierige und belastende Situationen aus eigener Kraft bewältigen kann. Wenn ich bereit bin, Verantwortung zu übernehmen, für mich und all die Dinge, die in meiner persönlichen Reichweite liegen – das ist das Gegenteil von Opferhaltung, von einer Sichtweise, die Schuld und Verantwortung reflexhaft an die Umwelt abschiebt. Und selbstwirksam bin ich dann, wenn ich bereit bin, mich zu stellen.
Nun kommen wir beim Kern an, bei den allerwichtigsten Fragen: Bin ich bereit, mich zu stellen? Mir selbst? Der Welt, wie sie nun einmal ist? Der Zukunft, die, ich ahne es, nicht nur Wohlgefallen und Frühlingsgefühle für mich bereithält? Für viele bedeutet Vertrauen, sicher sein zu können, dass nichts Schlimmes passiert. Aber wer sollte uns das garantieren können? Wir selbst? Die anderen – Mitmenschen, Behörden, Politik? Gott?
Für mich bedeutet Vertrauen, mich zu stellen, auch und gerade wenn etwas Schlimmes passiert. Es mir zuzutrauen. Ich finde Sicherheit in der Gewissheit, dass ich es überstehen werde. Dass ich stark genug bin, um Belastungen, Misserfolge, Verluste und Abgründe auszuhalten, wenn es sein muss. Dass ich die Stürme bedrückender Emotionen und scharfkantiger Ereignisse überleben kann.
Dafür muss ich Zugang zu meinem Innenleben haben, mich selbst gut kennen und mit meinen Gefühlen, Gedanken und Handlungsimpulsen umgehen können. Und damit mir das gelingt, gerade in stürmischen Zeiten, muss ich in den ruhigeren Zeiten üben, trainieren, in meine Fertigkeiten investieren, um mich zu rüsten. Und das wiederum erfordert Tatkraft, Mut und Disziplin.
Diese Art von Vertrauen ist deutlich anstrengender als eine bequeme Opferhaltung. Diese Art von Vertrauen artet in ernsthafte Arbeit aus, in Aufwand und Mühe. Diese Art von Vertrauen betrachtet Verletzungen und Enttäuschungen nicht als unerträgliche Zumutung, sondern als Gelegenheit, um zu wachsen und zu lernen.
Vertrauen gedeiht auch auf Schutthalden
Wenn Sie wie ich immer mal wieder die schmeichelnd zarten Finger der Opferhaltung spüren, die versuchen, Sie in den Griff zu kriegen – hauen Sie kräftig eins drauf. Klar, wäre es bequem, alle Verantwortung an die Aussenwelt zu delegieren und sämtliche Anstrengungen, Missstimmungen und Unannehmlichkeiten zu vermeiden – aber es ist ein Denkfehler. Fallen Sie nicht darauf rein.
Nein, Sie sind nicht auf ideale Mitmenschen und perfekte Umstände angewiesen, um stabil und gesund sein zu können. Nein, Schwierigkeiten und Verletzungen machen Sie nicht zwangsläufig schwächer, sondern oft stärker. Vertrauen gedeiht nicht nur auf Blumenwiesen, sondern nicht selten auch auf Schutthalden.
Und vor allem: Trauen Sie sich etwas zu, verlangen Sie etwas von sich. Sie können viel mehr, als Sie glauben.