Eigentlich stupide Dinge

Der Künstler Vincent Kohler

Eigentlich stupide Dinge

«Meine Kunst ist simpel» – sagt der Künstler. Seine Kunst: das ist etwa ein Kaktus aus Beton1, eine Eule aus schwarzem Plastik2, ein mit Augen, Nase, Mund ausgestatteter Baumstumpf aus Holzimitat3. «Eigentlich stupide Dinge». Und eigentlich Kitsch, möchte man hinzufügen.

«Kitsch» ist ein junges Wort, es soll erstmals um 1870 im Münchner Kunsthandel für billig hergestellten Kunstersatz aufgetaucht sein. Seine mutmasslichen Wurzeln sagen viel über die Bedeutung: vielleicht wurde «Kitsch» aus sketch abgeleitet, der flüchtigen Skizze des gefühlsmässigen Eindrucks einer Sehenswürdigkeit, wie sie früher unter angelsächsischen Reisenden als Mitbringsel beliebt waren. Vorläufer von Airportart also. Auch dem mundartlichen «kitschen» steht es nah, das, so der Duden, «schmieren, zusammenscharren, aus Dreck zusammenklumpen» bedeute. Und das jiddische «verkitschen» meint, jemandem etwas anzudrehen, was er nicht braucht. Alles nicht sehr schmeichelhaft.

Kitsch ist Kindheit, wie Erwachsene sich ihrer gern erinnern, eine Zeit, in der ein kleines Tier aus Plastik oder Plüsch noch Seligkeit auszulösen vermochte. Kitsch ist simpel, bunt, und harmlos. DIN-geprüfte Massenware. Kitsch nimmt ein, überfällt die Sinne und unterläuft die Kritikfähigkeit, indem er durch seine Bunt- und Einfachheit dem erwachsenen Konsumenten eine Art Ellenbogenstoss auf den Solarplexus versetzt, der zu Schwindel führt und den Verstand ausschaltet. Auch daher verkauft sich Kitsch wohl immer gut. Allerdings, wer kann ihn schon auf Dauer in seiner Nähe ertragen? Denn ist er nicht ebenso ein permanenter Hinweis darauf, dass alle Erziehung zum guten Geschmack umsonst gewesen ist? Sollte man ihn daher nicht besser ganz aus dem eigenen Umfeld verbannen?

Eine solch radikale Lösung fällt schwer. Wir mögen auf Kitsch offensichtlich nicht verzichten. Er appelliert an unsere Sehnsucht nach dem Unmittelbaren, Unverfälschten, Unversehrten, er bedient unsere Träume von einer heilen Welt, die wir als imaginären Rückzugsort nicht missen wollen. Kitsch lässt Tränen rollen, ohne dass wir leiden; er lässt uns glücklich sein, ohne dass wir uns engagieren müssten. Doch soll er in unsere Wohnzimmer, muss er auf Distanz gehalten werden. Denn Kitsch ist gesellschaftlich nicht opportun. Der ihn besitzt, muss daher zeigen, dass er ihn als Kitsch erkennt und nur augenzwinkernd duldet. Erst wenn der Weihnachtsbaum mit strassbesetzten Kugeln, pausbäckigen Engeln, Kunstschnee und blinkenden Lichtgirlanden ironisiert wird, gilt er als erträglich, festlich, oder gar in. Bei Kitsch, den wir besitzen, versuchen wir ständig zu sagen: So ernst meinen wir das gar nicht. Und dabei denken wir: Aber irgendwie schön ist’s trotzdem.

Wenn Künstler wie Vincent Kohler mit Kitsch arbeiten, dann bedienen sie sich dieses Kunstgriffs. Vincent Kohler verfremdet und ironisiert die Stereotypen und lässt uns so erleichtert lachen, weil wir uns nicht länger selber darum bemühen müssen. Er braucht dazu nicht viel. Andere Kitsch in Kunst transformierende Künstler, wie Jeff Koons, verwenden aggressive Farben und übertrieben gesetzte sexuelle Schlüsselreize, oder sie schaffen, wie Pierre et Gilles für ihre Verwandlung Sterblicher in Heilige, aufwendige Hintergründe und Kostümierungen. Vincent Kohler hingegen genügen harmlose Gegenstände, die er vergrössert und in Plastik giesst, wie «Hibou», die schwarzglänzende Eule mit ihrer Assoziation an Darth Vaders blankpolierten Helm.

Oft sind Klischees, die wir mit der Natur verbinden, die Ausgangspunkte für seine künstlerische Arbeit. So nimmt er etwa einen Baumstamm und versieht ihn mit Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Er lässt kraftvoll und mächtig einen Kaktus aus Beton in einem schütteren Schweizer Laubwald wachsen. Oder er stellt eine Wurzel jener Art aus, wie sie in Andenkenläden zu kaufen sind; doch ist die von ihm geschaffene – er nennt sie Gregor – ungewöhnlich gross, nicht aus echtem Holz, und die Nebenwurzeln sind eher Beine oder Tentakel.

Durch diese einfachen Verfremdungen und simplen Eingriffe schafft Vincent Kohler eine Differenz und damit einen Raum, von dem aus wir den Kitsch geniessen…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»