Vertrauen ist riskant – aber unverzichtbar für die Freiheit
Vertrauen entsteht durch Vertrautheit. Eine Gesellschaft kann auch ohne Vertrauen bestehen – die Frage ist, ob es eine lebenswerte Gesellschaft ist.
«Ohne Vertrauen geht gar nichts», sagte Angela Merkel einmal, als es im Kontext der Coronakrise um den Umgang mit medizinischen Daten ging. Tatsächlich wird Vertrauen gerne als Kitt beschrieben, der unsere Gesellschaften zusammenhält. Aber stimmt dieses Bild? Richtig ist, dass wir auf einer sehr elementaren Ebene nicht zusammenleben könnten, wenn wir ständig um unser Leben fürchten müssten, wenn jeder andere für uns eine Bedrohung wäre, wenn grundlegende Sicherheiten nicht gewährleistet werden könnten. Egal, wie unser Zusammenleben aussieht, wir können nur zusammenleben, wenn wir darauf vertrauen, dass andere im Umgang mit uns auf Gewalt verzichten. Sicher, wir haben einen Rechtsstaat, eine Polizei und wir haben moralische Normen, die uns zu Friedfertigkeit ermahnen, aber diese Instanzen dürfen nicht nur defensiv verstanden werden, als würden sie einen an sich bestehenden Gewalttrieb bloss eindämmen.
Damit ein grundlegendes Vertrauen in die Sicherheit unseres Zusammenlebens entstehen kann, brauchen wir die Gewissheit einer selbstverständlich gelebten Gewaltlosigkeit, die nicht einfach nur auf angedrohte Bestrafung reagiert. Wir brauchen eine positive Moral der Friedfertigkeit und Zivilität. Man könnte es auch so sagen: Dieses grundlegende Sicherheitsvertrauen ist verloren, wenn die Polizei kommt, so wichtig sie sonst sein mag.
Moral der Friedfertigkeit und Zivilität
Aber hält dieses elementare Vertrauen Gesellschaften tatsächlich zusammen? Man könnte eher sagen, dass es Gesellschaft möglich macht. Das ist schon viel, aber man darf vermuten, dass diejenigen, die annehmen, Vertrauen halte Gesellschaften zusammen, etwas anderes meinen. Schliesslich kennen wir totalitäre Gesellschaften, die auf allen Ebenen von Misstrauen zerfressen sind. Und doch gestehen wir ihnen zu, Gesellschaften zu sein, die in identifizierbarer Weise das soziale Zusammenleben regeln. Was immer sie zusammenhält – Angst, Gewalt, Einschüchterung oder Ideologie –, es scheint nicht Vertrauen zu sein. Wenn wir also fragen, ob Vertrauen unsere Gesellschaften zusammenhält, zielen wir offenbar auf Praktiken, die aus unseren Gesellschaften gute Gesellschaften machen, also etwa Gesellschaften, in denen Vertrauen Freiheitsräume öffnet, die ohne Vertrauen nicht gegeben wären.
Damit können all die Fragen gestellt werden, über die man in der Vertrauensforschung schon lange nachdenkt. Auf welchen Ebenen sind freiheitlich-demokratische Gesellschaften auf Vertrauen angewiesen? Wie schaffen sie dieses Vertrauen? Wie geht es verloren? Wir sind momentan mit dem Thema Vertrauen vor allem dann konfrontiert, wenn uns Umfragen bestätigen, dass wesentliche gesellschaftliche Institutionen – die Politik, die Kirchen, die Banken – unser Vertrauen verlieren. Was durch diese negativen Zahlen verloren geht, ist der Blick für die Bedingungen, unter denen Vertrauen überhaupt entsteht und stabil bleibt. Wir schauen wie verhext auf die aktuellsten Daten und denken zu wenig darüber nach, wie das Vertrauen, das noch da ist, bewahrt werden kann.
Erleichterte Kooperationen
Wer vertraut, macht sich verletzbar. Er vertraut einer anderen Person ein Gut an, das ihm wichtig ist, und geht davon aus, dass die andere Seite den Spielraum, den sie durch das Vertrauen gewinnt, nicht ausnutzt. In diesem Sinne erleichtert Vertrauen Kooperationen, denn wer vertraut, muss keine Ressourcen für die Überwachung des anderen einsetzen. Man hat Vertrauen deswegen auch als soziales Kapital bezeichnet und ganze Gesellschaften entlang der Frage klassifiziert, wie verbreitet in ihnen das soziale Kapital ist.
«Wer vertraut, macht sich verletzbar. Er vertraut einer anderen Person ein Gut an, das ihm wichtig ist, und geht davon aus, dass die andere Seite den Spielraum, den sie durch das Vertrauen gewinnt, nicht ausnutzt.»
Der Begriff soziales Kapital zielt vor allem auf das Mass an vertrauensvollen Beziehungen, über das wir verfügen. Dabei geht es nicht nur um private Beziehungen, um Freundschaften oder Liebesbeziehungen. Es geht vor allem um Netzwerke in die Zivilgesellschaft hinein – um Vereine, Zünfte, Parteien oder Verbände –, die von vertrauensvollen Beziehungen geprägt sind. Wie verletzbar wir in diesen Kontexten jeweils sind, variiert sicherlich mit der Intensität unseres Engagements. Aber wer mit Herz und Leidenschaft dabei ist, riskiert immer Enttäuschungen; insofern dürfte es richtig sein, hier von Vertrauen zu reden.
Vertrauen entsteht in der Regel durch Vertrautheit, die den Raum für Erfahrungen der Vertrauenswürdigkeit und, wie hinzugefügt werden muss, der Kompetenzwahrnehmung schafft. Wir vertrauen unser Kind ja nicht beliebigen anderen an, sondern nur jenen, die wir entweder gut kennen oder die uns aufgrund ihrer beruflichen Ausbildung kompetent zu sein scheinen. Mit Zahnschmerzen gehen wir zum Zahnarzt und nicht zum Klempner, der auch Zangen hat.
Vertrauen braucht seine eigene Zeit, um zu wachsen. So fällt es uns schwer, Vertrauen schnell aufzubauen, auch wenn es manchmal nicht anders geht. Ebenfalls schwer fällt es, Institutionen Vertrauen zu schenken, die ja in vielen Umfragen im Mittelpunkt stehen. Mag die Politik noch personalisiert genug sein, um zumindest ein Vertrauen in einzelne Personen möglich zu machen, so sind andere Institutionen von einer ungleich grösseren Anonymität geprägt. Über einen persönlichen Bankberater zu verfügen, dürfte schon ein Privileg sein. Und doch haben diese Institutionen oft Macht über uns und können uns verletzen oder enttäuschen. Deswegen sprechen wir auch hier von Vertrauen, aber es sollte klar sein, dass Institutionenvertrauen per se instabiler sein muss.
Institutionen können nur versuchen, vertrauensvolle Zugangspunkte zu schaffen, an denen ihre Vertrauenswürdigkeit erfahrbar wird, aber je grösser eine Institution ist, desto schwerer fällt es ihr, solche Zugangspunkte zu schaffen. Manche lehnen es deswegen sogar ab, in diesem Kontext überhaupt von Vertrauen oder Vertrauenswürdigkeit zu sprechen, und schlagen alternative Begrifflichkeiten vor. Man könnte etwa sagen, Institutionen sollen verlässlich sein. Unzuverlässigkeit ist auch enttäuschend, aber sie trifft uns nicht so hart wie verletztes Vertrauen, das wir nicht nur aus praktischen, sondern auch aus moralischen Gründen verurteilen. Dieser Vorschlag ist durchaus sinnvoll und könnte von unnötigem Vertrauensstress befreien. Aber es hat natürlich Gründe, warum wir auch in institutionellem Kontext weiterhin von Vertrauen reden – man wird den Bedarf danach offenbar nicht so einfach los, indem man die Sprache ein bisschen anpasst. Das hat auch damit zu tun, dass selbst gut geregelte Abläufe Spielräume lassen, in denen so oder so gehandelt werden kann.
Man kann sich nicht gegen alles absichern
Nehmen wir Märkte. Kaufen wir ein Produkt im Geschäft, dann gehen wir einen Kaufvertrag ein, der aus übereinstimmenden Willenserklärungen besteht. Alles ist gut geregelt, Vertrauen scheint keine grosse Rolle zu spielen. Und doch wissen wir, dass Verkäufer manchmal einen Vorteil besitzen, etwa, wenn sie viel mehr wissen über ein Produkt als die Käuferseite. Wer schon einmal ein gebrauchtes Handy oder Auto gekauft hat, weiss, was gemeint ist: Die sogenannten Informationsasymmetrien können hier erheblich sein. Sicher, es gibt Konsumentenrechte und Käuferschutz, aber wie man es auch dreht und wendet, ganz kommt man auch im Markthandeln nicht ohne Vertrauen aus. Selbst dort also, wo unser Verhalten starken Regelungen unterliegt, taucht die Notwendigkeit des Vertrauens immer wieder auf, weswegen es auch hier Vertrauenskrisen geben kann.
«Selbst dort, wo unser Verhalten starken Regelungen unterliegt, taucht die Notwendigkeit des Vertrauens immer wieder auf.»
Ähnlich verhält es sich mit dem Rechtsstaat. Man könnte sagen, dass rechtliche Regelungen Kooperationen ermöglichen sollen, die eher von Misstrauen geprägt sind. Ein Ehevertrag etwa schützt nicht vorhandenes Vertrauen; vielmehr soll er Verletzungen, die durch gebrochenes Vertrauen entstehen können, abfedern. Und doch können wir vom Vertrauen in das Rechtssystem reden, ohne das unklar wäre, was gemeint ist. Wird das Recht fair angewendet? Wird es überhaupt angewendet? Wie wird es angewendet? Hier gibt es zahllose Spielräume des Handelns, des Deutens und Interpretierens, die sich durch ein noch so dichtes Regelgeflecht nicht ausräumen lassen.
Verräterisches Marketing
Man kann hier ein Paradox formulieren: Je mehr Handlungsräume wir strengen Regeln unterwerfen oder verrechtlichen, desto wichtiger wird die Rolle des Vertrauens. Das lässt sich gut daran erkennen, dass all die Versuche, Unternehmensabläufe, aber auch Bildungseinrichtungen einem nachvollziehbaren Qualitätsmanagement zu unterziehen, die Thematik des Vertrauens nicht erledigen, obwohl genau das oft ihre Absicht ist.
Ähnlich verhält es sich mit Forderungen nach Transparenz. Ist eine Institution mit starken Transparenzforderungen konfrontiert, könnte das dazu führen, dass die wirklich wichtigen Gespräche in die Hinterzimmer verlagert werden und gerade nicht für andere nachvollziehbar sind; hier entstehen also leicht Anreize, die Regeln zu umgehen (im Englischen redet man auch von perverse incentives), was dann im schlimmsten Fall zu einem Sinken des Vertrauens führt.
So unterliegen unsere Gesellschaften einer enormen Spannung. Sie erkennen durchaus die Bedeutung von Vertrauen, sie erkennen, dass sie in sehr vielen Handlungsbereichen auf Vertrauen angewiesen sind, aber sie haben verlernt, die Bedingungen zu schaffen, die Vertrauen ermöglichen, oder, ungleich problematischer, glauben gar, Vertrauen sei mit absoluter Gewissheit oder mit einer Befreiung von allen Risiken verbunden.
Die Sprache des Marketings ist besonders verräterisch in dieser Hinsicht. Wie viele Firmen werben mit Slogans wie «Uns können Sie vertrauen»? Das soll unter anderem heissen: Wir machen keine Fehler, wir sind immer für Sie da, unsere Produkte sind absolut sicher. Aber das ist, mit Verlaub, Unsinn und missversteht, worum es bei Vertrauen geht. Es ist schon gesagt worden: Wer anderen vertraut, räumt ihnen Spielräume ein und setzt sie in gewisser Weise frei. Wie das Vertrauen dann gelebt wird, was der andere etwa mit dem anvertrauten Gut tut, das unterliegt einzig seinem Ermessen. Es gibt hier keinen Vertrag, der das Verhalten des Vertrauensempfängers detailliert zu regeln versucht. Deswegen ist Vertrauen riskant, es kann schiefgehen, wir können uns täuschen, können naiv oder gutgläubig sein, der andere erweist sich doch nicht als kompetent oder ist gar ein Hochstapler. So etwas kommt vor. So etwas tut weh. Aber wer sich diesen Risiken nicht aussetzen will, der kann nicht vertrauen.
Damit sollte auch deutlich sein, dass es nicht nur einen Typ der Vertrauenskrise gibt. Natürlich ist es eine Krise, wenn wirklich niemand mehr vertrauenswürdig ist, weil man etwa in einer Kultur des Misstrauens lebt. Kriegerische Auseinandersetzungen oder totalitäre Regime zerstören häufig jedes Vertrauen zwischen den Menschen. Es ist aber auch eine Krise, wenn andere vertrauenswürdig sind, wir aber gar nicht mehr bereit sind, Vertrauen zu schenken. Man wagt es kaum zu sagen: Es dürfte vertrauenswürdige Politiker und sogar Bankangestellte geben. Aber was, wenn uns die Bereitschaft fehlt, ihnen Vertrauen entgegenzubringen? Und schliesslich ist es ebenfalls eine Krise, wenn wir bereit sind zu vertrauen und es durchaus vertrauenswürdige Mitmenschen gibt, aber wir finden gewissermassen nicht mehr zueinander, weil die Zeit fehlt, um Vertrauen aufzubauen, oder weil der Kontakt durch zahllose Kontrollmechanismen überformt wird. In der Medizin kennt man das Problem gut: Protokollpflichten und die Anforderungen des Qualitätsmanagements überlagern jedes Gespräch. Es ist nicht nur eine Krise, wenn wir vertrauen wollen oder müssen, aber niemanden haben, dem wir vertrauen können. Es ist aber auch eine Krise, wenn wir gar nicht mehr vertrauen wollen, obwohl es viele vertrauenswürdige Menschen gibt. Und schliesslich ist es eine Krise, wenn wir vertrauen wollen und wenn es viele Menschen gibt, die vertrauenswürdig sind, wir aber immer weniger Möglichkeiten haben, diese Vertrauenswürdigkeit zu erfahren, weil kaum noch Räume zur Verfügung stehen oder immer weniger Zeit gegeben ist, um die für die Vertrauensbildung so wichtige Vertrautheit aufzubauen.
Wenn meine Überlegungen plausibel sind, dann kann eine Gesellschaft ohne eine intakte Kultur gegenseitigen Vertrauens überleben. Es ist aber eine andere Frage, ob wir diese Gesellschaft als gute und das heisst auch als freie Gesellschaft beschreiben würden.