Schlagartig Schicksalsgemeinschaft
Markus Freitag, zvg.

Schlagartig
Schicksalsgemeinschaft

Pandemien, Kriege oder wirtschaftliche Zusammenbrüche können uns egoistischer und misstrauischer machen – aber auch hilfsbereiter. Welchen Weg wir gehen, hängt wesentlich vom bestehenden gesellschaftlichen Zusammenhalt ab.

 

Eine Migros, ein Coop oder Denner irgendwo in diesem Land. Wer in der Coronakrise seinen Allerwertesten retten will, muss früh aufstehen, um dreilagiges Toilettenpapier zu erstehen. Wer welches bekommt, hamstert nicht selten gleich mehrere ­Packungen. Covid-19 impft uns Angst und Misstrauen ein und wirft uns in den Naturzustand zurück: Homo homini lupus est.

Szenenwechsel. Bauma im Zürcher Oberland irgendwann im März mitten im Coronawahnsinn. Weil im Gasthof Tanne aufgrund der vorübergehenden Schliessung des Betriebes Lebensmittel zu verfallen drohen, verschenken die Wirtsleute ihre Esswaren an die Bewohnerinnen und Bewohner der örtlichen Alterssiedlung. Die ­beschäftigungslosen Gastronomen bieten sogar an, für ihre älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger unentgeltlich Einkäufe zu erledigen oder Reinigungsarbeiten zu übernehmen. Eine Liste von derlei ­Begebenheiten menschlicher Verhaltensweisen in Zeiten der Viruskrise liesse sich beliebig weiterführen. Digital oder analog gehaltene Nachbarschaftshilfen von Jung und Alt werden beklatscht, Hamstereien von Lebensmitteln, Medikamenten und Schutzmasken sind zwar verpönt, wecken aber beim einen oder anderen bisweilen den Vorteil verschaffenden Instinkt des persönlichen Vortritts. Es scheint, als seien Ich-Bezogenheit und Gemeinwohlorientierung Ausdruck der Janusköpfigkeit von Krisenzeiten. Doch wohin schlägt das Pendel stärker aus? Verfallen wir in den Egotrip oder verhelfen uns kritische Situationen wie die jetzige im Gegenteil zu mehr Solidarität, Vertrauen und Toleranz? In seinem 2019 erschienenen Buch «The Psychology of Pandemics» verweist der klinische Psychologe Steven Taylor auf den wachsenden Altruismus im Zuge weltweiter Seuchen. Eine kürzlich erschienene Auswertung historischen ­Datenmaterials kommt hingegen zum Befund einer vertrauens­hemmenden Wirkung der Spanischen Grippe vor rund 100 Jahren.

Rückzug ins Private

Wir können zum jetzigen Zeitpunkt nur erahnen, was die Coronapandemie mit uns anstellt. Expertinnen und Experten warnen mit Nachdruck vor den wirtschaftlichen, aber auch sozialen Kosten der Krise. Mit diesen einher gehen psychische Probleme bis hin zum ­Suizid und auch häusliche Gewalt. Doch wie wirkt sich eine Pandemie auf das Verhältnis der Bürgerinnen und Bürger zu den Behörden aus? Vertraut man den Verwaltungsorganen eher – oder gerade nicht? Welche Konsequenzen hat die Seuche auf das Vertrauen der Menschen untereinander? Im Familien- und Freundeskreis? Gegenüber Fremden? Wie wirken sich Notlagen auf unser Gemeinwohlengagement aus? Obschon wir noch eine Weile auf seriöse Antworten auf diese Fragen warten müssen, können Erforschungen anderer Krisenszenarien erste Aufschlüsse geben. ­Welche Spuren hinter­lassen beispielsweise gewalttätige Konflikte wie Bürgerkriege oder auch Naturkatastrophen und Rezessionen in unseren Gesellschaften?

Krisen sind unerwünschte, schwierige Lagen, die von Verlusten oder Bestandsbedrohungen und meist unerfüllbaren Anforderungen geprägt sind. In besonderem Masse trifft dies auf wirtschaft­liche Krisen zu. Inwiefern sich derartige Notlagen auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft auswirken, beschäftigt die modernen Sozialwissenschaften spätestens seit den «Arbeits­losen von Marienthal» aus den 1930er Jahren. Die als Klassiker der empirischen Sozialforschung gehandelte Studie untersuchte unter anderem die psychischen und sozialen Folgen geografisch konzentrierter ­Arbeitslosigkeit in einem kleinen österreichischen Industriedorf. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die einst für ihre ­Lebenslust und ihr Vereinsengagement bekannten Dorfbewohnerinnen und Dorf­bewohner froren im Zuge des wirtschaftlichen Niedergangs ihre ­sozialen Aktivitäten ausserhalb der eigenen ­Familie weitgehend ein. Die Menschen kapselten sich ab, von Neid getriebene Gehässig­keiten nahmen zu und der gesellschaftliche Kitt zerbröckelte. Eine bemerkenswerte Ausnahme dieses Rückzugs stellten diejenigen Vereine dar, die ihren Mitgliedern materielle Vorteile bieten konnten. Mit anderen Worten: Die Vereinseinbindung mutierte in Krisenzeiten von der Gesinnungs­sache zur Interessenangelegenheit.

Europaweite Untersuchungen zu den Auswirkungen der Finanzkrise zu Beginn des Jahres 2008 unterstützen die Befunde aus Niederösterreich und zeigen, dass finanzielle Notlagen das ehrenamtliche Engagement erodieren lassen. Soziale Aktivitäten sind mit Kosten verbunden. Fällt die finanzielle Absicherung weg, werden die Freiräume für gemeinwohlorientiertes Engagement knapp und die Prioritäten verlagern sich. Zudem gilt: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten fühlen sich Menschen finanziell unsicherer. Zum Schutze ihres Arbeitsplatzes arbeiten sie härter, was zulasten ihrer gesellschaftlichen Einsatzbereitschaft…

«Das intelligenteste
Magazin der Schweiz.»
Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»