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Willkommen im sanften Despotismus des Nanny State
Alexis de Tocqueville beschrieb bereits im 19. Jahrhundert die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Bild: Wikimedia Commons.

Willkommen im sanften Despotismus des Nanny State

Wenn sich immer weniger Menschen zuständig fühlen, gerät das Verhältnis zwischen Bürger, Gesellschaft und Staat in Bewegung – mit spürbaren Folgen für Vertrauen, Gemeinsinn und die staatliche Ordnung.

Die Anfrage kommt spät am Abend. Ob man sich vorstellen könne, das Präsidium im Verein zu übernehmen. Nur übergangsweise, heisst es. Ein Jahr, höchstens. Man bedankt sich höflich – und lehnt ab. Wie die meisten vor einem. Noch eine Verpflichtung, ein zusätzlicher Zeitaufwand neben Beruf, Familie und anderen Freizeitbeschäftigungen? Lieber nicht. Am Ende bleibt der Posten unbesetzt. Nicht aus Mangel an guten Leuten, sondern aus Mangel an Bereitschaft zum Engagement.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird von vielen als selbstverständlich angesehen. Man bemerkt ihn erst, wenn er brüchig wird. Wenn Abfall liegen bleibt, obwohl ein Mülleimer in Sichtweite steht. Wenn sich niemand mehr zuständig fühlt. Wenn Vereine um Helferinnen und Helfer ringen, Milizämter mangels Kandidaturen vakant bleiben und alte Menschen tagelang keinen Besuch erhalten. Das alles sind keine Randphänomene. Es sind Symptome. Und sie deuten auf einen Kipppunkt hin.

Dass solche Entwicklungen strukturelle Ursachen haben, ist keine neue Erkenntnis. Bereits im 19. Jahrhundert hat Alexis de Tocqueville, einer der einflussreichsten liberalen Staats- und Gesellschaftstheoretiker seiner Zeit, einen Mechanismus beschrieben, der erstaunlich präzise zu heutigen Beobachtungen passt. Der Individualismus entwöhne den Bürger davon, sich um das gemeinsame Schicksal seiner Mitbürger zu kümmern, schrieb er 1835 in seinem Werk «De la démocratie en Amérique».

Die Erosion des Gemeinsinns

Tocqueville verstand Individualismus nicht als Egoismus, sondern als Rückzug ins Private – bequem für den Einzelnen, folgenreich für die Gesellschaft. Während das Individuum an Freiheit gewinnt, verliert der Gemeinsinn an Verbindlichkeit. Was früher Teil bürgerschaftlicher Mitverantwortung war, wird zunehmend an übergeordnete Instanzen delegiert. Tocqueville beschrieb diesen Prozess als «sanften Despotismus»: eine Ordnung, in der der Staat jene Aufgaben übernimmt, die eine sich zurückziehende Gesellschaft nicht mehr selbst trägt. Der Staat wächst, weil der Einzelne ihn gewähren lässt.

In den USA ist diese Entwicklung heute sichtbarer denn je. Die politische Öffentlichkeit hat sich in getrennte Erfahrungsräume aufgespalten, gemeinsame Bezugspunkte sind rar geworden, Institutionen verlieren an Autorität. Medienkonsum, Lebensrealitäten und politische Überzeugungen verlaufen zunehmend parallel, ohne sich noch zu berühren. Wo der gemeinsame Referenzrahmen fehlt, fällt Verständigung schwer – Verantwortung und Vertrauen werden zu Fremdwörtern. Die Präsidentschaft von Donald Trump markierte dabei keinen Bruch mit dem etatistischen Denken, sondern dessen Zuspitzung: Der Staat wird nicht zurückgedrängt, sondern politisiert und ausgebaut.

Die amerikanische Erfahrung ist deshalb kein Sonderfall, sondern ein Warnsignal. Sie zeigt, wohin demokratische Gesellschaften driften können, wenn sich der Rückzug aus dem Gemeinsinn verfestigt und Verantwortung zunehmend nach oben delegiert wird. Auch in der Schweiz wären wir schlecht beraten, diese Entwicklung als fernes Problem zu betrachten. Zwar sind unsere Institutionen stabiler, unsere politische Kultur konsensorientierter, unser Gemeinwesen kleinteiliger organisiert. Doch diese Stärken beruhen auf Voraussetzungen, die nicht selbstverständlich sind: Vertrauen, Mitwirkung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Wie fragil diese Voraussetzungen geworden sind, zeigt sich hierzulande weniger in spektakulären Brüchen, sondern im schrittweisen Rückzug ins Private. Dieser Rückzug ist auch räumlich geworden. Orte der informellen Begegnung wie Beizen, Vereinslokale oder Quartiertreffs verlieren an Bedeutung, nicht selten verschwinden sie ganz. Was früher an jenen «dritten Orten» stattfand, wie der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg die sozialen Zwischenräume zwischen Arbeit und Privatleben nannte, verlagert sich zunehmend ins Private oder Digitale. Begegnung und die damit verbundene Verbindlichkeit werden zur Frage der Gelegenheit und des Moments, abhängig von Interesse, Verfügbarkeit und situativer Passung. Wer kennt sie nicht, die kurze Nachricht kurz vor der vereinbarten Zeit, mit der ein Treffen verschoben oder abgesagt wird?

Der Rückzug ins Private ist damit keine individuelle Marotte, sondern eine strukturelle Entwicklung. Wo Begegnung unverbindlich wird, verliert Vertrauen seine Grundlage. Und wo Vertrauen fehlt, sinkt die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen. Tocquevilles Diagnose erhält hier ihre konkrete Gestalt. Sichtbar wird diese Entwicklung zunächst in der Freiwilligenarbeit. Ob in der Feuerwehr, im Vereinswesen oder bei sozialen Hilfsangeboten: Funktionen langfristig zu besetzen, wird in der Schweiz zunehmend schwieriger. Besonders Führungs- und Vorstandsämter finden immer weniger Interessierte, die bereit sind, dauerhaft Verantwortung zu übernehmen. Was früher als selbstverständlicher Beitrag zum Gemeinwesen galt, wird heute oft als Belastung empfunden.

«Ob in der Feuerwehr, im Vereinswesen oder bei sozialen Hilfsangeboten: Funktionen langfristig zu besetzen, wird in der Schweiz zunehmend schwieriger.»

Die Folgen sind sichtbar: Ämter bleiben unbesetzt, Vorstandsposten überaltern, Aufgaben werden notdürftig zusammengelegt, interimistisch geführt oder ganz aufgegeben. Was als temporärer Engpass beginnt, entwickelt sich vielerorts zu einem strukturellen Problem.

Der Preis der Bequemlichkeit

Am deutlichsten zeigen sich die Folgen jedoch im Milizsystem, dem tragenden Fundament der schweizerischen Demokratie. Es beruht auf der Idee, dass Bürgerinnen und Bürger nicht nur Anspruchsberechtigte sind, sondern Mitträger des Gemeinwesens. Gemeinden, Schulpflegen, Kommissionen und kirchliche Angebote funktionieren nur, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – oft zusätzlich zu Beruf, Familie und privaten Verpflichtungen.

Genau diese Bereitschaft gerät zunehmend unter Druck. Nicht, weil es an fähigen oder engagierten Personen mangelt, sondern weil der zeitliche, administrative und rechtliche Aufwand stetig wächst, während Anerkennung, Einfluss und Gestaltungsspielraum abnehmen. Es entsteht eine wachsende Asymmetrie zwischen Einsatz und Rückmeldung: Engagement bleibt häufig unsichtbar, Kritik dagegen ist oft laut und öffentlich. Wer Verantwortung übernimmt, setzt sich einem hohen Erwartungsdruck aus – rechtlich, medial und gesellschaftlich. Das verändert das Kosten-Nutzen-Kalkül des Engagements grundlegend und wirkt abschreckend, insbesondere auf jüngere Generationen.

Genau hier setzt die entscheidende Frage an. Engagement lässt sich nicht einfach einfordern, es muss ermöglicht werden. Vereine, Gemeinden und Milizbehörden müssen Verantwortung wieder zumutbar machen: mit weniger Bürokratie, klareren Zuständigkeiten und mehr Vertrauen statt immer neuer Absicherungen. Wer sich engagiert, darf nicht das Gefühl haben, juristisch und gesellschaftlich auf sich allein gestellt zu sein.

Gleichzeitig ist staatliche Zurückhaltung gefragt. Ein liberaler Staat zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er jedes Problem selbst löst, sondern dadurch, dass er Verantwortung dort belässt, wo sie getragen werden kann. Wo er alles regelt, verlernt die Gesellschaft, sich selbst zu organisieren.

Hinzu kommt ein subtiler, aber wirkmächtiger Vertrauensverlust. Vertrauen ist das unsichtbare Betriebssystem einer Gesellschaft. Es sorgt dafür, dass Regeln eingehalten werden, ohne ständig kontrolliert zu werden. Dass man sich an Abmachungen hält, auch wenn niemand zuschaut. Dass man Verantwortung übernimmt, weil man sich als Teil eines grösseren Ganzen versteht. Wenn dieses Vertrauen schwindet, setzt ein Teufelskreis ein. Man engagiert sich weniger, weil man den Eindruck hat, die anderen tun es auch nicht mehr. Und genau dadurch verstärkt sich der Trend.

«Vertrauen ist das unsichtbare Betriebssystem einer Gesellschaft.»

Auch die Schweiz ist nicht immun gegen jene Erosion, die Alexis de Tocqueville beschrieben hat. Der öffentliche Raum verlottert nicht primär aus Geldmangel, sondern aus Gleichgültigkeit. Abfall wird achtlos liegen gelassen, Vandalismus hingenommen, Rücksichtnahme zur Ausnahme. Wer sich korrekt verhält, fühlt sich zunehmend als der Dumme. Das ist gefährlich, denn gesellschaftliche Normen funktionieren nur, solange sie geteilt und gelebt werden. Kippt diese Wahrnehmung, kippt auch das Verhalten.

«Jemand wird sich schon darum kümmern»

Besonders hart trifft es jene, die auf soziale Nähe angewiesen sind. Ältere Menschen vereinsamen nicht nur, weil sich Familienstrukturen verändert haben, sondern weil spontane Solidarität seltener wird. Der kurze Besuch, das Gespräch im Treppenhaus, die helfende Hand im Alltag – all das fehlt zunehmend. Der Staat kann diesen Verlust nicht kompensieren. Im Gegenteil: Je mehr er versucht, gesellschaftliche Defizite administrativ zu ersetzen, desto stärker zieht er Verantwortung an sich – und entlastet damit die Gesellschaft von sich selbst. Was gut gemeint ist, wirkt langfristig kontraproduktiv. Gemeinsinn lässt sich nicht outsourcen. Er muss gelebt werden.

Wird diese Spirale nicht gestoppt, ist nicht nur der gesellschaftliche Zusammenhalt bedroht, sondern die Funktionsfähigkeit unseres Gemeinwesens insgesamt. Der entscheidende Punkt ist: Dieser Trend ist nicht naturgegeben. Er ist das Resultat von Bequemlichkeit, Delegation und einer schleichenden Erwartungshaltung, dass sich «jemand anderes» schon kümmern wird.

Nicht der starke Staat ist die grösste Gefahr für die Demokratie, sondern eine Gesellschaft, die sich an ihn gewöhnt.Genau davor hat Alexis de Tocqueville gewarnt. Nicht vor einem starken Staat an sich, sondern vor einer schleichenden Verschiebung von Verantwortung: weg von den Bürgerinnen und Bürgern, hin zum «sanften Despotismus» eines modernen Nanny State. Der entscheidende Punkt liegt dabei weniger beim Staat als bei der Gesellschaft. Die Rückkehr zu mehr Gemeinsinn ist unbequem. Sie verlangt Zeit, Verbindlichkeit und die Bereitschaft, sich angreifbar zu machen. Aber sie ist der Preis der Freiheit. Wer ihn nicht zahlen will, darf sich über den wachsenden Nanny State nicht beklagen.

«Nicht der starke Staat ist die grösste Gefahr für die Demokratie, sondern eine Gesellschaft, die sich an ihn gewöhnt.»

Wo Engagement ausbleibt, entsteht ein Vakuum. Dieses bleibt nicht leer. Es wird gefüllt – administrativ, regulatorisch, institutionell. Der Staat wächst dabei nicht aus Machtstreben, sondern aufgrund der Nachfrage. Und je selbstverständlicher diese Delegation wird, desto schwieriger wird die Rückkehr zu eigenverantwortlicher Mitwirkung.

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In Institutionen wie der Landsgemeinde in Appenzell zeigt sich das Vertrauen, das aus Vorhersagen entsteht, die mit der Realität übereinstimmen. Bild: Keystone/Christian Merz.
Vertrauen ist ein Naturgesetz

Von der Zelle über das Organ bis zum Menschen und zu Institutionen: Sie alle treffen Vorhersagen, um am Leben zu bleiben; das ist Leben. Wenn eine Vorhersage verlässlich ist, entsteht Vertrauen. Zu leben heisst, auf Vorhersagen zu vertrauen, die über Milliarden Jahre verfeinert wurden.

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