Spiessbürger retten die Welt

Spiessbürger retten die Welt

Bollwerk gegen den Kommunismus, Hüter der Demokratie: Das Kleinbürgertum wird sträflich unterschätzt. Eine Ehrenrettung.

 

Die Kommunisten standen vor einem Problem. Der von ihnen angestrebten proletarischen Revolution stand ein mächtiges Hindernis im Weg. Und es war nicht das Grosskapital, auf dessen Eigentum an den Produktionsmitteln sie es vor allem abgesehen hatten. Es waren die Kleinbürger: einfache Handwerker, Klein­gewerbler oder Angestellte, die bei einer breiten Enteignung kaum etwas zu verlieren hatten – aber offenbar doch genug. «In Deutschland bildet das (…) Kleinbürgerthum die eigentliche ­gesellschaftliche Grundlage der bestehenden Zustände», konstatierten Karl Marx und Friedrich Engels 1848 im «Kommunistischen Manifest».

Die Abscheu gegenüber dem Kleinbürgertum, dem es entweder an Einsicht oder Solidarität fehlt, den Sturz des kapitalis­tischen Systems zu unterstützen, ist eine Konstante im kommunistischen Denken. Besonders gegrämt haben dürfte die Berufsrevolutionäre die Tatsache, dass selbst die Arbeiter am kommunistischen Ideal der klassenlosen Gesellschaft weniger interessiert waren als an einem kleinbürgerlichen Leben. Eine Befragung von Kohle- und Stahlarbeitern im Ruhrgebiet 1919 ergab, dass die meisten nicht mehr wünschten als einen anständigen Lohn, ­Respekt vonseiten des Arbeitgebers und ein eigenes kleines Haus mit Garten. Nicht eben die ideale Grundlage für die proletarische Weltrevolution.

Während Kommunisten die «Spiessbürger» verachten und verspotten, kümmern sich die meisten Politiker heute rührselig um sie – zumindest rhetorisch. In Sonntagsreden loben sie die Büezer und Chrampfer als Rückgrat der Nation. Nur selten jedoch lassen die gleichen Politiker auf die schönen Worte Taten folgen: Das Kleinbürgertum ist die verlorene Klasse der modernen Politik.

Der Wunsch nach Autonomie

Kleinbürger, der untere Teil der Mittelschicht, bestehend aus Selbständigen und Angestellten, oft mit bescheidenem Vermögen in Form einer kleinen Firma oder Wohneigentum, mögen wirtschaftlich wenig besser dastehen als Personen in prekären Arbeits­verhältnissen, besitzen aber eine gewisse Autonomie und Unabhängigkeit gegenüber grossen Unternehmen wie auch ­gegenüber dem Staat.

Diese Autonomie ist es, die auch auf die unteren Schichten anziehend wirkt. Das Streben nach und die Verteidigung von Auto­nomie kann eine starke Kraft entwickeln. Der Anthropologe James C. Scott beschreibt in «Two Cheers for Anarchy», wie etwa Kleinbauern mit allen Mitteln um den Erhalt ihres trostlosen Stücks Land kämpften, selbst wenn das wirtschaftlich kaum Sinn ergab. Und eine Untersuchung des Ökonomen Hernando de Soto im Nahen Osten und Nordafrika dokumentierte den verzweifelten Kampf von Kleinunternehmern gegen Enteignungen und bürokratische Schikanen. Es ist kein Zufall, dass die Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers am Anfang des «arabischen Frühlings» stand. Das Streben nach persönlicher Autonomie und Würde kann eine ungeahnte politische Energie freisetzen.

Der amerikanischen Revolution ging die Entstehung einer ­zunehmend stärker und selbstbewusster auftretenden Mittelklasse voraus; auch die russische Revolution wurde massgeblich von Kleinbauern getragen, die auf (mehr) eigenes Land hofften – um dieses ein Jahrzehnt später im bolschewistischen Feldzug ­gegen die «Kulaken» wieder zu verlieren.

Rückgrat der Zivilgesellschaft

Die ausgeprägte Autonomie beförderte schon früh relativ freie und gleiche Gemeinschaften. Wo im Mittelalter und der frühen Neuzeit feudale Strukturen schwach waren und dominante Zen­tren mit hoher Machtkonzentration fehlten, etwa in der Eid­genossenschaft, entstanden frühe Formen von Demokratie und Republikanismus, die auf Selbstregierung durch freie, gleich­berechtigte Bürger fussten. Die Idee genossenschaftlicher Selbst­organisation lebte im liberalen Bundesstaat fort. Es war dieses Modell, das Friedrich Engels 1850 in einer Schrift über die Schweiz als «kleine bürgerlich-bäuerliche Republik» verspottete, als «ein kleines ­Tätigkeitsfeld für kleine, bescheidene Leute (…) lauter Mittelstand und Mittelmässigkeit». Für ihn war klar, dass unter solchen Bedingungen nichts Grosses entstehen konnte, schon gar keine Revolution der Arbeiterklasse.

Die Befreiung der Menschen aus der Feudalherrschaft setzte gewaltige ökonomische Kräfte frei, ohne die Industrialisierung und moderner Kapitalismus nicht möglich gewesen wären. Auf den Aufstieg des Bürgertums folgte stets dessen Forderung nach mehr politischer Mitbestimmung. Es ist kein Zufall, dass verschiedene Historiker und Sozialwissenschafter die Existenz einer ­starken Mittelklasse als entscheidend für das Entstehen und…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»