Herausforderung Zinswende

Herausforderung Zinswende

Die anstehende Zinswende wird zum Stresstest für die Pensionskassen. Eine Entlastung für die zweite Säule käme erst in Sicht, wenn das Zinsniveau mindestens drei Prozent erreichte − und langfristig auf diesem Niveau verharrte.

Das Zinsniveau spiegelt die Kapitalkosten. Es ist einerseits ein zentraler Treiber für die Entwicklung der Realwirtschaft, und es bestimmt andererseits die Ertragsbasis der Kapitalmärkte. Änderungen des Zinsniveaus setzen einen sehr komplexen Mechanismus in Gang, der neue Gleichgewichte für die wirtschaftlichen und anlagetechnischen Prozesse erzwingt. Die Suche nach den neuen Gleichgewichten und die damit verbundenen Anpassungsprozesse erzeugen jeweils mehr oder weniger grosse Turbulenzen – und dabei gibt es Gewinner und Verlierer.

Seit der Finanzkrise 2008 werden die Zinskurven zusätzlich zur Leitzinsfestlegung durch eine aggressive Offenmarktpolitik mit massiven Zukäufen von Staatsanleihen durch die Zentral­banken auch am langen Ende (Laufzeit ab 10 Jahren) gesteuert. Das Ausmass dieser Massnahmen ist im historischen Kontext einzigartig und schlägt sich in massiven Zunahmen ihrer Bilanzsummen nieder. Die Zinskurven werden dabei auf makroökonomische Faktoren wie Arbeitslosenquote, BIP-Entwicklung und Inflationserwartung abgestimmt. Die amerikanische Zentralbank (FED) hat ab Herbst 2008 die Zinsen rigoros gesenkt, um eine Rezession im Nachgang zum Lehman-Konkurs zu verhindern. Die dann 2017 in Gang gesetzte «Normalisierung» der USD-Zinsen soll «marktverträglich» vorgenommen werden, so dass die US-Konjunktur nicht wegen zu hoher Zinsen abgewürgt wird. In Europa hatte die EZB die Zinsen mit zeitlicher Verzögerung zur FED ebenfalls drastisch gesenkt, die Einleitung einer Normalisierung allerdings steht noch aus. Und die Schweizerische Nationalbank musste der EZB mit der Zinssenkung im selben Ausmass folgen, weil die Zinsdifferenz zwischen dem Schweizer Franken und dem Euro neben den Wechselkursen als einer der wichtigsten finanzökonomischen Treiber der hiesigen Konjunktur gilt.

Was bedeutet der (bevorstehende) Zinsanstieg für die Pensionskassen?

Nach Einführung des BVG-Obligatoriums 1985 stieg die Verzinsung 10jähriger Bundesobligationen anfänglich von 4,7 auf 6,2 Prozent im Jahr 1992. Seither herrschte ein langer Trend sinkender Zinsen – bis unter 0 Prozent seit 2014. Wenn die Zinsen im CHF nicht tiefer in den Negativbereich sinken, wird sich der zinsgetriebene Rückenwind an den Kapitalmärkten in eine Flaute oder in einen Gegenwind verwandeln. Seit 2000 haben die Pensionskassen gemäss CS-PK-Index eine Rendite von 3,3 Prozent pro Jahr erwirtschaftet. Ob die Zinssenkungsphase durch eine längere Phase von mindestens 10 Jahren mit Niedrigzinsen im Bereich von −1 bis +1 Prozent oder durch eine Phase mit langfristig steigenden Zinsen abgelöst wird, muss die Zukunft zeigen. Der Schweizer Franken gilt aber – wie der japanische YEN – als «sicherer Hafen». In unsicherem Markt­umfeld werten sich diese Währungen trotz sinkender oder tiefer Zinsen auf. Japan lebt seit über 30 Jahren mit praktisch 0 Prozent Zins. Dieses Szenario könnte sich auch in der Schweiz etablieren.

Auf der technischen Seite wurden die Pensionskassen ab 2003 durch die vom Bundesrat ermöglichte Reduktion der Mindestverzinsung (Vorsorgekapital Aktive) von 4 auf 1 Prozent entlastet. Zusätzlich musste der technische Zins (Vorsorgekapital Rentner) von 4 auf durchschnittlich rund 2 Prozent gesenkt werden. Die Verzinsungsanforderung reduzierte sich zwar entsprechend, löste aber eine Umverteilung von Jung zu Alt aus – durch eine Deckungsgradeinbusse um bis zu 20 Prozent. Ein substanzieller Zinsanstieg in den Bereich von 3 bis 4 Prozent, gemessen an 10jährigen Bundesobligationen, würde den Pensionskassen nun die Arbeit erleichtern, sofern sich die Zinsen mindestens zehn Jahre lang auf wenigstens diesem Niveau bewegen. Obligationenanlagen würden endlich wieder ausreichend Erträge abwerfen, um die Renten zu finanzieren und die Sparkapitalien vernünftig zu verzinsen. Vor diesem Hintergrund könnte die Obligationenquote wieder erhöht werden. Wenn zusätzlich der technische Zins von heute rund 2 Prozent wieder auf 4 Prozent stiege, würde der Deckungsgrad um bis zu 20 Prozent steigen und damit die Risikofähigkeit verbessern. Der Weg von der heutigen für die Pensionskassen anspruchsvollen Niedrigzinsphase in ein Zinsumfeld von 3 bis 4 Prozent dürfte indes steinig werden. Warum?

Besondere Risiken

Die Herausforderungen in der Anfangsphase des Zinsanstiegs liegen sowohl auf der technischen Seite als auch…

«Das intelligenteste
Magazin der Schweiz.»
Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»