«Die Umsetzung schlechter  Wissenschaft hat enorme  Konsequenzen»
Abhijit Banerjee, fotografiert von Daniel Jung.

«Die Umsetzung schlechter
Wissenschaft hat enorme
Konsequenzen»

Ökonomen sollten weniger wie Physiker und mehr wie Handwerker arbeiten, sagt der Nobelpreisträger Abhijit Banerjee. Sie könnten zur Lösung der globalen Probleme beitragen – allerdings müssten sie zunächst das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen.

Herr Banerjee, die wirtschaftliche Entwicklung wird derzeit durch zahlreiche Herausforderungen bedroht. Worüber ­machen Sie sich Sorgen?

Im Moment sind die Folgen der Pandemie und des Ukraine­krieges sowie die hohen Rohstoffpreise grosse ökonomische Herausforderungen. Hinzu kommt die massive Straffung der Geldpolitik in den USA: Wenn die US-Notenbank die Zügel anzieht, fliesst das Geld zurück in die USA, was zu einer Abwertung der Währungen in den Entwicklungsländern führt. So zumindest lautet das üb­liche Muster.

 

Sind die Aussichten für Entwicklungsländer besonders düster?

Gerade sie litten unter den ökonomischen Folgen der Pandemie: Indien zum Beispiel hatte 2020 in einem Quartal ein negatives Wachstum von 24 Prozent, das ist womöglich ein Negativrekord. Im Frühjahr 2022 glaubte man, dass jetzt die Zeit der Erholung folgen würde. Doch plötzlich ­befinden wir uns inmitten eines doppelten Schocks, der Ukraine­krise in Kombination mit der Straffung der Geldpolitik in den USA. Es ist naheliegend, dass den Entwicklungsländern schwere Zeiten bevorstehen. Sie hätten eine Expansion des Weltmarkts am dringendsten benötigt. Zudem sind viele Entwicklungsländer auf Energieimporte ­angewiesen, die sich nun stark verteuert haben.

 

«Wir befinden uns inmitten eines doppelten Schocks, der Ukrainekrise in Kombination mit der Straffung der Geldpolitik in den USA.»

 

Die letzten Jahrzehnte haben eine massive Verbesserung des Lebensstandards und eine Verringerung der weltweiten Armut gebracht. Besteht die Gefahr, dass es zu einer ­Trendumkehr kommt?

Das wird ein wenig davon abhängen, was im Krieg in der Ukraine passiert. Wirtschaftlich gesehen waren die letzten zwanzig Jahre trotz der Wirtschaftskrise in den späten 2000er-Jahren erfreulich. Ist es leicht, die erzielten Fortschritte zu verlieren? Ja, aber ich bin immer noch optimistisch, dass wir irgendwie aus dieser Situation heraus­kommen. Es gibt allerdings viele Dinge, die schiefgehen können: Wird China zum Beispiel weiterhin ein stabiler Partner in der Weltwirtschaft bleiben?

 

Würden Sie sagen, dass die Globalisierung auf dem Rückzug ist?

Ja, aber das ist sie schon seit einigen Jahren. Die Globalisierung hatte ihren Höhepunkt in den frühen 2000er-Jahren und ist seither rückläufig. Die Globalisierung wurde regelmässig totgesagt – denken Sie zum Beispiel daran, was viele Zeitungen nach der Wahl von Donald Trump geschrieben haben. Die Aufsplitterung des Handels in Blöcke und das Aufleben bilateraler statt multilateraler Beziehungen sind seit Ende der 2000er-Jahre im Gange.

 

Wird sich dieser Trend durch die aktuelle Situation noch beschleunigen?

Die Pandemie und der Krieg könnten ein Umdenken in bezug auf China auslösen. Ich weiss aber nicht, ob das Welthandelsvolumen damit zwangsläufig schrumpfen wird. Es könnte auch lediglich zu einer Verlagerung der Lieferketten kommen, wenn sich die westlichen Länder von China abwenden und sich im Gegenzug etwa stärker auf Südost- und Südasien verlassen.

 

Zurück zur Armutsbekämpfung: Wie gut hat die ­Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten ­funktioniert?

Das hängt davon ab, was man von ihr erwartet. Es gibt berechtigte Bedenken hinsichtlich des Einsatzes von Entwicklungshilfe als politischem Instrument: Das ist sicherlich bei den chinesischen Entwicklungsgeldern in Afrika der Fall, und auch die europäische Hilfe ist oft an politische Ziele geknüpft. Gleichzeitig hat die Weltgemeinschaft beispielsweise bei der Bekämpfung von HIV Millionen von Leben gerettet. Impfstoffen und dem verbesserten Know-how bei Entwicklungsinterventionen verdanken wir die Tatsache, dass zwischen 2000 und 2020 die Sterblichkeit von Kindern und Müttern weltweit zurück­gegangen ist – vornehmlich in den unterentwickelten Ländern Afrikas.

 

Was wird nach dem Krieg in der Ukraine geschehen? Wie kann das Land wiederaufgebaut werden?

Wenn man sich Deutschland oder Japan nach 1945 anschaut, erfolgte der wirtschaftliche Wiederaufbau erstaunlich rasch. Ähnliches gilt für Vietnam nach 1975: Das war ein Land, von dem man hätte meinen können, dass es ökonomisch in die Steinzeit zurückgebombt wurde. In der Realität kam es auch dort zu einem schnellen Wiederaufschwung. Im Prinzip ist die Ukraine ein Land mit vielen wirtschaftlichen Ressourcen, was eine rasche Erholung ­befördern würde. Natürlich hängt das aber davon ab, wie viel davon den Krieg überlebt. Hoffentlich wird es eine Art Marshallplan für die Ukraine geben. Die Chancen dafür scheinen mir ziemlich gut: Die Ukraine erhält ein Ausmass an politischer Unterstützung, das viele andere Länder mit ökonomischen Problemen, beispielsweise Afghanistan, nicht genossen haben. Die Ukraine hat bessere Erholungschancen als viele andere Länder, die ebenfalls angegriffen wurden.

 

Wie teuer sind Kriege wirtschaftlich?

Sehr teuer. Das Bruttoinlandprodukt sinkt im Jahresvergleich oft um ein Viertel oder mehr. Die Auswirkungen hängen aber von der Kriegsdauer ab: Wenn der Krieg früh genug endet, werden viele Geflüchtete in die Ukraine zurück­kehren, da sie ihr Land immer noch als ihre Heimat betrachten. Dauert er jedoch länger, zum Beispiel zehn Jahre, dann verbringen junge geflüchtete Ukrainer einen beträchtlichen Teil der Kindheit in einem anderen Land. Damit verlieren sie den Bezug zur Heimat: Sie würden sich zum Beispiel als ­Polen oder Rumänen sehen und keinen Gedanken darüber verschwenden, jemals in die Ukraine zurückzukehren. Lange Kriege schaffen verlorene Generationen.

 

Was ist mit der Zerstörung von ­I­nfrastruktur, die ebenfalls ­während eines Krieges stattfindet?

Die Beispiele Deutschland und Japan legen nahe, dass sich In­frastruktur recht schnell wieder aufbauen lässt. In beiden Fällen haben nur sehr wenige Menschen das Land während des Krieges verlassen. Ein permanenter Wegzug ganzer Genera­tionen hat dagegen viel häufiger dauerhafte Auswirkungen, das sieht man zum Beispiel in Nordmexiko oder El ­Salvador, wo die Menschen vor Drogenkriegen fliehen. Die Weggezogenen sind oft jene Personen mit dem besten ­Bildungsstand. In Venezuela etwa haben fast alle Ärzte das Land verlassen. Das ist kostspielig und nur schwer umkehrbar.

 

Lassen Sie uns über die Wirtschaftswissenschaften als ­Disziplin sprechen. Manche Ökonomen vergleichen sich gern mit Physikern. Sie würden sich wünschen, dass sie häufiger wie Handwerker arbeiten. Was meinen Sie damit?

Die mathematische Analyse des menschlichen Verhaltens, wie sie in den Wirtschaftswissenschaften häufig praktiziert wird, gibt ihnen nur wenige konkrete Einblicke für die Realität. Formale Modelle sind durchaus nützlich, sie dienen aber einem anderen Zweck: Sie helfen als Denkorientierung, aber sie bieten keine konkreten Umsetzungs­vorschläge. Sie werfen eher Fragen auf, als dass sie Antworten liefern. Mit formalen Modellen kann man das Gehirn sortieren und neue Wege finden, über herkömmliche Probleme nachzudenken. Die Umsetzung von Konzepten in der politischen Realität, beispielsweise die Ausarbeitung einer effizienten Impfkampagne in Entwicklungsländern, erfordert jedoch ein Mass an praktischem Verständnis, das ein guter Handwerker mitbringt.

 

In Ihrem Buch «Gute Ökonomie für harte Zeiten» schreiben Sie, dass Wirtschaftswissenschaften auch Schaden anrichten ­können. Was wäre dafür ein Beispiel?

Im grossen und ganzen sind wir Ökonomen der Meinung, dass Handel eine gute Sache ist, dass man viel davon profitieren kann. Wir wissen aber auch, dass einige Menschen durch Handel verlieren können. In Modellen gehen Ökonomen immer davon aus, dass die Gewinner des Handels die entsprechenden Massnahmen ergreifen, um die Verlierer zu entschädigen, damit schliesslich alle von der Globalisierung profitieren. Das Problem ist, dass diese Annahme fast nie erfüllt wird – in der Praxis wird ein entscheidender Schritt häufig ausgelassen. Die Umsetzung schlechter ­Wissenschaft hat enorme menschliche Konsequenzen.

 

Was ist Ihrer Meinung nach heute die Hauptaufgabe der Wirtschaftswissenschafter?

Es gibt so viele Dinge zu tun. Da wären zum Beispiel Armut, die Klima- und Umweltkrise sowie die Wasserknappheit in vielen Ländern. Ausserdem sehen wir in wohlhabenden Staaten immer häufiger die Tendenz zur Abschottung. All diese Dinge haben wirtschaftliche Konsequenzen. Angesichts so vieler gleichzeitiger Krisen befinden wir uns mitten in einer Zeit, in der die Wirtschaftswissenschaften ausserordentlich wertvoll sein könnten. Ökonomen könnten ihre Überlegungen besser erklären und ihre Kostenab­wägungen offenlegen. Wir könnten etwa aufzeigen, welche Auswirkung die amerikanische Wirtschaftspolitik auf Menschen in zahlreichen Ländern hat: In Bangladesch oder Kambodscha zum Beispiel wird man mit einer Währungsabwertung zu kämpfen haben, weil die US-Notenbank die Zinsen anhebt. Wir könnten unsere Stimme erheben, aber oft sind wir zu still.

 

Das Problem ist doch aber auch, dass die Öffentlichkeit den Ökonomen kaum Glauben schenkt.

Absolut, die Öffentlichkeit vertraut uns nicht. In Deutschland etwa wird gerade heftig diskutiert, ob man aggressiver gegen die Einfuhr von russischem Gas vorgehen müsse. Ich würde sagen, dass sich die Mehrheit der Ökonomen in dieser Frage einig ist: Eine Abkehr von russischem Gas wäre zwar kostspielig, aber machbar. Nur scheint es, dass diese Expertenmeinung in der breiten Bevölkerung kaum Gehör findet. Ökonomen hätten im Moment eigentlich viel Nützliches zu sagen – aber niemand will ihre Meinung hören.

 

John Maynard Keynes träumte davon, dass Wirtschaftswissenschafter eines Tages einen vergleichbaren Ruf wie ein ­Zahnarzt erlangen würden. Vertrauen Sie Ihrem Zahnarzt?

Ja, ich vertraue meinem Zahnarzt. Im Durchschnitt haben Zahnärzte sicherlich einen viel besseren Ruf als wir Ökonomen.

 

«Im Durchschnitt haben Zahnärzte sicherlich einen
viel besseren Ruf als wir Ökonomen.»

 

Welchen Herausforderungen werden sich Wirtschaftswissenschafter in den kommenden Jahren stellen müssen?

Im Moment sehe ich besonderen Handlungsbedarf darin, die Welt zu überzeugen, dass sich der Klimawandel zu nicht katastrophalen Kosten bewältigen lässt. Ich bin sehr besorgt darüber, dass die politische Rechte in den USA offenbar alle Bemühungen aufgegeben hat, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Einige Akteure behaupten gar, er existiere nicht. Hier müssen Ökonomen eine entscheidende Rolle spielen: Sie müssen argumentieren, dass die Kosten der Bekämpfung des Klimawandels im Vergleich zum Nichthandeln moderat sind. Diese Schlacht müssen wir gewinnen.

 

Werden die Wirtschaftswissenschafter in der Klimafrage denn gegenwärtig überhaupt berücksichtigt?

In vielen Ländern wird zögerlich akzeptiert, dass es eine höhere und handelbare CO2-Steuer geben sollte. Die Wirtschaftswissenschaften haben hier eine nützliche Erkenntnis geliefert: Kohlenstoff sollte man nicht verbieten, sondern besteuern und für den Handel mit Emissionsrechten freigeben.

 

Aber das sagen Ökonomen schon seit langem. Die Handelbarkeit von Kohlenstoff wird politisch immer noch sehr zögerlich ­umgesetzt.

Es gibt nun immerhin vielerorts erste Versuche. Es stimmt jedoch, dass die praktischen Aspekte der Umsetzung noch nicht vollständig durchdacht worden sind. Viele Menschen erhalten CO2-Gutschriften, ohne etwas dafür zu tun. Ökonomen könnten bei der Gestaltung von weniger mani­pulierbaren Anreizsystemen Hand bieten.


Dieses Gespräch wurde im Rahmen einer Veranstaltung des UBS Center for Economics in Society durchgeführt.

«So spannend, dass man es gar nicht
abwarten kann, bis der Monat wieder vorbei ist.»
Hans-Werner Sinn, Ökonom,
über den «Schweizer Monat»