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Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern Verantwortung geben – gerade in Zeiten künstlicher Intelligenz
Marco Huwiler, zvg.

Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern Verantwortung geben – gerade in Zeiten künstlicher Intelligenz

Viele Firmen sehen KI vor allem als Mittel zur Effizienzsteigerung. Damit untergraben sie das Vertrauen ihrer Angestellten, statt ihr Potenzial zu nutzen.

 

Vertrauen ist in disruptiven Zeiten ein matchentscheidender Faktor. Auf Vertrauen lässt sich aufbauen. Wo Vertrauen fehlt, wächst Misstrauen, werden Mitarbeiter illoyal und Kunden skeptisch. Vertrauen ist heute bedeutender denn je für den nachhaltigen Erfolg von Organisationen.

Das zeigt sich innerhalb der Organisation – etwa im Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Führungskräften oder allgemein hinsichtlich der Entwicklung und Zukunftsfähigkeit der eigenen Organisation. Es zeigt sich als Vertrauen in Technik, ihre Zuverlässigkeit, ihre Sicherheit und Nutzung. Und ausserhalb: als Vertrauen der Kundinnen und Kunden ebenso wie als Vertrauen der Märkte, der Politik. Alle diese Arten von Vertrauen stehen unter Druck: durch die enorme technologische Disruption kombiniert mit geopolitischen Unsicherheiten.

Die gute Nachricht: Wir wissen, was zu tun ist, um Vertrauen zu erhalten und zu stärken. Wir kennen die Rezepte, wie aus Zaghaftigkeit, Verunsicherung oder gar Ängstlichkeit etwas anderes entsteht – nämlich Mut, Zuversicht und Gestaltungswillen.

Menschliche Stärken nutzen

Als Beratungsunternehmen sehen wir tief in Organisationen hinein und wissen, wie gross die disruptive Wirkung künstlicher Intelligenz (KI) ist und wie daraus Wertschöpfung generiert werden kann. Zentral sind eine moderne Datenarchitektur und die Nutzung der Cloud, das Überdenken von Prozessen und Produkten, das Aufbrechen von Silos, die Neugestaltung von Verantwortlichkeiten, die Neuorganisation der Arbeit und die Schulung der Mitarbeiter. Leider machen viele Organisationen den Fehler, KI nur oder zu grossen Teilen als ein Mittel zur Steigerung der Effizienz zu sehen.

Die Folge: eine grosse Verunsicherung der Mitarbeiter, die befürchten, dass Technologie sie ersetzen werde. Einmal verlorenes Vertrauen ist kaum zurückzugewinnen. Aber nicht nur das. Solche Organisationen verpassen ihre Gewinnchancen, die ihnen die KI eigentlich in die Hand gäbe, um Geschäftsmodelle zu erweitern, zu entdecken, zu wachsen, echten Mehrwert zu schaffen. Kurzum: Die Chancen der KI werden nur dann zu nachhaltiger Wertschöpfung, wenn der Wandel auf dem Vertrauen der Mitarbeiter gründet: «Human in the lead, not in the loop.»

«Leider machen viele Organisationen den Fehler, KI nur oder zu grossen Teilen als ein Mittel zur Steigerung der Effizienz zu sehen.»

Doch woher und wie erhalten wir dieses Vertrauen? Es ist nicht allzu schwierig. Unsere Studien zeigen, dass die erfolgreiche Einführung von KI bei den Menschen beginnt und nicht bei der Technologie. Erfolgreiche Organisationen konzentrieren sich darauf, ihre Mitarbeiter auf diese Reise mitzunehmen, menschliche Stärken zu nutzen und die Arbeitsweise in Zusammenarbeit mit KI zu überdenken. In der Praxis beginnt dies damit, dass Führungskräfte Kernprozesse überdenken. Anschliessend müssen KI-Ziele sofort in die Teamziele eingebettet und Fortschritte regelmässig überprüft werden, um die aktive Beteiligung zu fördern.

Für die Führungskräfte ist zentral, dass sie ihre Rolle nicht top-down verstehen, sondern Engagement und Eigenverantwortung fördern. Transparenz, offener Dialog, regelmässige Kommunikation sowie eine wertschätzende Feedbackkultur gehören in ihren Werkzeugkasten.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema KI ist nicht delegierbar. Das heisst: Auch die Wissensbasis der Unternehmensspitze muss fundiert sein, denn Boards und CEO müssen KI erklären können. Wenn Mitarbeiter den Eindruck gewinnen, dass oben dahergeredet wird und sie das Ganze anschliessend allein operativ umsetzen müssen, entsteht kein Vertrauen. Gerade deshalb sind gutes Change-Management und eine klare, einfache Kommunikation entscheidend. In der KI-Disruption ist eine ausgeprägte Fehlerkultur ganz besonders wichtig, eine Fehlerkultur, die ein Scheitern nach einem mutigen Ausprobieren nicht bestraft. KI soll den Menschen nicht ersetzen, sondern ihm Zeit verschaffen, sich neuen Ideen zuzuwenden. Organisationen sollten den Mitarbeitern diese Zeit gewähren. Das führt zu höherer Akzeptanz, grösserer Kreativität – und Vertrauen.

Wir Menschen haben unerreichte Stärken. Erfolgreiche Organisationen setzen auf diese menschlichen Stärken und nutzen das gesamte Spektrum der KI-Technologien, um die menschlichen Fähigkeiten zu erweitern. KI ermöglicht es Spezialisten in wissensbasierten Branchen, mehr Optionen zu erkunden, komplexere Szenarien zu simulieren und Erkenntnisse zu skalieren, die bisher unerreichbar waren. Die Pharmabranche ist hierfür ein gutes Beispiel. Dies spiegelt eine tiefere Reife bei der Einführung von KI wider. Menschliches Fachwissen wird zum Unterscheidungsmerkmal und KI zum Multiplikator. So erschliessen sich clevere Organisationen neue Ebenen der Präzision, der Kreativität und der Innovation. Wenn sie gezielt auf die menschlichen Stärken setzen, schaffen sie automatisch Vertrauen. Ihre Botschaft ist: KI ersetzt dich nicht, sondern KI potenziert dein Wissen und deine Kreativität.

Wachsendes Sicherheitsrisiko

Eine weitere Ebene ist die Sicherheit. Sie ist eine Grundvoraussetzung für Vertrauen. Der Einsatz von KI erhöht allerdings das Risiko der Verletzlichkeit einer Organisation. Im neuesten Global Cybersecurity Outlook 2026 von Accenture und dem World Economic Forum identifizierten 87 Prozent der Befragten KI-bezogene Schwachstellen als das am schnellsten wachsende Cyberrisiko. Die CEO nennen es als zweitgrösstes Risiko, gleich nach Phishing und Cyberbetrug. Bei den KI-Risiken werden insbesondere Datenlecks und der Ausbau von Fähigkeiten von Angreifern als die wichtigsten Sicherheitsbedenken genannt. Was ist zu tun, um das Vertrauen zu erhalten? Letztlich geht dies nur über den Ausbau der eigenen Resilienz.

KI hat im Kontext von Cyberrisiken einen doppelten Charakter: Sowohl die Angreifer wie auch die Verteidiger erhalten neue Möglichkeiten. Dieser technologische Wettbewerb verschärft sich. Deshalb sollten Organisationen ihren Fokus von reaktiver zu proaktiver Sicherheit verlagern. Sie müssen die Governance, Validierung und Aufsicht in jeder Phase der KI-Einführung überprüfen. Die Vorteile der KI hängen von der disziplinierten Einführung und Umsetzung ab. Schlecht implementierte Lösungen bergen neue Risiken. Deshalb müssen Organisationen von Anfang an robuste Schutzmassnahmen integrieren und diese kontinuierlich überwachen.

Die Schlussfolgerung ist klar: KI kann die Cybersicherheit verbessern, jedoch nur, wenn sie innerhalb solider Governance-Rahmenbedingungen eingesetzt wird, bei denen das menschliche Urteilsvermögen im Mittelpunkt steht. Auch hier gilt für die Vertrauensbildung: «Human in the lead, not in the loop.»

«KI kann die Cybersicherheit verbessern, jedoch nur, wenn sie innerhalb solider Governance-Rahmenbedingungen eingesetzt wird, bei denen das menschliche Urteilsvermögen im Mittelpunkt steht.»

Verunsicherte Mitarbeiter

Leider beobachten wir aktuell, dass die Wahrnehmung von Mitarbeitern und Führungskräften stark auseinanderklafft. 94 Prozent der Führungskräfte glauben, dass ihre Organisation den Mitarbeitern die nötigen Schulungen anbietet, um KI effizient zu nutzen. Nur 27 Prozent der Mitarbeiter teilen diese Ansicht. In der Schweiz sind es gar nur 20 Prozent der Mitarbeiter, die sich als aktive Mitgestalter der KI-Veränderungen in ihrer Arbeit erleben. Und: Der schnelle KI-Roll-out ohne ausreichende Schulungen verunsichert viele Beschäftigte deutlich stärker als weltweit: 55 Prozent hierzulande befürchten, dass KI ihre Jobs abbauen wird und ihre Rollen weniger gefragt sein werden, statt dass KI ihre Arbeit unterstützen und verbessern wird. Weltweit sagen dies nur 32 Prozent.

Solche Ergebnisse müssen zu denken geben, denn sie zeigen, dass Mitarbeiter in der Schweiz noch zu oft «in the loop» und nicht «in the lead» sind.

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In Institutionen wie der Landsgemeinde in Appenzell zeigt sich das Vertrauen, das aus Vorhersagen entsteht, die mit der Realität übereinstimmen. Bild: Keystone/Christian Merz.
Vertrauen ist ein Naturgesetz

Von der Zelle über das Organ bis zum Menschen und zu Institutionen: Sie alle treffen Vorhersagen, um am Leben zu bleiben; das ist Leben. Wenn eine Vorhersage verlässlich ist, entsteht Vertrauen. Zu leben heisst, auf Vorhersagen zu vertrauen, die über Milliarden Jahre verfeinert wurden.

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