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Giuseppe Gracia, fotografiert von Akchayan Sivakumar.

Misstrauen ist rational

Dass immer weniger Menschen den Medien und der Politik glauben, ist hausgemacht. Statt selbstkritisch über die Bücher zu gehen, werden Andersdenkende diffamiert. Zeit für einen Kurswechsel.

 

Heute geniessen Regierungen und Leitmedien immer weniger Vertrauen – das belegen verschiedene Erhebungen (siehe Seite xy). Auffällig ist dabei der internationale Vergleich: In Asien und Südamerika vertrauen die Menschen ihren Politikern und Journalisten mehr als in Europa.

Statt diese Vertrauenskrise schönzureden, sollten westliche Regierungen und Medienhäuser sich fragen, was das Misstrauen von Millionen Menschen ihnen gegenüber bedeutet. Warum fallen «Fake News» im digitalen Raum auf fruchtbaren Boden? Warum greifen Regierungen, die bürgerliche Freiheiten eigentlich schützen sollten, zur digitalen Zensur?

Dass in der Bevölkerung der Glaube an manipulative Medien und korrupte Institutionen zunimmt, sollte nicht als Randphänomen abgetan werden. Denn es ist ein Glaube, von dem sich lernen lässt. Wer den Aussagen von Staatsvertretern oder Meinungsmachern im öffentlich-rechtlichen Rundfunk misstraut, der bringt damit zum Ausdruck: Er möchte nicht manipuliert werden, sondern unabhängig entscheiden, was er für richtig oder für falsch hält. Und wer von «Lügenpresse» spricht, möchte nicht belogen werden, sondern darauf vertrauen können, dass man ihm die Wahrheit sagt.

Wahrheit und Freiheit: Eigentlich ist es keine schlechte Nachricht, wenn Menschen nicht ohne sie leben wollen – auch dann, wenn sie von der Regierung keine Freiheit und von den Medien keine Wahrheit mehr erwarten. Die Menschen hören trotzdem nicht auf, danach zu suchen – sonst gäbe es im Netz nicht diese Fülle an alternativen Kanälen und konkurrierenden Weltdeutungen. Verantwortungsträger in Politik und Medien wären gut beraten, diese Tatsache ernst zu nehmen.

Die Bürger wollen nicht belehrt werden

Die zunehmende Volkspädagogik in Parteiprogrammen, Abstimmungskämpfen und publizistischen Produkten hat kaum dazu beigetragen, das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. Wer mit Regenbogenfahne, Klimaschutz oder offenen Grenzen gegen Kritiker Stimmung macht, verstärkt eher das Misstrauen. Die moralische Diffamierung Andersdenkender hat in vielen Debatten den Wettbewerb der Ideen ersetzt. Wer Regierungsentscheide hinterfragt, gilt als Feind der Demokratie. Und wer die woken Prozessionen der Palästinafreunde, Transfreunde und Islamversteher ablehnt, wird zum Hasser und Hetzer erklärt.

«Die moralische Diffamierung Andersdenkender hat in vielen Debatten den Wettbewerb der Ideen ersetzt.»

Das spaltet die Gesellschaft und verschärft die vorhandene «weltanschauliche Polarisierung» (Jürgen Habermas). In diesem Sinne müsste die Vertrauenskrise nicht als Problem einer rechtspopulistisch verführten, dummen Masse verstanden werden. Sie ist vielmehr ein Weckruf für Regierungen und Medienschaffende, besser zu regieren und einen Journalismus zu betreiben, der die Mündigkeit des Publikums wieder ernst nimmt. Ebenso gilt es, Querdenkern und Grundsatzkritikern wieder einen Platz am Tisch der Debatten zu geben – statt sie aus der Gemeinschaft der Vernünftigen zu exkommunizieren.

Freie Gesellschaften verlieren ihren Boden, wenn Politik und Medien sich als Oberlehrer aufspielen. Fühlen sich Kritiker isoliert, unterminiert dies den gesellschaftlichen Zusammenhalt und fördert gerade jenen Geist des Misstrauens, den es zu bekämpfen gilt. Die Stärke der «Wutbürger» und «Verschwörungsapostel» ist die Schwäche eines selbstgerechten Establishments: Das zu verstehen, wäre der erste Schritt zur Besserung.

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In Institutionen wie der Landsgemeinde in Appenzell zeigt sich das Vertrauen, das aus Vorhersagen entsteht, die mit der Realität übereinstimmen. Bild: Keystone/Christian Merz.
Vertrauen ist ein Naturgesetz

Von der Zelle über das Organ bis zum Menschen und zu Institutionen: Sie alle treffen Vorhersagen, um am Leben zu bleiben; das ist Leben. Wenn eine Vorhersage verlässlich ist, entsteht Vertrauen. Zu leben heisst, auf Vorhersagen zu vertrauen, die über Milliarden Jahre verfeinert wurden.

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