Gesinnung vor Logik

Dass Studenten sich für Gerechtigkeit einsetzen, ist nichts Neues. Doch mit ­ihrem selbstherrlichen Vorgehen werfen sie die Werte der ­Aufklärung über Bord.

Gesinnung vor Logik
Studenten und Aktivisten protestieren vor dem Natural History Museum in Manhattan, fotografiert von Chris Lee / VII / Redux / laif.

 

I

2014 formulierte die Harvard-Studentin Sandra Korn einen Vorschlag, den sie nicht nur ihrer eigenen Universität, sondern sogleich der gesamten Hochschullandschaft unterbreitete. «Lasst uns die akademische Freiheit zugunsten akademischer Gerechtigkeit preisgeben», verkündete sie in der Campus-Zeitschrift «Harvard Chronicle», wo sie das westliche Ideal einer nicht regulierten Wissenschaft eine «Doktrin» nannte.1 Dass der missbilligte universitäre Freiraum eine jahrhundertelange Emanzipationsgeschichte hinter sich hat, während derer er sich aus der doppelten Vormundschaft weltlicher Herrscher wie geistlicher Massregelung befreien musste und im 20. Jahrhundert zeitweise totalitären Ideologien geopfert wurde, schien Korn genauso irrelevant wie der Umstand, dass ebenjene Freiheit in manchen Ländern aus ­guten Gründen eine gesetzlich geschützte ist. Bedeutungslos schien ihr auch, dass es zwischen besagtem Ideal und vollends verwirklichter Unabhängigkeit der Forschung einen Unterschied gibt, den niemand bezweifelt. Nichtsdestotrotz bemühte die spätere Gender-Studies-Absolventin das Argument, dass universitäre Freiheit eine Chimäre sei: Höhere Bildungseinrichtungen könnten schliesslich nicht von sich behaupten, gegen Rassismus und Sexismus zu sein, zugleich aber wissenschaftliche Arbeiten gewähren lassen, die diese Probleme beförderten. «Wenn eine akademische Gemeinschaft Forschung beobachtet, die Unter­drückung bewirbt oder rechtfertigt, sollte sie sicherstellen, dass diese Forschung nicht fortgeführt wird», schrieb Korn weiter und nannte ihren gebieterischen Wunsch nach Einschränkungen einen «rigoroseren Massstab» als das, wovon sie sich damit unweigerlich absetzte: Objektivität, Nachvollziehbarkeit, Redlichkeit und Wahrheit.

 

II

Die Vorstellung einer angeblich akademisch beförderten Repression hat seit der Publikation von Korns Plädoyer erheblich an ­Popularität gewonnen. Die inhaltliche Bestimmung, auf welche Weise sich diese manifestiere, ist hingegen nur noch absurder ­geworden. Denn bei den angeblich Campus-generierten und -­abgesicherten Formen von «Unterdrückung», die Korn und Gleichgesinnte plagen, handelt es sich nicht etwa um Krieg, Folter, Versklavung, Vergewaltigung oder Ausbeutung, die vollumfänglich durch wissenschaftliche Studien gestützt würden. Vielmehr gilt ihnen eine Sache oder eine Person bereits dann als repressiv, wenn jemand einen solchen Eindruck von ihr hat – ein weiterer Nachweis muss nicht erbracht werden. Dass es sich hierbei häufig schon um blosse Äusserungen handelt, die unvorein­genommen auf Gegebenheiten hinweisen, verdeutlicht ein Zwischenfall, der sich 2018 an der Portland State University ereignete und exemplarisch für zahlreiche ähnliche steht. Als die Biologin Heather Heying auf einer Podiumsdiskussion darauf hinwies, dass Männer im Durchschnitt grösser seien als Frauen, verliess eine wutschnaubende Gruppe Studierender den Hörsaal und behauptete, dass die Referentin sowie alle anderen interessierten Zuhörerinnen einer «Gehirnwäsche» unterzogen worden seien und dass «Nazis in einer zivilisierten Gesellschaft nicht geduldet» würden.2 Am Evergreen State College in Olympia, Washington, war bereits im Vorjahr ähnliche Randale eskaliert, wobei Fakultätsangehörige zeitweilig von den Protestierenden eingesperrt worden waren. Deren konkrete Forderungen beliefen sich u.a. auf die Behauptung, dass Hausaufgaben «rassistisch» seien, weil sie Schwarze benachteiligten.3 Die Liste liesse sich fortsetzen und problemlos um Europa ergänzen: 2014 wurde eine den «Rassisten» Immanuel Kant behandelnde Pädagogikvorlesung an der Humboldt-Universität zu Berlin so lange unterbrochen, bis die herbeigerufene Polizei die Störenfriede hinauskomplimentierte. Auf den Schlichtungsversuch des Dozenten, die Studierenden zum Semesterende Abhandlungen schreiben zu lassen, in denen sie ihre Einwände erörtern sollten, erwiderten diese in gender- und queertheoretisch geschultem Neusprech: «Dies lehnten nicht nur dixs Studierxs, sondern auch wir* als Gruppe ab, weil diese Arbeit in unserem* Verständnis mit einem unzumutbaren Mehraufwand für diskriminiert Positionierte verbunden gewesen wäre, für den es weder Studienpunkte noch eine entgeltliche Ent_schädigung gegeben hätte, und dies an der aktuellen Situation nichts mehr hätte ändern können.»4

 

III

Die seither geführten universitären Debatten haben die zu­sehends rabiater werdenden Auseinandersetzungen nicht auf­geklärt. Sie sind vielmehr als wesentliche Wirkungsstätte eines soziopolitischen Phänomens zu verstehen, das aus vorgefertigten Gedanken Sinnstiftung zieht. Seit einigen Jahren firmiert dieses Milieu deshalb wahlweise als «Millennial Socialists», als «Social Justice Warriors» oder auch als «PoMo Bubble»; eine länderübergreifende Selbstbezeichnung existiert nicht. Dass sich diese pejorativen Betitelungen politisch widersprechen, verkompliziert die Angelegenheit nicht, denn die diversen Termini umschreiben ­jeweils dasselbe Problem, dessen ideologische Genese und Ausprägungen sie gleichwohl unterschiedlich beurteilen. Was die ­gemeinte Gruppe zuvörderst kennzeichnet, ist ein bestimmter ­Aspekt: Die Anhängerschaft dieser vermeintlich fortschrittlichen Ideen wähnt sich selbst – siehe Korn – im Einsatz für «Gerechtigkeit», die jedoch bezeichnenderweise nicht von der objektiven Kälte des Gesetzes her verstanden wird, sondern von der subjektiven Wärme des eigenen Gefühlshaushalts. Dass dies insbesondere Frustration, Ressentiment, Streitsucht und Wut sind, oftmals vorgetragen von Personen, deren tatsächliches politisches Interesse geradezu nachrangig ist und die rational offenkundig auch nicht mehr erreichbar sind, dokumentieren mittlerweile tausende aufgezeichnete Zwischenfälle im Internet: auf dem Campus, auf ­Demonstrationen wie auch in Alltagssituationen.

 

IV

Das negative Zauberwort, das in diesen Kreisen als hochgradig ­anstössig gilt und um das in den letzten Jahren auch akademisch – in Seminarräumen, auf Konferenzen, in Fachjournalen und in anderen Publikationen – ein nahezu kultischer Tanz aufgeführt worden ist, ohne dass das Objekt des Exorzismus je auf seine wissenschaftliche Haltbarkeit befragt worden wäre, lautet «Privilegien». Ein Privileg ist, zur Erinnerung, ein unverdienter Vorteil. Man geniesst Vorzüge, ohne etwas für diese getan zu haben – qua Geburt oder gesellschaftlicher Stellung etwa. Folgt man der diesbezüglichen Definition ebenjener jungen Feindinnen und Feinde der Forschungsfreiheit, kreierten solche Vorzüge im Alltag, im ­Berufsleben oder in der Paarbeziehung unentwegt komfortable Situationen für ein ohnehin bessergestelltes Individuum. Manche davon seien sichtbar (Geschlecht, Hautfarbe), andere (Bildung, ­sexuelle Orientierung) nicht bzw. nicht sofort, erlaubten aber ­beständig eine unkomplizierte Navigation durch Arbeitswelt und Freizeit, die andere unweigerlich schlechter stelle. Weil damit eine Omnipräsenz repressiver «Strukturen» postuliert werde – alles sei rassistisch, sexistisch, homophob usw. – und weil diese Vorteile zudem von ihren Nutzniessern bewusst oder unbewusst verteidigt würden, gebe es für diejenigen, die für randständig ­gehalten werden, keine Alternative, als besagte «Privilegien» anderer zu beschneiden. Erst eine radikale Umverteilung – und hier schliesst sich nun der Kreis zu Sandra Korns Forderung – käme «akademischer» oder «sozialer Gerechtigkeit» gleich. Werden den einen die angeblichen Vorteile genommen, bekämen andere mehr Raum, heisst es: Sie könnten dann endlich teilhaben an etwas, das ihnen aktiv vorenthalten würde, sich frei entfalten und in dem Masse Politik und Gesellschaft gestalten, wie es ihnen zustehe. Zudem würde so mit dem Ballast der vergangenen Jahrhunderte aufgeräumt und der Menschheit der Weg zu etwas Besserem ge­ebnet.

 

V

In diesem Heilsgedanken sind gleich mehrere Irrtümer angelegt. Zunächst einmal ist es kein Zufall, dass solche Postulate mit ­diversen Denkmodellen korrespondieren, die aus angeblich mino­ritärer Warte formuliert werden oder aber den angeblichen ­Versuch darstellen, aus der Mehrheit kommend ebenjene Mehrheit wachzurütteln. «Intersektionalität» etwa – die Vorstellung, dass eine Gesellschaft durch ihre internen «Differenzmarker» wie ­Geschlecht, Ethnizität, Behinderung usw. hierarchisch organisiert würde – ist mittlerweile zu einem akademischen Schlüsselbegriff avanciert. Im Schlepptau dieser angeblich minderheitensensiblen Lehre gedeiht mittlerweile völlig enthemmtes Ressentiment. Hierzu zählen u.a. die Critical Whiteness Studies, in denen eine weisse Hautfarbe a priori als unverdientes Privileg gilt, dessen angebliche Wirkmächtigkeit es ergo einzuschränken gelte. Aufgrund ihrer esoterischen Deutung angeblich unsichtbarer ­gesellschaftlicher Kräfte und dank Abwesenheit jedweder Methode rangiert die Wissenschaftlichkeit der auf Deutsch «kritische Weissseinsforschung» genannten Pseudoforschung ungefähr zwischen Tarotkartenlesen und Familienaufstellung. Ferner liegt ihr Impetus in der ritualhaften Selbstzurechtweisung an­geblicher «Privilegierter», an der nichts kritisch sein kann, weil solche öffentliche Fremd- und Selbstbeschämungen in jedweder Hinsicht hinter die Errungenschaften des modernen Zusammenlebens zurückfielen. Dass die Critical Whiteness Studies als geradezu paradigmatisches Beispiel für ein kalkuliertes Gemeinwohl stehen – als ob das Wegnehmen bei den einen automatisch etwas ausgleiche und anderen ohne weiteres etwas ermögliche –, verrät nicht nur ausserordentlich schlichte Vorstellungen von Gesellschaft, sondern auch ideologische Korrespondenzen. Ähnlichkeiten zwischen einem solchen Plandenken, das meint, im Wohle ­aller zu wirken, und einer Planwirtschaft sind augenscheinlich.

 

VI

Es ist ebenso offensichtlich, dass die jüngere Generation, die diesen vorgeblich um «Gerechtigkeit» kreisenden Ideen anhängt und ihr ostentatives Linkssein – das nunmehr in der Regel auf den ­Namen «progressiv» hört – damit gleichsetzt, nach Untergang des Ostblocks geboren worden ist. Sie kann deshalb keine persön­lichen Erinnerungen daran haben, was das Umverteilen angeb­licher «Privilegien» von oben konkret bedeutet, macht sich unzweifelhaft aber auch keine Mühe, in dieser Frage Bibliotheken zu konsultieren. Je weiter die historische Erfahrung von Arbeits­lagern, Gefängnisstrafen für eigenständiges Denken, unentwegter staatlicher Bevormundung im Alltag oder Hunger zurückliegt, desto grösser das Unvermögen, sich auszurechnen, was die eigenen, für grandios befundenen Ideen in Konsequenz bedeuten würden. Besserwisserische Gesten, moralische Triumphe und die Diffamierung anderer sind es, die in diesen Kreisen Kredibilität generieren, nicht aber Wissen und Abstraktionsvermögen – und noch weniger Innovation und Leistung. Dieses ideologische Aufblühen und die Sehnsucht nach Restriktionen sind die triste negative Bilanz einer Generation, für die Informationen so leicht ­verfügbar waren wie noch keiner vor ihr und die in der Breite eine weitaus bessere ökonomische Ausgangslage aufweist als alle ­Zuvorgekommenen.

 

VII

Ihre Funktion, eine Elite auszubilden, haben die Universitäten gesellschaftlich längst eingebüsst. Unzweifelhafter Ausdruck dessen ist die mangelnde Urteilsfähigkeit jener, die nun umso lauter agieren. Der ökonomische Kurzschluss, den die Streiterinnen und Streiter für eigens ausgelegte «Gerechtigkeit» ziehen und der sie zudem selbst betrifft, besteht darin, in den ihnen durch allerhand «Theorien» vermittelten Ideologemen Qualifikationen zu vermuten, von denen sie zugleich meinen, dass ihnen damit ­Türen in staatlichen Institutionen oder kulturellen Einrichtungen aufgehen müssten. Dass die Anhängerschaft dieser Vorstellungen in der Regel jung, bisweilen gar sehr jung ist und vor allem Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften anzieht, rächt sich auf dem Arbeitsmarkt spätestens dann, wenn die Absolvierenden erkennen, dass Rassismus und Sexismus zu kritisieren keine sonderliche Kompetenz ist und, in psychologischer Hinsicht, noch weniger ein Alleinstellungsmerkmal: Eine Kränkung ist auf diese Einsicht hin geradezu vorprogrammiert. Hochschulpolitisch ist es zudem mit Sicherheit kein Zufall, dass dieses Denken im deutschsprachigen Raum in jenem Moment Anklang fand, in dem ein Studium kaum mehr etwas kostete, dafür aber durch die Einführung des Bachelor- und Master-Systems vollständig verregelt worden ist. Insofern dramatisiert das Phänomen einen Trend, den es zu bekämpfen vorgibt, tatsächlich aber – wenn auch auf polternde Weise – selbst verkörpert. Das Fatale an dieser Denkweise und Haltung ist, dass es Kreativität und Originalität verunmöglicht, Konformität und Autoritätsglauben dagegen befördert. Am Ende gehen die Antworten den Fragen voraus: Man stelle sich eine akademische Welt vor, in der es nur noch «gerechte» Forschung gäbe, durchgeführt von «gerecht» ausgewählten Verantwort­lichen, die «gerecht» anmutende Überlegungen anstellen und mit «gerechten» Methoden vorgehen, die auf «gerechte» Resultate hinauslaufen. Das einzige, was hieran noch «gerecht» wäre, wäre ein artgerecht ans Phänomen angepasstes Berufsethos – nicht aber vermeintliche Gewissheiten durchbrechende, herausfordernde und unbequeme Erkenntnisse, auf die Neuerungen folgen können. Die politischen Konsequenzen, die sich aus der inneren Erosion akademischer Forschung und durch die äussere Anfeindung des aktivistischen Nachwuchses ergeben, liegen damit auf der Hand.

 

VIII

Einhalt gebieten kann diesem destruktiven Trend nur das, was sich historisch bereits bewährt hat: Die Erziehung zum mündigen Menschen und die Eigenverantwortung der einzelnen. Es liegt in den Händen jeder Professorin und jedes Dozenten, dem irrigen Wunsch nach «Gerechtigkeit» Paroli zu bieten, wie es auch Aufgabe von Kommilitoninnen und Kommilitonen ist, sich dem um sich greifenden Phänomen zu verweigern. Andernfalls werden den Forderungen nach Umverteilung angeblicher «Privilegien» rasch ganz andere folgen. An historischen Siegen des Ressentiments mangelt es nicht. Man sollte ihm nicht tatenlos dabei zusehen, wie es in der Gegenwart zu einem neuerlichen ansetzt.

  1. Sandra Y. L. Korn: The Doctrine of Academic Freedom. Let’s give up on academic freedom in favor of justice. In: The Harvard Chronicle, 18.02.2014. Nachfolgende Zitate ebd.

  2. Autumn Berend: Protests Don’t Stop Panel with James Damore at Portland State University, 21.02.2018,
    Ein Video des Ereignisses findet sich auf YouTube

  3. Aufnahmen der Geschehnisse finden sich auf YouTube

  4. Wissen gegen Ignoranz, «HU Statement zur Intervention vom 10.02.2014 und ­anderen Vorkommnissen».

«Wo Meinungen vom Mainstream
abweichen dürfen.»
Julia Hänni, Bundesrichterin,
über den «Schweizer Monat»