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Es braucht auch heute Gottvertrauen!

Es braucht auch heute Gottvertrauen!

 

Gott ist in unseren stetig säkularer werdenden Gesellschaften «out». Religion erscheint als Relikt längst vergangener Zeiten. Die Zahl der Kirchenmitglieder dezimiert sich rapide – in Deutschland ebenso wie in der Schweiz. Vertraut wird in Selbstoptimierung, vielleicht in politisch Verantwortliche, in Institutionen oder auch in die Kraft von Demokratie und Kultur. Manche vertrauen sogar Influencerinnen und Influencern. Braucht es da noch Gottvertrauen?

Ein trotziges «Ja!» meinerseits. Gottvertrauen ist für mich eine Lebenshaltung, und zwar keine billige. Sie ist für mich dreifach begründet: biblisch, biografisch und gesellschaftlich.

In der Bibel werden die Protagonistinnen und Protagonisten oft in Erinnerung gerufen: Es geht um den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Inklusiv gedacht: Es geht um den Gott von Hagar und Sarah, von Rebekka, Lea und Rahel. Es geht also um den Gott, der bereits Generationen begleitet hat – und das nicht nur durch rosige Zeiten. Menschen sind keine losgelösten Individuen, die kurze Zeit das Licht der Welt geniessen oder erleiden. Menschen stehen in einer Reihe der Kontinuität, von Gott hineingestellt. Das ist entlastend. Kein Mensch ist der Erste oder die Letzte unserer Art, sondern alle sind Teil eines grossen Ganzen, zusammengefügt von Gott.

Es ist der Gott, der dem Tod nicht das letzte Wort lässt, neutestamentlich gesprochen. Der Gott, der um den Zweifel Jesu weiss: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Aber auch dem Sterbenden noch die Zuversicht gibt: «Meinen Geist befehle ich in deine Hände.» Ein Gott, der nicht mit mächtigem Schwert in die Geschichte hineinwirkt, sondern Menschen die Kraft gibt, mit den Herausforderungen ihrer Biografie zu leben. Der Gott, von dem all die berührenden Geschichten der Bibel erzählen.

Kraft in schweren Zeiten

Biografisch steht für mich meine Grossmutter für Gottvertrauen. Sie war Jahrgang 1894, heiratete mit 20 einen Gutsverwalter in Pommern, bekam vier Kinder. Mein Grossvater glaubte nicht, dass die Sowjetarmee bis Pommern kommen würde. So standen sie erst am allerletzten Zug an, als die älteste Tochter mit dem dritten Kind in die Wehen kam. Sie mussten in Köslin bleiben, mein Grossvater wurde nach Sibirien deportiert, es folgte ein schrecklicher Winter mit Hunger, Angst und Vergewaltigung. Im Mai 1946 machte sich meine Grossmutter mit meiner Tante und den drei Kindern auf den Weg nach Westen, Burgholz in Hessen, wo ihre Schwester einen Förster geheiratet hatte. Sie hatte alles verloren, Mann, Heimat, Hab und Gut – und doch sang sie in der Küche voller Inbrunst: «Wer nur den lieben Gott lässt walten.» Uns Kindern hat das imponiert. So kann ein Mensch durchs Leben gehen, ganz gleich, was er durchmachen muss.

Ich erwähne bewusst meine Grossmutter und nicht eine der grossen Gestalten wie Dietrich Bonhoeffer. Karl Marx meinte, Religion sei «Opium des Volkes», ein Betäubungsmittel angesichts der Ungerechtigkeit dieser Welt samt Hoffnung auf ein besseres Jenseits. Ich bin jedoch überzeugt: Gottvertrauen hat vielen «kleinen» Menschen die Kraft gegeben, schwere Zeiten durchzustehen und Neues anzufangen. Wie sang einst Bettina Wegner: «Grade klare Menschen wär’n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat hab’n wir schon zu viel.»

Und schliesslich brauchen wir Menschen mit Rückgrat und Haltung heute in unserer Gesellschaft. Nehmen wir beispielhaft das Thema Migration. Die Fremdenfeindlichkeit, die heute um sich greift, ist unerträglich. Andere zu degradieren, die aus ihrer Heimat geflohen sind, um in Sicherheit leben zu können, kann aus christlicher Perspektive nicht gerechtfertigt werden. Andere wegen ihrer Herkunft zu diskreditieren, ist unfassbar engstirnig. Denn es geht nicht um Herkunft, vielmehr geht es um Zukunft, die wir miteinander gestalten. Es braucht Gottvertrauen, um das klar zu sagen. Jeder Mensch ist für alle, die Gott vertrauen, Geschöpf Gottes, ganz gleich, woher er kommt, ganz gleich, wie er aussieht oder in welcher Leistungsform er sich befindet.

Dem unsäglichen Hass und der Hetze im Netz gilt es entgegenzutreten. Wer an Gott glaubt, ist überzeugt, dass jeder Mensch eine eigene Würde hat und Respekt verdient.

Ein anderes Beispiel ist der Krieg in der Ukraine. «Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein», haben die Kirchen der Welt 1948 in Amsterdam proklamiert. Dafür gilt es heute einzutreten. Es braucht Gottvertrauen, sich der schleichenden Militarisierung in Sprache, Politik und im öffentlichen Diskurs entgegenzustellen. Wer den Rüstungswahn hinterfragt, setzt sich Diffamierung, Spott und Häme aus. Vertrauen in Gott aber gibt Mut. Seit Jesu Zeiten haben sich Christinnen und Christen eben nicht an die Tagespolitik angepasst, sondern sind den Provokationen Jesu gefolgt: «Steck das Schwert an seinen Ort!» oder «Selig sind, die Frieden stiften». Mehr noch: «Liebet eure Feinde, bittet für die, die euch verfolgen!»

Martin Luther brachte das Einzelgewissen ins Spiel der Geschichte. Der Mensch kann das eigene Gewissen in aller Freiheit, unabhängig vom Urteil anderer, schärfen und eine Haltung finden.

Vertrauen ist keine Einbahnstrasse

Gottvertrauen ermutigt Menschen zu einer persönlichen Haltung. Das gilt für Menschen jeder Religion. Der römisch-katholische Theologe Hans Küng hat das in seinem Lebenswerk «Projekt Weltethos» eindrücklich gezeigt. Leider gibt es in jeder Religion Fundamentalisten, die Menschen einer anderen Religion oder ohne Religion abwerten. Sie sind überzeugt, die alleinige Wahrheit zu besitzen und daher «höherwertig» zu sein. Das aber widerspricht der Grundüberzeugung aller Religion, dass jeder Mensch Geschöpf Gottes ist. Wenn religiös motivierte Akteurinnen und Akteure sich bewusst sind, dass andere Menschen durchaus andere Wege zu Gott finden, dann können Religionen viel dazu beitragen, dass Konflikte nicht verschärft, sondern entschärft werden.

Gottvertrauen spannt einen Bogen, ja den Regenbogen. Nach der biblischen Erzählung bereute Gott die Zerstörung, die die Sintflut angerichtet hatte. Gott selbst wollte nie wieder solches Leid verursachen: «Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.» Auf der anderen Seite des Regenbogens stehen die Menschen und sind gefordert, diesem Vertrauen gerecht zu werden. Es gilt, das Leben zu schützen und die Erde zu bewahren. Vertrauen ist keine Einbahnstrasse von Gott zum Menschen, sondern muss gegenseitig bestehen.

Christen entwickeln ihre Haltung von der Bibel her, durch ihre spirituelle Praxis, und leben sie in ihrem gesellschaftlichen Kontext. Dabei sind sie keine religiösen Spinner – oder Spinnerinnen. Sie kennen einen Resonanzboden, der tiefer geht als ein Parteiprogramm. Sie reihen sich ein in Jahrhunderte von Menschen, die von ihrem Glauben her für andere eingetreten sind, für Frieden, Mitmenschlichkeit, Shalom. Der hebräische Begriff beschreibt das auf wunderbare Weise. Gott kann vor Gewalt und Hass in dieser Welt nicht schützen. Aber Gott kann die Kraft geben, all dem etwas entgegenzusetzen. Darauf vertraue ich.

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In Institutionen wie der Landsgemeinde in Appenzell zeigt sich das Vertrauen, das aus Vorhersagen entsteht, die mit der Realität übereinstimmen. Bild: Keystone/Christian Merz.
Vertrauen ist ein Naturgesetz

Von der Zelle über das Organ bis zum Menschen und zu Institutionen: Sie alle treffen Vorhersagen, um am Leben zu bleiben; das ist Leben. Wenn eine Vorhersage verlässlich ist, entsteht Vertrauen. Zu leben heisst, auf Vorhersagen zu vertrauen, die über Milliarden Jahre verfeinert wurden.

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